HYDE Cover (© Beltz & Gelberg Verlag)

[Rezension] HYDE von Antje Wagner

Es gibt Bücher, die hinterlassen ein wohliges Gefühl, nachdem man den letzten Satz gelesen, nachdem man sie zugeklappt hat, von denen man weiß, jetzt ist die Geschichte zu Ende – sie ist fertig erzählt. Und es gibt Bücher wie HYDE*, bei denen das wahre Kopfzerbrechen, Rückschlüsse und Mutmaßungen erst nach dem Lesen so richtig beginnen. Die deutsche Autorin Antje Wagner ist bekannt für ihre düsteren, mystischen und literarisch hochwertigen (Jugend-)Romane – und vor allem für deren Andersartigkeit (im positiven Sinne). Als sie mir von diesem Projekt erzählte, stand es für mich außer Frage, dass ich auch HYDE unbedingt lesen musste, da ich schon von ihrem früheren Roman Schattengesicht begeistert war. Antje ist übrigens nicht nur eine begnadete Schriftstellerin, sondern auch ungemein sympatisch. Man merkt, wie viel Leidenschaft sie in ihre Geschichten steckt!

HYDE* ist am 16. Juli 2018 im Beltz und Gelberg Verlag erschienen, hat 408 Seiten und kostet 17,95 €. [Werbung: Namensnennung, Verlinkung etc…]

Kurzbeschreibung Inhalt

Der Klappentext verrät nicht viel – und das werde auch ich nicht tun, um das Leseerlebnis nicht zu schmälern. Ich versuche trotzdem einen kleinen Überblick zu geben: Im Wesentlichen geht es um Katrina; keine gewöhnliche Protagonistin. In der ersten Szene ist die 18-Jährige als Tramperin auf der Walz nach ihrer Tischlerausbildung unterwegs. Sie sinnt nach Rache, füttert mit ihrem Lohn ihre »Kriegskasse«, denn sie hat alles verloren. Einst lebte sie mit ihrem Papa und ihrer Schwester Zoe in Hyde, tief versteckt im Wald, dort, wo sie sicher war. Jetzt existiert dieser Ort nicht mehr. Ihr Weg führt sie über verschiedene Umstände zu einem alten, verwunschenen Haus auf einem Berg mitten im Nirgendwo und, vor allem, mitten im tiefsten Winter. Ihr bietet sich die Möglichkeit, dieses Haus zu renovieren und damit ihre Kriegskasse weiter zu füttern. Dachte sie zumindest. Was hat es mit diesem Haus und mit Katrinas Vergangenheit auf sich? In zwei parallelen Erzählsträngen erfahren wir nach und nach, wie Katrina gelebt hat, was nach der »Gefangennahme« passierte, wie sie zu derjenigen wurde, die sie jetzt ist und welchen Weg sie nun einschlägt.

Meine Meinung

Was für ein großartiges Buch! Ich hatte hohe Erwartungen und wurde nicht enttäuscht. Ich finde es wahnsinnig schwer, eine Rezension zu schreiben, die den Kern des Buches wiedergibt und trotzdem nicht zu viel verrät. Vorneweg: HYDE* ist besonders. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, abwechselnd und gleichzeitig zwei verschiedene Romane zu lesen: einen Real-Thriller und einen Mysteryroman. Antje Wagner vereint beides zu einem Gesamtwerk. Denn obwohl die beiden Erzählstränge in ihrer Art kaum unterschiedlicher sein könnten, könnte der eine doch nicht ohne den anderen existieren. Ständig getrieben von den Fragen »Was ist passiert?« und »Was passiert hier gerade?« war es mir spätestens ab der Hälfte nicht mehr möglich, dieses Buch aus den Händen zu legen. Wie David Mitchells Der Wolkenatlas*, nur weniger komplex, wie Stephen Kings Shining*, nur weniger explizit. Wie furchtbare reale Fälle, nur etwas weniger furchtbar (werden aufgrund Spoilergefahr nicht genannt); vereint zu einem bis ins kleinste Detail abgestimmten Gesamtkunstwerk, das in seinen Nuancen dessen, was wir ertragen können, perfekt zusammengesetzt scheint.

Katrina als Protagonistin

Finde ich sehr spannend gewählt. Wenn ich ein Wort für ihre Rolle wählen müsste, so wär es »Prota-Antagonistin«. Ihre ungewöhnliche Art, ihre Leiden, ihr vermummtes Gesicht – all das sind Dinge, die man nicht von einer Protagonistin erwartet. Sie ist intelligent, hat aber Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Sie ist uns so fern, doch trotzdem sind wir ihr sehr nah. Die Autorin hat die Fähigkeit, eine solch sonderbare Person uns völlig nah und »normal« erscheinen zu lassen; zuletzt war ich bei Jeff Lindsays Dexter* so überrascht, wie gut ich mich in den Protagonisten hineinversetzen konnte (in diesem Fall ein Serienmöder im Serienformat) – denn wir erleben alles aus »der anderen« Perspektive.

Hyde

Hyde war das Zuhause von Katrina, Zoe und ihrem Papa. Da haben sie sich wohlgefühlt. To hide – verstecken, Dr. Jekyll und Mr. Hyde – ein Geheimnis, ein zweites Gesicht. Hyde lag im Wald, tief verborgen, wo Katrina aufgewachsen ist. Dort war sie frei, versteht die Welt der Tiere und Pflanzen blind, ist ein Teil von ihr. Verwahrlost ist sie nicht. Die Idee dahinter finde ich richtig klasse, denn die Welt da draußen kann Angst machen. Inwieweit sind wir noch mit ihr verbunden? Die Autorin führt uns nach und nach hinter die Maske, zeigt und die Wahrheit über Hyde, die jeder selbst deuten kann und nicht zwangsläufig, wie erwartet, das Böse ist.

Das Haus

Dieses Haus hat mir nicht nur einmal einen Schauer über den Rücken gejagt. Es fängt ganz langsam an. Das mulmige Gefühl schleicht sich ganz unbemerkt ein, sodass es plötzlich da ist und man gar nicht merkt, wie es dazu gekommen ist. Kleinste Bemerkungen, die bei mir nur ein leises »Hm? War da was?« ausgelöst haben, entspinnen sich zu einer schaurigen Präsenz, die man nicht mehr loswird. Dann irgendetwas ist mit diesem Haus, irgendjemand oder irgendetwas LEBT. Und irgendwann sitzt man nachts auf dem Sofa, dreht sich alle paar Sekunden um, weil sich die Geräusche, die beschrieben werden, irgendwie in die reale Welt übertragen. Genau das hat mich dabei an Stephen Kings Shining* erinnert, da auch er es weiß, das Grauen ganz langsam zu eröffnen. Und genau wie bei King habe ich eine kleine Kritik, ein Klagen auf hohem Niveau: Der letzte Schritt war mir zu viel. Die letzte Eröffnung ließ bei mir eine kleines »echt jetzt?« zurück. Vielleicht ist das aber auch eine Eigenart an mir, dass ich zu viel Mystery ohne genaue Erklärung irgendwann hinterfrage. Der Unterschied zu King ist übrigens: Antje Wagner verströmt nicht nur Grauen. Wie im realen Leben ist nicht alles entweder schwarz oder weiß. Es ist beides. Das bringt mich zum nächsten Punkt:

Das Thema Liebe

Es gibt in diesem Buch keine klassische Liebesgeschichte. Das finde ich unglaublich erfrischend. Katrina wächst nicht in der gesellschaftlichen Welt auf, in der es das gefühlt höchste Ziel ist, endlich einen Partner zu finden. Sie lebt mit anderen, wie ich finde viel wichtigeren Werten und sie liebt auf eine andere, viel tiefere und ursprünglichere Weise. Und diese Liebe eröffnet sich erst zum Schluss, obwohl sie sich den ganzen Handlungsverlauf über angedeutet hat. Sie zeigt eine ganz ungewöhnliche Form der wahren Liebe, die mich am Ende, nach der ewigen Kälte, wieder vollständig aufwärmen konnte.

Die LGBT+-Thematik

Dazu kann ich nur wenig sagen, ohne zu spoilern. Generell kann ich sagen, dass die Autorin in all ihren Büchern queere Charaktere einbindet. Auch die LGBT+-Thematik eröffnet sich erst zum Schluss. Ganz spoilerfrei formuliert zeigt sie sich darin, dass Liebe kein Geschlecht hat. So. Das muss euch jetzt reichen, bis ihr die Geschichte selbst gelesen habt. 😀

Antje Wagner hält die Spannung konstant aufrecht, bis sie gegen Ende exponentiell explodiert. Die Geschichte strotzt vor Überraschungen, die ich nicht habe kommen sehen, obwohl ich es sonst oft erlebe, dass sich meine Ahnungen bewahrheiten. Hier nicht. Sie schafft es, dass man im Hochsommer wie im tiefsten Winter zittert. Ihre Geschichte ist düster und zugleich voller Wärme. Sie ist anspruchsvoll, aber doch für jeden leicht zu verstehen, der ein Buch zum Mitdenken sucht. Es würde mich nicht wundern, wenn HYDE* in nicht allzulanger Zeit als Schullektüre verwendet wird – wie GERN ich eine solche Schullektüre gehabt hätte. HYDE hat wohl für jeden eine andere Bedeutung und beschäftigt noch lange nach dem Lesen. Eines ist jedoch garantiert: HYDE bleibt in Erinnerung.

Ich möchte euch noch auf zwei coole Dinge hinweisen: 1. gibt es für HYDE eine Playlist auf Spotify mit Liedern, die Antje Wagner beim Schreiben beeinflusst haben. Ich LIEBE diese Playlist. Ich habe sie beim Lesen rauf und runter gehört, sie hat nochmal für einen extra düsteren, wütenden, traurigen Stimmungsschwung gesorgt. Einen solchen Einblick in den Schreibprozess finde ich immer toll. Und 2. veranstaltet der Verlag gerade noch zwei coole Gewinnspiele, bei denen ihr entweder eine signierte Ausgabe von HYDE und sogar ein Meet & Greet inkl. Escape Room mit der Autorin gewinnen könnt – ich finde es klasse! Mehr dazu findet ihr auf www.hyde-das-buch.de. 🙂

Fazit

HYDE* ist ungewöhnlich, besonders und eines der besten Bücher, die ich seit Langem gelesen habe. Es ist fesselnd, fordernd und vereinnahmend. Literarisch anspruchsvoll; wer für gewöhnlich leichte Literatur liest, wird eventuell Schwierigkeiten haben, der Handlung zu folgen. Wer aber etwas Unkonventionelles sucht, sollte HYDE unbedingt eine Chance geben. Und vor allem dranbleiben – denn der wahre Charakter eröffnet sich erst ab gut der Hälfte des Buchs. Durch die Gut-UND-Böse-Thematik eignet es sich auch bestens für Zartbesaitete, die mit Horror nichts am Hut haben; denn Antje Wagner findet genau das richtige Maß an Grusel und Wärme. Ich kann HYDE von Anfang bis Ende nur jedem empfehlen, der offen für ein wenig Mystery ist.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●●

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Cha Ginger (YouTube)Dreaming till MidnightLesemomenteMadlèn BohèmeTintenmeer

Eure Hannah 🙂

*BEI DEN LINKS HANDELT ES SICH UM AFFILIATE-LINKS. DAS BEDEUTET, DASS ICH VON AMAZON EINE KLEINE PROVISION BEKOMME, WENN JEMAND ÜBER DIESEN LINK DIESES PRODUKT KAUFT. WENN DU MÖCHTEST, KANNST DU MICH SO GANZ LEICHT EIN KLEINES BISSCHEN UNTERSTÜTZEN, OHNE DASS DIR DABEI ZUSÄTZLICHE KOSTEN ENSTEHEN.

6 Gedanken zu “[Rezension] HYDE von Antje Wagner

  1. Hallo Hannah,

    ich habe schon so viel über das Buch gehört! Danke für diese Rezension! Ich werde es mir jetzt mal auf die Wunschliste setzen. :-))

    Liebe Grüße und noch einen schönen Tag,

    Jenny

    Gefällt 1 Person

  2. […] HYDE* von Antje Wagner – das ist das Buch, das ich eingangs erwähnt habe. 🙂 Durch den Jugend-Mystery-Thriller Der Schein, den sie zusammen mit ihrer Autorenkollegin Tania Witte geschrieben hat, bin ich auf Antje Wagner aufmerksam geworden und spätestens, nachdem ich Schattengesicht gelesen hatte, war es um mich geschehen. Etwas Mysteriöses beinhalten ihre Werke alle – so auch HYDE, das die Autorin selbst als ihr »Herzensbuch« bezeichnet. Wie immer bei Antje Wagner lässt sich vom Klappentext nicht wirklich ableiten, wovon das Buch denn nun handelt. Es geht um Katrina, ein verwunschenes Haus, ein verlorenes Zuhause, ein ungeheures Geheimnis… Es hört sich sehr unheimlich an und ich bin wahnsinnig gespannt, dieses Unheimliche zu ergründen. Wer ihre Bücher kennt, der weiß, dass Antje Wagner immer queere Figuren einbindet. Auch hier hat sie mir schon verraten, dass es in die LGBT+-Richtung gehen wird. Auf welche Weise – das werde ich und somit auch ihr bald erfahren! HYDE erscheint am 16. Juli 2018 im Beltz & Gelberg Verlag – der es sogar als Spitzentitel ausgewählt hat – hat 408 Seiten und kostet als gebundene Ausgabe 17,95 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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