Die Schönheit der Nacht Cover (© Droemer Knaur Verlag)

[Rezension] Die Schönheit der Nacht von Nina George

Die Schönheit der Nacht* ist der erste Roman, den ich von der deutschen Autorin Nina George gelesen habe. Spätestens mit dem Bestseller Das Lavendelzimmer* gelang ihr 2014 der Durchbruch. Über Liebe, Sexualität oder Erotik schreibt Nina George nicht zum ersten Mal, doch dies ist meines Wissens nach der erste Roman, in dem sie sich der erotischen und emotionalen Annäherung zwischen zwei Frauen widmet. Das Buch ist im Mai 2018 im Droemer Knaur Verlag erschienen, hat 320 Seiten und kostet als gebundene Ausgabe 18,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Claire ist eine angesehene Verhaltensbiologin, Mitte 40, verheiratet mit einem Künstler und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Julie ist 19, derzeit Zimmermädchen im Hotel Langlois in Paris, hat noch keine Idee, wohin sie will, was und wer sie einmal sein will. Ihre erste Begegnung: Claire beim Verlassen des Hotelzimmers nach einer sexuellen Begegnung mit einem Mann. Ihre zweite Begegnung: Claires Sohn stellt seinen Eltern seine erste ernstere Freundin vor: Julie. Zu allem Überfluss lädt Gilles, Claires Ehemann, Julie ein, über den Sommer mit der Familie in ihr altes Fischerhaus an der Bretagne zu verreisen. Als sie zustimmt, nimmt alles seinen Lauf und die beiden Frauen begeben sich nicht zuletzt durch ihre Annäherung auf eine Reise zu sich selbst.

Meine Meinung

Dieses Buch ist in so vielen Facetten wunderschön. Angefangen bei seiner Hülle, der Gestaltung des Covers und sehr besonderen Stoffbindung mit geradem Buchrücken, einem türkisfarbenem Lesebändchen und gleichfarbigen Vorsatz mit zwei Zeilen, die sogleich die Tiefe des Inhalts widerspiegeln:

Die Schönheit der Nacht (© Droemer Knaur Verlag)
Die Schönheit der Nacht (© Droemer Knaur Verlag)

Ein weiterer Hinweis darauf, dass man mit diesem Buch etwas Besonderes vor sich hat, ist die Widmung »Für die Freiheit der Frauen.«, die für mich genau die Essenz wiedergibt, um die es in dieser Geschichte eigentlich geht. Denn es geht nicht um die Dramatik dessen, dass eine Frau ihren Mann betrügt, denn als solcher Betrug wird das gar nicht gesehen. Die Verbindung einer Ehe steht auf einer ganz anderen Ebene als das kurze sexuelle Flüchten in andere Welten, dem beide Ehepartner regelmäßig nachgehen. Es geht um die Aufopferung Claires, die sie seit dem Tag ihrer Einschulung begleitet und um die Frage nach dem »Was brauchst du?« vor dem »Was brauche ich?«. Gilles, der seine künstlerische Frustration in Liebschaften mit anderen Frauen auslebt und doch seine Ehe mit Claire nie in Frage stellt. Es geht um Missverständnisse, fehlende Nähe und fehlende Annäherung, die Claire vergessen lassen, wo sie eigentlich hinwollte, welche Träume und Pläne sie hatte. Claire, die nicht nur Mutter, Ehefrau, erfolgreiche Verhaltensbiologin, Mutter sein will sondern Claire.

Und dann kommt Julie. Julie, die noch überhaupt nicht weiß, wer sie ist, voller Erwartung an das Leben, an etwas, das sie brennen lässt, damit sie spürt, was es heißt zu leben. In Nico, Claires Sohn, hofft sie genau das zu finden. Und so ungünstig Claires und Julies Kennenlernen auch sein mag, so einfach gestaltet sich die Annäherung auf Basis der Geheimnisse, die sie vor ihrer Umwelt haben. Claire, die Ehebrecherin, die eigentlich von einer künstlerischen Tätigkeit träumt; Julie, die nicht schwimmen kann, die für ihr Leben gern singt aber Angst hat, die für Nico nicht das fühlt, was sie fühlen will.

Mit diesem Hintergrund war es für mich doch nicht ganz klar, worauf das Buch hinausläuft, fand es am Ende angekommen aber doch sehr stimmig. Für alle, die sich fragen, ob das nun ein Buch über zwei Frauen ist, die zusammenkommen, möchte ich zunächst mit folgenden beiden Zitaten antworten (es folgen Spoiler):

Vier Sorten Salz. Das Salz des Meeres. Das Salz der Tränen. Das Salz des Schweißes. Das Salz des »Ursprungs der Welt«, wie Gustave Courbet die dunkle Blüte einer Frau nannte. (S. 22)

Claire nahm Julies Hand und zog sie hoch, sie liefen über die Wiese zurück ins Haus, sie zogen einander die Schwimmanzüge aus, sie kosteten vier Sorten Salz. (S. 296)

Trotzdem sind die Frauen nicht für ein gemeinsames Leben gemacht, sondern genau das, was sie in dem Moment brauchen, was sie brauchen, um wieder zu sich zu finden (Claire) und herauszufinden, wer immer neben ihnen schwimmt (Julie). Um herauszufinden, dass sie nicht »Frau von«, »Mutter von«, »Schwägerin von« sein wollen, sondern einfach Juliet und Claire. Dass sie frei sein wollen und genau danach streben, was sie ausmacht.

Wer eine lesbische Liebesgeschichte sucht, den wird Die Schönheit der Nacht* enttäuschen, denn das ist es nicht. Wie das im Leben oft der Fall ist, begegnen wir Menschen, an denen wir wachsen, die uns für eine gewisse Zeit die Welt bedeuten und in diesem Fall die Suche nach uns selbst ermöglichen. Zwei Menschen, die nach einiger Zeit wieder getrennte Wege gehen und die sich gegenseitig in warmer Erinnerung behalten. Auch gibt dieses Buch Hoffnung für Ehen, die verloren scheinen, und die vielleicht doch noch eine Chance erhalten, wenn jeder nach seinen Zielen und Idealen strebt und ehrlich zu sich selbst ist.

Die größte Schönheit dieser Geschichte liegt für mich allerdings im Schreibstil der Autorin. Selten lese ich Werke, bei denen jedes einzelne Wort so sorgsam ausgesucht scheint und so bedacht gewählt, dass die Sätze einen wellenartig wie das Meer durch die Seiten tragen und eine vollkommene Unvollkommenheit bilden. Nina George schreibt in voller Poesie und lässt uns diese Freiheit, man selbst zu sein und vor allem, mit sich selbst zu sein, nur zu deutlich spüren.

Fazit

Die Schönheit der Nacht* hat mich sehr berührt. Es wühlt auf und schenkt ein Stück der Freiheit, die man vielleicht schon hin und wieder in Andeutungen gespürt hat und hofft, irgendwann selbst zu finden. Zwei Frauen, die sich durch ihre gegenseitige Annäherung selbst finden und irgendwann wieder loslassen. Geschrieben in zutiefst poetischer Sprache, in der man nur so versinken kann. Vom Lieben, Loslassen und Wiederfinden. Eines meiner Jahreshighlights und unbedingt empfehlenswert.

Humor: ○○○○○
Anspruch: ●●●●●
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●●○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

AstroLibrium • Eulenmatz liest • Papier und Tintenwelten

Eure Hannah 🙂

*BEI DEN LINKS HANDELT ES SICH UM AFFILIATE-LINKS. DAS BEDEUTET, DASS ICH VON AMAZON EINE KLEINE PROVISION BEKOMME, WENN JEMAND ÜBER DIESEN LINK DIESES PRODUKT KAUFT. WENN DU MÖCHTEST, KANNST DU MICH SO GANZ LEICHT EIN KLEINES BISSCHEN UNTERSTÜTZEN, OHNE DASS DIR DABEI ZUSÄTZLICHE KOSTEN ENSTEHEN.

7 Gedanken zu “[Rezension] Die Schönheit der Nacht von Nina George

  1. Hallo, Hannah!
    Das ist eine wundervolle Rezension, die du da geschrieben hast – Vielen Dank dafür! Du hast mich wirklich neugierig auf Die Schönheit der Nacht gemacht und es ist auch sofort auf meine Leseliste gewandert. ❤ Die Zitate sind so wundervoll und poetisch, ich kann kaum erwarten, es selbst zu lesen!
    Beste Grüße, Isa. xxx

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Isa,
      vielen Dank! Ich hoffe sehr, dass es dir auch so gut gefallen wird. Es tat so gut, nach den vielen Jugendbüchern mal wieder so einen Schreibstil erleben zu dürfen. 🙃
      Liebe Grüße,
      Hannah

      Gefällt 1 Person

  2. […] Dieses Buch habe ich schon seit Längerem auf dem Schirm. Ich finde es so schön, beim Durchstöbern der Neuerscheinungen die Möglichkeit zu haben, mich lange auf ein Buch zu freuen (sofern es sich um keine Fortsetzung handelt), und irgendwann festzustellen, dass die Zeit des Erscheinungstermins gekommen ist. Die Schönheit der Nacht* von Nina George hat in mir großes Interesse geweckt, zuerst durch das Cover, das in mir sofort das Bedürfnis weckte, den Reißverschluss nach unten zu ziehen, als auch die sinnliche Beschreibung des Inhalts. Schon mit dem Bestseller Das Lavendelzimmer* hat die Autorin bewiesen, dass sie schreiben kann. In ihrem neuen Buch fokussiert sie sich voll auf das Thema Frau, auf ihr Begehren, ihre Träume und ihre Sinnlichkeit, das sie am Beispiel der beiden Frauen Claire und Julie darstellt. Beide suchen das Leben, die Leidenschaft und irgendetwas, das Sinn ergibt. Das Buch erscheint schon am 2. Mai 2018 im Knaur Verlag, hat 256 Seiten und kostet 18,99 €. Ich bin mir sicher, dass ich es ganz bald lesen werde. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s