Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten Cover (© Fischer Tor Verlag)

[Rezension] Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (Wayfarers #1) von Becky Chambers

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten* – was für ein Titel, der da aus Becky Chambers‘ Feder geflossen und wörtlich aus dem Englischen übersetzt worden ist. Wir haben es hier mit waschechter LGBT+-Science-Fiction zu tun, die kaum diverser sein könnte. Beim Recherchieren für neue Bücher bin ich irgendwie auf den zweiten Teil des Wayfarer-Universums gestoßen, der im Januar dieses Jahres erschienen ist: Zwischen zwei Sternen*. Doch wie das eben so ist, fange ich nie mit dem zweiten Teil einer Reihe an, sondern beginne mit dem Ursprung, weshalb ich schnurstracks in meine Buchhandlung marschierte und mir dieses wunderbare Buch zu Eigen machte, das seinen Weg im Oktober 2016 nach Deutschland gefunden hat. Es hat 544 Seiten, ist im Fischer Tor Verlag erschienen und kostet 9,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Rosemary tritt eine neue Stelle auf der Wayfarer an, ein Raumschiff, das Wurmlöcher zur Verbindung weit entfernter Galaxien in den Raum bohrt. Zur Crew gehören der Kapitän Ashby, der eine nicht tolerierte Fernbeziehung mit einer Äluonerin führt, die Pilotin Sissix, deren Spezies so viel offener als die der Menschen zu sein scheint, die bei zwei Vätern aufgewachsene Technikerin Kizzy und ihr Kollege Jenks, der sich in die künstliche Intelligenz des Schiffes verliebt oder Dr. Koch, einer der letzten seiner Art, der Mutter und Vater zugleich sein kann. Ashby nimmt den großen und auch etwas riskaten Auftrag an, einen Tunnel zum weit entfernten Planeten Hedra Ka zu bohren. Auf dieser Mission lernt Rosemary ihre Crew nicht nur besser kennen, als sie gedacht hätte, sondern erlebt auf dem langen Weg zu diesem kleinen zornigen Planeten auch noch allerhand…

Meine Meinung

Eigentlich lese ich wirklich gerne Science Fiction. Warum greife ich also so selten danach? Das muss ich dringend ändern. Bisher habe ich allerdings wenn, dann eher actiongeladene Bücher dieses Genres gelesen, was nicht unbedingt das erste Wort ist, das mir bei diesem Buch in den Sinn kommt. Es gibt zwar einige Actionszenen, es muss ja immer etwas Dramatisches passieren, aber diese sind keineswegs die vorherrschenden dieser Geschichte. Stattdessen ist es sehr auf seine diversen und komplexen Charaktere und deren Beziehung zueinander ausgelegt. Wir erfahren, wie es in ferner Zukunft eine Art Europäische Union auf Galaxieebene gibt, wie mit körperlichen und kulturellen Unterschieden der verschiedenen Spezies umgegangen wird, wie diese Spezies miteinander leben und lieben und sich gemeinsam weiterentwickeln.

Rosemary ist Marsianerin, einer die ersten Menschen, die nach dem Zerfall der Erde ihren Heimatplaneten verließen und den Mars besiedelten. Durch ihr Studium kennt sie sich mit vielen Kulturen und Sprachen anderer Spezies aus und sieht diese neue Stelle als Chance, ihrem derzeitigen Leben dort vorerst zu entfliehen. Der Einstieg in diese zukünftige Welt ist mir sehr leicht gefallen, die Autorin wiederholt sich gelegentlich in der Beschreibung der verschiedenen Arten, damit man nicht in die Verlegenheit kommt, zurückblättern zu müssen, weil man sich z. B. unter Harmagianern nichts mehr vorstellen kann. Geschrieben sind die Kapitel aus den verschiedenen Blickwinkeln der Hauptcharaktere, also (Teilen) der Crewmitglieder oder auch ab und zu eines Nebencharakters, wodurch man einen Einblick in die Denkweisen der verschiedenen Spezies erhält. Es war wirklich lustig, wie komisch wir Menschen mit unseren Eigenheiten und unserem Aussehen auf andere wirken können, die kulturell ganz anders aufwachsen.

Die (Nächsten-)Liebe spielt in diesem Buch zwar eine übergeordnete, jedoch keine vorherrschende Rolle. Es geht mehr um das Überwinden von Vorurteilen und das füreinander Einstehen; doch trotzdem möchte ich euch verraten, dass sich im Laufe der Geschichte eine liebesbasierte Verbindung zwischen zwei weiblichen Personen entwickelt.

Beim Lesen wurde das Buch für mich wie ein Zuhause. Es ist gemütlich, man öffnet es gerne, verliert sich darin, es sind (fast nur) liebe Personen um einen herum und man fühlt sich einfach wohl. Das ist vielleicht auch der Knackpunkt, warum das Buch eingefleischten Science-Fiction-Fans nicht zusagen könnte. Der Spannungsbogen ist nicht besonders groß, die Widrigkeiten, denen sich die Crew stellen muss, sind gut überwindbar, weil alle zusammenhalten und es endet mit (fast) keinen größeren Verlusten. Einen wird es geben, dieser hat mich auch ein paar Tränchen verdrücken lassen, allerings nicht in die tiefe Verzweiflung gerissen, wie es schon so manch andere Geschichte geschafft hat. Es ist eben ein Wohlfühlbuch, eines, das man lesen kann, wenn man dringend ein bisschen Glauben an die Gesellschaft braucht. Dass wir fähig sind, zusammenzuarbeiten und dass immer zuerst die Person im Vordergrund steht.

Technisch/wissenschaftlich gesehen bekommt man in der Geschichte eher weniger mit. Auch der Hauptauftrag, ein Wurmloch zum weit entfernten Planeten zu bohren, wird zur Nebensache und fließt nur immer wieder am Rande ein. Dafür könnten die Charaktere nicht dreidimensionaler sein. Nicht lebensechter, nicht liebenswürdiger. Ich bin SO froh, dass es (mindestens) zwei weitere Bände aus dem Wayfarer-Unisversum geben wird, auch wenn jedes Buch in sich abgeschlossen ist. Im zweiten Teil geht es um zwei Personen, die in diesem ersten Teil nur als Nebencharaktere ein paar kurze Auftritte hatten, auf deren weitere Entwicklung ich aber unglaublich gespannt bin. Ebenso hoffe ich einfach darauf, dass man sich auf ein Wiedersehen mit der Crew der Wayfarer freuen kann!

Fazit

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten* ist insbesondere Science-Fiction-Einsteigern zu empfehlen oder aber denjenigen, die eine Pause von verlustreichen, brutalen Kämpfen und tiefster Verzweiflung brauchen. Die Darstellung von (zukünftiger) Vielseitigkeit und deren Akzeptanz ist einmalig. Becky Chambers hat hier eine Geschichte erschaffen, von der wir uns speziell im Umgang miteinander alle eine Scheibe abschneiden können.

Humor: ●●●●○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Buchstabenstadt • Lesemensch • Moyas Buchgewimmel • Tintenmeer

Eure Hannah 🙂

*BEI DEN LINKS HANDELT ES SICH UM AFFILIATE-LINKS. DAS BEDEUTET, DASS ICH VON AMAZON EINE KLEINE PROVISION BEKOMME, WENN JEMAND ÜBER DIESEN LINK DIESES PRODUKT KAUFT. WENN DU MÖCHTEST, KANNST DU MICH SO GANZ LEICHT EIN KLEINES BISSCHEN UNTERSTÜTZEN, OHNE DASS DIR DABEI ZUSÄTZLICHE KOSTEN ENSTEHEN.

9 Gedanken zu “[Rezension] Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (Wayfarers #1) von Becky Chambers

  1. Eine schöne Rezension! Das Buch hat mich damals völlig überrascht, weil ich automatisch etwas ganz anderes erwartet habe. Bin gespannt, wie du dann den zweiten Band findest. 🙂

    Liebe Grüße,
    Sam

    P.S.: Danke für die Verlinkung zu meiner Rezension. :*

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sam,

      ich habe vor dem Lesen auch irgendwie mit etwas weniger Emotionalem oder… Menschlichem gerechnet. Das war jedenfalls eine schöne Überraschung! 🙂 Band 2 werde ich sicher auch bald lesen.

      Liebe Grüße,
      Hannah

      P.S.: Sehr gern! Ich mag deine Rezensionen. 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Hannah,
    vielen Dank fürs Verlinken! Deine Rezi hat mir gut gefallen. Ich kann dir nur zustimmen. Das ist wirklich ein Wohlfühlbuch vom Titel bis zum letzten Satz. Mich hat sehr beeindruckt, wie die Autorin – ohne ausschweifend zu werden – immer wieder tiefe Gedanken eingeflochten hat, die im Leser länger nachhallen. Einfach toll!
    Liebe Grüße aus dem Tintenmeer,
    Sandy

    Gefällt 1 Person

  3. Was für eine schöne und ausführliche Rezension. Das Buch subbt bei mir auch nur rum und muss im Zuge einer Lesechallenge bis im Juni gelesen werden. Deine Rezi hat mir auf alle Fälle gleich Lust darauf gemacht, es bald zur Hand zu nehmen 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Freut mich, dass ich dir damit den Lesestart vereinfachen konnte! 🙂 Ich freue mich immer sehr, wenn mich ein Buch, das ich ewig auf dem SuB hatte, dann doch total in seinen Bann zieht und damit überrascht. Vielleicht geht es dir hier ja auch so. Ich drücke die Daumen. 🙂

      Liken

  4. Nach dem ich schon so viel gutes gehört habe von dem Buch und jetzt nach deiner auafürlichen Rezension werde ich mir wohl als nächstes zu legen. bin gerade eh nach einer Sci-fi Phase und das Buch klingt nach einem, dass ich lieben werde. insbesondere das ich mich mit Technik und Wissenschaft eher weniger auskenne und es mag, wenn der Fokus auf den Protagonisten liegt

    Gefällt 1 Person

    • Dann könnte dir das Buch wirklich gefallen! Es fällt so ein bisschen aus dem üblichen SciFi-Rahmen, ohne dabei weniger spaceig zu sein. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und bin gespannt, wie es dir gefällt!

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s