54 Minuten Cover (© Fischer FJB Verlag)

[Rezension] 54 Minuten von Marieke Nijkamp

Wie lang können 54 Minuten sein? Wie lange bin ich um den Jugendroman von Marieke Nijkamp herumgeschlichen, bis ich ich doch endlich zugeschlagen habe. Manchmal braucht es nur ein »Du musst es unbedingt lesen!« von einer guten Freundin, die das Buch sozusagen gerade erst zugeklappt hat und daher noch vollkommen von der fesselnden Stimmung zehrt. Auf der Heimfahrt begonnen, am nächsten Tag beendet, waren 54 Minuten furchtbar lang und gleichzeitig furchtbar kurz. 54 Minuten* mit dem Untertitel »Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe« ist im September 2017 im Fischer FJB Verlag erschienen, hat 336 Seiten und kostet 14,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Der Beginn einer Rede zum Start des zweiten Schulhalbjahres wie jedes Jahr in Opportunity. Dieselben Worte wie jedes Jahr. Alles gleich. Doch dann lassen sich die Türen nicht öffnen und ein Junge mit einer Waffe betritt den Raum. 54 Minuten vergehen, bevor dem ein Ende gesetzt wird. Aus vier verschiedenen Sichtweisen erleben wir das Geschehen: Claire, die sich beim ersten Schuss zum Sondertraining auf der Laufbahn befindet. Tomás, der sich verbotenerweise im Büro der Schuldirektorin aufhält. Sylv, seine Schwester, die mitten im Geschehen steckt. Wie auch ihre Freundin Autumn, die für ihr Leben gern tanzt.

Meine Meinung

Durch das vermehrte Aufkommen von Amokläufen an Schulen und nicht zuletzt den Anschlag auf das Konzert in Paris kam ich nicht umhin, mich zu fragen: Wie würde ich reagieren? Was würde ich tun? Kann ich mir nur annähernd vorstellen, was einem in so einem Moment durch den Kopf rast? Die Antwort auf die letzte Frage ist einfach: Ich kann es nicht.

Als ich noch bei Stuttgart auf die Schule ging, ereignete sich im März 2009 der Amoklauf von Winnenden, gar nicht so weit von uns entfernt. Ich erlebte, wie sich meine Klassenkameradin Sorgen um eine Freundin machte, die dort zur Schule ging. So nah und zugleich so weit entfernt war ich damals diesem Ereignis. Jahre später las ich das Buch Die Schüler von Winnenden: Unser Leben nach dem Amoklauf*, in dem Überlebende über ihre Erlebnisse und ihre Erfahrungen nach der Tat schreiben. Das hat mich damals echt mitgenommen und nun stand ich 54 Minuten* vielleicht doch ein klein wenig skeptisch gegenüber, weil ich noch keinen fiktiven Roman zu diesem Thema gelesen hatte und auch nicht so recht wusste, ob man das überhaupt sollte – sich eine Geschichte dazu ausdenken. Aber wie bei allem anderen auch, gibt es beim Schreiben keine Grenzen; das ist auch eine Sache, die ich an Büchern so sehr liebe: Es gibt keine Tabus. Alles, worüber die Gesellschaft sonst gerne schweigt, steht zumindest in irgendeinem Buch.

Was von diesem Roman hängen geblieben ist: Die Autorin ist gnadenlos. Du hoffst, dass das Unvermeidliche nicht eintritt, dass doch noch alles gut wird. Aber das wird es nicht. Eine Bewegung mit dem Finger, schon trifft es den Nächsten. Schwestern, Brüder, Freunde, Geliebte. Marieke Nijkamp schreibt authentisch, einfach und ungeschönt. Die Dramaturgie entsteht durch die Einfachheit ihrer Worte, sie entsteht in unseren Köpfen und muss nicht durch ausschweifende Gedankengänge der Protagonisten hervorgerufen werden.

Durch Rückblicke in den Gedanken erfahren wir mehr über die vier Hauptcharaktere, was sie ausmacht, wie sie zu denjenigen wurden, die sie sind. Wie Autumn und Sylv zueinanderfanden, sich lieben lernten und was das mit der schrecklichen Tat zu tun hat, die sich nun vor ihren Augen abspielt. In welcher Verbindung Claire zum Täter und den anderen steht, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie Tomás einmal in seinem Leben stolz auf seine Handlungen sein kann und die Kluft zwischen sich und seiner Schwester zu schließen versucht.

Doch trotz dessen, dass ich die letzten Seiten durch meinen Tränenschleier kaum lesen konnte, blieb der Gedanke, ob sich eine solche Tat so schwarzweiß darstellen lässt. Dass der Täter vollkommen böse ist und durch Auslöser dazu getrieben wurde, die ich nicht vollständig nachvollziehen kann. Auch ein letzter Verlust bleibt fragwürdig, ob sich das nicht auch anders hätte lösen können. Ob das wirklich notwendig war oder ob das nur der zusätzlichen Dramaturgie und des sogenannten Heldentods diente, um der Person mehr Bedeutung zukommen zu lassen.

Auch wenn die Kommerzialisierung solcher Vorfälle zumindest ein wenig bedenklich ist, ist es wohl nichts anderes, als jedes andere Ereignis der Geschichte, woraus weitere fiktive Geschichten entstanden sind. Vielleicht macht die Autorin so auch etwas greifbarer, wozu wir Menschen fähig sind, was uns dazu verleitet, sämtliche Prinzipien über Bord zu werfen, aber auch über uns hinauszuwachsen und unserer Angst ins Auge zu sehen, um anderen zu helfen.

Fazit

54 Minuten* hat mich sehr mitgenommen. Marieke Nijkamp schreibt in prägnanter, einfacher Sprache, wordurch man das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein. Sie beschönigt nichts und bleibt erbarmungslos, bis man innerlich völlig kapituliert. Auch wenn es fragwürdig bleibt, ob aus so einem schrecklichen Thema Unterhaltungsliteratur entstehen sollte und der Hintergrund der Tat doch sehr schwarzweiß dargestellt wird, finde ich es wichtig, dass dieses Buch geschrieben wurde. Durch die Liebesbeziehung zweier Hauptcharaktere gewinnt das Buch außerdem an Diversität, was ich, wie ihr mich kennt, unbedingt positiv hervorheben muss.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●●●
Liebe: ●●●●○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Bücherzelt • Buchstabenstadtnobody knows • privatkino Literatur&Filmblog

Eure Hannah 🙂

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