Als Maria in Dublin die Liebe fand Cover (© Verlag Krug & Schadenberg)

[Rezension] Als Maria in Dublin die Liebe fand von Emma Donoghue

Spätestens mit Raum* gelang Emma Donoghue der Durchbruch als grandiose Schriftstellerin, der im März 2016 sogar auf die Leinwand kam. Ihre Vielseitigkeit im Schreiben legt sie nicht zuletzt durch ihren neuesten Roman Das Wunder* dar, in dem ein kleines Mädchen scheinbar nur durch Gottes Willen ohne Nahrungszufuhr gesund und munter ist. Auch mit ihrem Debüt Als Maria in Dublin die Liebe fand*, das als überarbeitete Version nach 1996 mit alten dem Titel Zartes Gemüse, scharf gewürzt* nun im Verlag Krug & Schadenberg neu aufgelegt worden ist, zeigt sie eine ganz andere Seite von sich. Das Buch hatte ich damals schon in meinem ersten Neuerscheinungs-Beitrag vorgestellt und war sowohl vom Titel als auch vom Cover verzaubert. Das bin ich immer noch. 🙂 Diese hübsche, neue Version gibt es seit November 2017, hat 320 Seiten und kostet 16,90 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Die 17-jährige Maria zieht vom Land zum Studieren in die Stadt – und zwar in keine andere als Dublin. Übergangsweise wohnt sie dort bei ihrer Tante; doch um die volle Unabhängigkeit des Studentendaseins zu genießen, braucht sie eine eigene Bleibe. Schon bald zieht sie in eine WG mit zwei Studentinnen, beide deutlich älter als sie. Jael ist direkt, lustig und intuitiv; die Feministin Ruth dagegen eher ruhig, warm und verlässlich. Erst mit der Zeit begreift Maria, dass die beiden ein Liebespaar sind. Was sie zunächst abschreckt, wird doch bald zum Alltag und die Freundschaft zu ihren Mitbewohnerinnen hilft ihr dabei, ihren ganz eigenen Weg zu finden…

Meine Meinung

Ich fange mal so an: Die Geschichte hat Emma Donoghue 1994 veröffentlicht, das war vor sage und schreibe 24 Jahren. Sie kann also gar nicht jenes Level von (Selbst-)Akzeptanz verkörpern, das in der heutigen Gesellschaft vorherrschend ist. Homosexuelle waren zu dieser Zeit im super-katholischen Irland zwar den meisten ein Begriff, verpönt waren sie trotzdem in den meisten Fällen. Es ist also nicht allzu überraschend, dass Marias erste Gedanken zum Entdecken der Beziehung ihrer Mitbewohnerinnen Abscheu sind und Angst, selbst für eine Lesbe gehalten zu werden, weil sie mit ihnen zusammenlebt. Doch diese Gedanken bleiben nicht lange. Maria verteidigt sie, weil sie gute Freundinnen für sie geworden sind und sie gerne Zeit mit ihnen verbringt.

Maria verkörpert zu Beginn genau das, was man von einer 17-jährigen Studentin in der Stadt erwartet: Naivität, gleichzeitig Neugier und Offenheit. Die Naivität legt sie auch mit der Zeit nicht ab, doch sie gewinnt immer mehr an Tiefe; denn sie wächst an ihren Erfahrungen und überrascht mit ihrer Schlagfertigkeit nicht nur ihre Umgebung, sondern auch iden Leser. Mit 17 ist man nicht festgelegt, man weiß nicht genau, welchen Weg man einschlägt und man muss seinem gewählten Weg auch nicht treu bleiben. Man hat Möglichkeiten. Und genau dafür steht Marias Geschichte. Sie nimmt es sich heraus, unsicher sein zu dürfen und letztlich genau das zu tun, was ihr Bauch und vor allem ihr Herz ihr sagt. Das innerste Gefühl.

Ich muss gestehen, dass ich über eine lange Zeit nicht wusste, worauf dieses Buch hinausläuft, und das ahne ich in den meisten Büchern doch meistens schon so früh, dass es wie zur Gewohnheit für mich geworden ist. Es gibt hier nicht DEN Love Interest, bei dem man sich denkt – Maria, mach die Augen auf, du hast sie doch direkt vor dir! Zumindest nicht am Anfang. Irgendwann fällt der Groschen, auch wenn man es schon früher hätte ahnen können, denn die Autorin weiß auf unterschwellige Weise feine Empfindungen zu streuen, die beim Leser ein warmes Gefühl hinterlassen und doch nicht als solche erkennbar sind.

Emma Donoghue schreibt sehr subtil, sie stößt uns nicht mit der Nase auf Dinge, die wir, genau wie Maria, selbst erkennen sollen. Ich war sehr beeindruckt, wie fein und versteckt sie uns an Marias Gefühlswelt teilhaben lässt, auch wenn die Geschichte aus deren Sicht erzählt wird. Denn sie weiß es selbst nicht genau. Wie sehr spüren wir eigentlich in unsere eigenen Empfindungen hinein? Und wie sehr taten wir das mit 17 Jahren? Ich glaube, da haben wir alle noch Luft nach oben. Was die innere Entwicklung angeht, hat mich dieses Buch sehr stark an Aristoteles und Dante erinnert, die mich total umgehauen haben, gerade weil ich bis zum Schluss nicht sicher war, ob SPOILER Ari sich am Schluss zu Dante bekennt oder ob sich das nur in meinem Kopf abspielen würde, doch ich hatte Glück SPOILER ENDE. Diese Erfahrung, dass der Autor bzw. die Autorin diese Gefühle so gut kennt, dass sie uns diese jugendliche Verwirrung so glaubhaft spüren lässt, löste in mir doch ein kleines bisschen Wehmut aus, denn 17 waren wir schließlich alle einmal.

Das Buch kommt ohne großen Spannungsbogen aus. Es erzählt auf ruhige Weise Marias Geschichte und vermittelt das Gefühl von realem Leben, nicht mehr und nicht weniger. Auch das Ende orientiert sich an keinem klassischen »und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende«; vielmehr ist das Ende eigentlich erst ein Anfang. Wir werden dazu animiert, die Geschichte selbst weiterzuspinnen. Wer (halb-)offene Enden nicht mag und generell lieber spannende, dramatische, fertig erzählte Geschichten liest, den wird Marias Geschichte langweilen. Das eigene Leben beeinflusst sie erst mit unserer Denkleistung, mit unseren Grübeleien über das Geschriebene. Als Maria in Dublin die Liebe fand* ist für mich ein kleines Stück dahinplätscherndes, aber genussvolles, echtes Leben.

Fazit

Als Maria in Dublin die Liebe fand* ist eine ruhige, sehr realistische Geschichte über die zarten, langsam wachsenden Gefühle der ersten Liebe in einem Umfeld, in dem Homosexuailität noch nicht zur Normalität gehört. Trotzdem wird es nicht zum übergroßen Thema aufgebauscht und es ist ein Genuss, sich in der Dubliner Studentenwelt zu verlieren. Maria Donoghue ist für die Diversität ihrer Art zu schreiben bekannt. Mit diesem Debütroman legte sie den Grundstein für ihre weiteren Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Für Fans der Autorin unbedingt zu empfehlen, um ihre Ursprünge kennenzulernen.

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Obwohl es das Buch in Deutschland schon seit 1996 gibt, habe ich dazu leider keine Rezension gefunden. Ich vermute, es ist der Digitalisierung irgendwie durch die Finger gerutscht. Ein Grund mehr, das jetzt zu ändern! Wenn ihr andere Rezensionen dazu kennt, freue ich mich sehr, wenn ihr sie hier verlinkt oder mich anderswie daraf aufmerksam macht. 🙂

Englische Reviews zur Originalausgabe »Stir-Fry«: Kirkus • Devouring Texts

Eure Hannah 🙂

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6 Gedanken zu “[Rezension] Als Maria in Dublin die Liebe fand von Emma Donoghue

  1. […] Dieses gute Stück erscheint unter neuem Namen erstmals im Verlag Krug & Schadenberg. Emma Donoghue ist wahrscheinlich spätestens durch ihren bahnbrechenden Roman Raum* und der gleichnamigen Verfilmung* aus dem letzten Jahr den meisten ein Begriff. Nachdem mich dieses Buch so wahnsinnig umgehauen hat, ist es für mich an der Zeit, auch ihren anderen Romanen die Chance dazu zu geben; nicht zuletzt weil Emma Donoghue auch die gleichgeschlechtliche Liebe in ihren Romanen behandelt. Als Maria in Dublin die Liebe fand* handelt jedenfalls von der 17-jährigen Maria, die zum Studieren nach Dublin (allein deshalb muss ich es schon unbedingt lesen! Tolle Stadt!) in eine WG zieht, in der (wie sie später feststellt) außer ihr noch ein lesbisches Liebespaar lebt. Langsam beginnt sie, auch ihre Sexualität in Frage zustellen… Das Buch ist im englischen Original Stir-Fry* schon im Jahr 1994 erschienen und 1996 auf Deutsch unter dem Titel Zartes Gemüse, scharf gewürzt; was allerdings nicht mehr erhältlich ist. Das neue Cover finde ich aber, um ehrlich zu sein, viel schöner und auch den Titel ansprechender. Das Buch erscheint voraussichtlich am 15. November sowohl als Kindle Edition* für 12,99 € und als Taschenbuch* mit 240 Seiten für 16,90 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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  2. Hallo Hannah,

    endlich bin ich dazu gekommen, Maria in Dublin zu begleiten.
    Das Erste was ich aus deiner Rezension unterstreichen will, ist, dass ich über viele Seiten keine Ahnung hatte, wie die zu findende Liebe letztlich aufgelöst werden würde. Ich bin mir tatsächlich nicht sicher, ob ich diese langsame Entwicklung gut oder schlecht finde, zu gewissen Zeiten habe ich mich tatsächlich ein wenig gelangweilt.

    Was ich allerdings interessant finde, und in dem Punkt muss ich dir ein Stück weit widersprechen, ist, wie aktuell die angesprochenen Probleme auch heute noch sind. Natürlich merkt man, dass das Buch so alt ist, spätestens wenn das erste mal eine Telefonzelle benutzt wird. Aber die sozialen Ungerechtigkeiten und Vorurteile sehe ich heute wie damals gegeben. Zum Beispiel wurde die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern angesprochen, was aktueller nicht sein könnte. Leider kann ich deine Beobachtung, in einer Gesellschaft mit normalisierter Homosexualität zu leben, nicht teilen. Bei einem Kuss wurden zB. schon Nahrungsmittel nach uns geworfen. OK, ich komme vom Dorf, da mag die Entwicklung hinterher hinken, aber da Maria ja auch vom Dorf kommt, halte ich den inneren Konflikt immer noch für plausibel.

    Liebe Grüße,
    Becca

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    • Hallo Becca,

      vielen Dank für’s Teilen deiner Meinung! 🙂 Es tut mir gerade total leid, was du da erlebt hast und wie du die Akzeptanz von Homosexualität allgemein erlebst. Vielleicht hatte ich bisher einfach Glück, dass ich bisher noch keine Benachteiligung erfahren habe, weder auf dem Land noch in der Stadt. Ich glaube jedoch nicht, dass heute alle Ungleichbehandlung aus der Welt geschafft ist, vielleicht habe ich mich da unklar ausgedrückt. Sicher ist Homosexualität noch nicht bedingungslos in der Gesellschaft akzeptiert. Allerdings glaube ich schon, dass wir nicht auf demselben Level sind wie vor 20 Jahren und es schon einige Fortschritte gegeben hat. Ich hoffe, dass dir sowas, was du erzählst, nie wieder passiert.

      Liebe Grüße,
      Hannah

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      • Hallo Hannah,

        ich glaube da war mein Text vielleicht etwas zu negativ formuliert. Es hat zwar einzelne sehr unschöne Vorfälle gegeben, aber ich stimme durchaus zu, dass es heute weit besser für uns aussieht als vor 20 Jahren. Und da bin ich denen, die vor uns kamen, unendlich dankbar.
        Ich wollte lediglich darauf hinaus, dass die im Buch angesprochenen Probleme noch nicht aus der Welt sind, auch wenn sie sich durchaus zum Guten wenden.
        Aber genau das sehe ich auch als einen großen Pluspunkt des Romans. Zu sehen, dass es eine Entwicklung gibt, diese aber noch nicht abgeschlossen ist. Und letztlich zu erkennen, dass all diese Fortschritte Zeit brauchen.
        Ich glaube unsere Sichtweisen sind da gar nicht so verschieden, ich hatte lediglich ein wenig Pech mit den Leuten um mich herum.

        Liebe Grüße,
        Becca

        Gefällt 1 Person

      • Hallo Becca,

        da kann ich dir auf jeden Fall zustimmen! Akzeptanz bei allen zu erreich wird nie passieren, Idioten gibt es immer. Doch wir sind auf einem guten Weg. 🙂

        Liebe Grüße,
        Hannah

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