Aimée & Jaguar Cover (© KiWi Verlag)

[Rezension] Aimée & Jaguar von Erica Fischer

Ja, was soll ich sagen? Aimée und Jaguar* ist ein ganz besonderes Buch. Erica Fischer hat wahre Begebenheiten zwischen Lilly Wust und Felice Schragenheim zur Zeit des Nationalsozialismus in einer Art biografischem Roman zusammengetragen und sie so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Die zum Erscheinungszeitpunkt 80-jährige Lilly erzählte der Autorin ihre tragische Liebesgeschichte mit der Jüdin Felice, die durch deren Deportation ein jähes Ende fand. Erstmalig ist die Geschichte 1994 im KiWi-Verlag erschienen und wurde durch nachträglichen Input von Zeitzeugen 2002 als erweiterte Ausgabe veröffentlicht. Das Taschenbuch* hat 313 Seiten und kostet 10,99 € und die Kindle Edition* 9,49 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Die 29-jährige und verheiratete Mutter von vier Kindern Elisabeth »Lilly« Wust und die 21-jährige Felice Schragenheim lernen sich 1942 in Berlin kennen und lieben. Lilly führt das zu dieser Zeit weit verbreitete Leben einer »Nazi-Mitläuferin«, deren Ehemann an der Front kämpft. Felice dagegen kämpft in einer antinationalsozialistischen Untergrundbewegung und ist mehr oder weniger untergetaucht. Wo sich Felice regelmäßig in homosexuellen Kreisen bewegt, ist für Lilly diese Erfahrung etwas ganz Neues, wodurch sie aufzublühen scheint. Die beiden schreiben sich Liebesgedichte und Briefe, in denen sie sich gegenseitig »Aimée« (die Geliebte Lilly) und »Jaguar« (Felice) nennen. Nachdem Felice Lilly gesteht, dass sie Jüdin ist, versteckt Lilly sie zusammen mit vier weiteren Jüdinnen in ihrer Wohnung – bis Felice schließlich von der Gestapo aufgespürt wird und ihr Leben im Konzentrationslager verliert.

Meine Meinung

Wenn ich dieses Buch mit einem Wort beschreiben müsste, so wäre es »intensiv«. Die Autorin schafft es, sorgfältig recherchierte Fakten in einem Erzählfluss niederzuschreiben, der durch die Liebesgedichte und Briefe zwischen Lilly und Felice ergänzt und dadurch bereichert wird. Man merkt, dass sich Erica Fischer intensiv mit der damaligen Zeit und vor allem Lilly Wust selbst befasst hat, die ihr einen ganz persönlichen Einblick in die Geschehnisse geben konnte. Im letzten Teil des Buches sind eine Reihe an Fotos und Dokumenten zu sehen, die die Echtheit dieser Tragödie für den Leser noch verstärken. Nicht nur einmal blätterte ich beim Lesen zu den Fotos, um mir die Personen in Lillys und Felices Leben, und nicht zuletzt Fotos der beiden selbst, anzusehen und mir vorzustellen, wie das damals gewesen sein muss. Man hofft ja beim Lesen eines Buches immer irgendwie auf ein Happy End. Man weiß von vorneherein, dass die Geschichte mit Felices Tod endet, und trotzdem gibt man die Hoffnung nicht auf, weil auch Lilly nie die Hoffnung aufgibt. Bis zuletzt erwartet sie wie verzweifelt Felices Rückkehr. Das ist es genau, was mich so in die Tiefe gerissen hat – Lillys Worte, ihre letzten Briefe an Felice, auf die sie keine Antwort mehr bekam. Man könnte meinen, dass die Geschichte von zwei Heldinnen handelt; von zwei Frauen, die sich zu ihrer Herkunft und Liebe bekannten und dafür leiden mussten. Doch so ist es nicht. Weder Lilly noch Felice wurden wegen ihres homosexuellen Verhaltens belangt. Felice wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft deportiert. Auch diese Tatsache verstärkt in meinen Augen nochmal die Intensität der Geschichte, die lediglich die Realität widerspiegelt.

Fazit

Meiner Meinung nach gehört das Buch Aimée und Jaguar: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943* definitiv zu denjenigen Büchern der lesbischen Literatur, die man unbedingt gelesen haben sollte. Als Ergänzung bietet sich auch die Verfilmung* aus dem Jahre 1998 mit Maria Schrader und Juliane Köhler in den Hauptrollen an.

Weil es sich um eine Biografie handelt,
gibt es an dieser Stelle keine Punkteverteilung.

Eure Hannah 🙂

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2 Gedanken zu “[Rezension] Aimée & Jaguar von Erica Fischer

  1. Ich habe dieses Buch vor kurzem beendet. Mir fiel es deutlich schwer mir bewusst zu machen, dass das unser Deutschland war. Dass so tatsächlich mal der „Alltag“ aussah, dass Leute tatsächlich solche grauenhaften Dinge tun konnten. Und ganz besonders fällt es mir schwer mir bewusst zu machen, dass das erst vor kurzem geschehen ist. Der zweite Weltkrieg, die Nazi-Zeit, Hitlers Regime sind noch nicht so lange her. Dieser Einblick in das Leben dieser zwei Frauen war lehrreich, emotional und wirklich sehr detailliert recherchiert. Ich bin beeindruckt.

    Dass man doch noch mitfiebert auf ein Happy End, obwohl man ja das Ende der Geschichte bereits kennt, damit gebe ich dir zu hundert Prozent recht. Immer wieder im Buch musste ich mich daran erinnern, dass Felice am Ende nicht überlebt und es hat mich teilweise hart getroffen. Lillys Warten und Hoffen tat gleichzeitig gut und weh.

    Ich werde niemals verstehen wie Menschen so grausam zueinander sein können.
    Ich bin sehr froh, dass Lilly und Felices Geschichte in diesem Buch verewigt wurde.

    Ist zufällig bekannt wie lange die Autorin insgesamt an dem Band gearbeitet hat? Inklusive der intensiven Recherche.

    Gefällt 1 Person

    • Ich kann deine Gefühle nach dem Lesen sehr gut nachvollziehen. In vielerlei Hinsicht ging es mir genauso. Es ist einfach so furchtbar, dass das und viele andere Dinge tatsächlich passiert sind.

      Ich habe leider keine Informationen dazu gefunden, wie lang die Autorin am Buch gearbeitet hat. Das war sicherlich eine sehr intensive und akribische Recherche.

      Gefällt 1 Person

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