[Gedanken] Warum ich über queere Bücher schreibe – eine Abgrenzung?

Schon lange möchte ich mich schriftlich damit auseinandersetzen, warum ich einen Blog mit dem Fokus queere Bücher betreibe, wo ich doch in jedem zweiten Beitrag predige, wie wichtig ich es finde, dass queere Charaktere ohne Besonderheit und völlig natürlich ihren Weg in die allgemeine Literatur finden. Ohne explizites LGBT+-Genre. Gerne möchte ich diese Fragestellung auch mit euch diskutieren und freue mich daher über jeden Senf, den ihr dazugeben möchtet. 🙂

Um meine Hintergründe dazu besser zu verstehen, solltet ihr vielleicht noch wissen, dass ich meine Bücher nicht unbedingt danach aussuche, ob sie queere Charaktere beinhalten. Ich freue mich aber, wenn es so ist. Ich lese einfach das, was mich thematisch anspricht (und stelle auf queerBUCH vor, was thematisch reinpasst).
In diesem Beitrag beschreibe ich meine persönliche Meinung und Empfindung darüber, wie ich die Dinge wahrnehme. Es ist nicht meine Absicht, jemandem mit einer Äußerung oder Formulierung zu nahe zu treten.

Die Sache mit der Abgrenzung

Meinen Blog habe ich queerBUCH genannt – es geht also um Bücher, die entweder queere Themen aufgreifen oder Charaktere einbinden, die sich dem LGBTQIA+-Spektrum zuordnen. Damit nehme ich bewusst eine Abgrenzung vor, nämlich die der LGBT+- und queeren Romane zur restlichen, »gewöhnlichen« Literatur. Wenn man sich beispielsweise die Geschichte der Schwulen- und Lesbenbewegung vor Augen führt, sowie die der dazugehörigen Literatur, dann erkenne ich daraus, dass die eigene und freiwillige Abgrenzung von LGBTQIA+-Personen zur heteronormativen Gesellschaft wichtig war, um gesehen zu werden. Die fremdbestimmte Abgrenzung war in meinen Augen sowieso gegeben. Die eigene Abgrenzung war wichtig, um von der Gesellschaft als wichtig wahrgenommen zu werden, den zahlreichen Vorurteilen entgegenzuwirken und vor allem ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe von Menschen zu entwickeln, die ähnlich fühlen.

So ist das auch mit Büchern. Ich kann über mich sagen, dass ich gerne Bücher über Themen und Protagonisten lese, mit denen ich etwas gemein habe. Sei es nun der kulturelle Hintergrund, bestimmte Erfahrungen, Erlebnisse oder eben die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität, die ich mit den Charakteren teile. Diese Gemeinsamkeit vermittelt Nähe und so erlebe ich auch die Geschichte intensiver. Ich kann zwar nur mutmaßen, aber ich glaube, dass es vielen anderen Personen, die sich als queer bezeichnen oder wie ich dem LGBTQIA+-Spektrum zuordnen, ähnlich geht.

Heute ist alles anders – oder?

Labels und Abgrenzung zur heteronormativen Gesellschaft sind überholt – so nehme ich meine Generation und die nachfolgenden Generationen in den sozialen Medien wahr. Fragen wie »Ist es heute überhaupt noch notwendig, sich zu outen?« sind heiß diskutiert und enden nicht selten mit einem »Hm, vielleicht manchmal, aber eigentlich sollte es nicht so sein.« Kann in der heutigen Gesellschaft davon ausgegangen werden, dass jeder seinem Gegenüber offen gegenübersteht und ihn/sie nicht autmatisch in die Hetero-Schublade stopft, bis das Gegenteil bewiesen ist? Ich persönlich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die schon so offen mit verschiedenen Sexualitäten umgehen und hetero nicht als die Normalität ansehen. Es gibt aber auch viele, die das noch nicht tun und in der Abgrenzung festhängen, die zum Teil schon immer bestand und zum Teil immer noch von LGBTQIA+-Personen unterstützt wird. Diese freiwillige Abgrenzung möchte ich nicht bewerten.

Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn wir irgendwann an dem Punkt sind, dass niemand mehr sein Gegenüber als automatisch hetero bewertet, und dass es für niemanden mehr eine Überraschung ist, wenn sich jemand als nicht-hetero bezeichnet. Deshalb ist es für mich auch wichtig, auf diesem Blog Literatur vorzustellen, die eine hohe Diversität selbstverständlich einbindet und die queere Charaktere und Themen nicht mehr ungewöhnlich oder besonders wirken lassen. Durch meinen Blognamen hebe ich diese Bücher zwar nach wie vor hervor, möchte aber durch deren Repräsentation insgesamt die Normalität dieser Themen steigern. Ein Widerspruch in sich – trotzdem habe ich die Hoffnung, dass es etwas bringt. 😀

Deshalb also!

Es ist nun also so: Ich möchte Menschen, die explizit nach bestimmten queeren Themen und LGBTQIA+-Charakteren in Büchern suchen, den Zugang dazu vereinfachen und bei der Buchauswahl mit meinem Blog queerBUCH beratend zur Seite stehen. Gleichzeitig hilft es mir, mich intensiver an besonders bewegende oder eindrucksvolle Bücher zu erinnern, die ich gelesen habe. Oft hilft mir das Schreiben einer Rezension, mein eigentliches Gefühl für das Buch besser greifen zu können und die Bedeutung des Buchs für mich persönlich herauszuarbeiten.

Außerdem hoffe ich, dass immer mehr Menschen Diversität in Büchern schätzen, die sich selbst nicht unbedingt als LGBTQIA+ identifizieren. Dass immer mehr gezielt nach Diversität in der Literatur suchen und so vielleicht auf queerBUCH einen Überblick über passende Bücher erhalten.

Auf der anderen Seite möchte ich mit meinen Rezensionen über diverse, queere Literatur deren Bekanntheit ein Stück erhöhen und dazu beitragen, ihr das Gehör zu verschaffen, das in meinen Augen oft noch fehlt. Nur weil ein Protagonist zufällig schwul ist oder lesbisch oder trans, heißt das nicht, dass die Geschichte dahinter weniger interessant ist oder gar von der Sexualität der Person überlagert wird. Ja, ich grenze mit queerBUCH queere Literatur von der heteronormativen ab – aber mit dem Ziel, sie mit ihr zu vereinen.

Wie seht ihr das? Findet ihr eine solche Abgrenzung wichtig oder sind LGBT+-Bücher für euch wie ein eigenes Genre?

Wie empfindet ihr die Einbindung von queeren Charakteren gerade bei den großen Verlagen, die eher auf Massenverkauf und dadurch Massenvermarktbarkeit setzen?

Eure Hannah 🙂

2 Gedanken zu “[Gedanken] Warum ich über queere Bücher schreibe – eine Abgrenzung?

  1. Hallo Hannah,
    ich musste lange überlegen was ich dazu sagen soll, und meine erste Fassung war länger als dein Artikel, was ich als Kommentar unpassend fand^^ Darum jetzt die „kurze“ Variante
    Vom Grundgedanken her stimme ich dir in vielem zu.
    Jedoch halte ich das völlige Abschaffen von Labels für nicht zielführend. Versteh mich nicht falsch, das Abschaffen von Genren, die ein Buch auf genau ein Wort herunterbrechen wäre durchaus sinnvoll. Aber ich glaube eben nicht, dass die Lösung zu genau einem Label, überhaupt keine Label sein sollten, sondern das Akzeptieren beliebig vieler gleichberechtigter Labels, heute ja auch oft „Tags“ genannt.
    Wenn ein schwuler Magier die Morde an seinen Kollegen aufklärt, würde das heutzutage wahrscheinlich als Fantasy abgestempelt. Aber es sollte zumindest „Krimi“ „mlm“ und „Fantasy“ sein. Das Bilden von festgefügten Genres beinhaltet meiner Meinung nach bereits eine Wertung der vielen Eigenschaften die ein Buch haben kann. Aber wie bei einem Mosaik braucht es mehr als nur eine Eigenschaft um das ganze Bild zu sehen.
    Du schreibst, dass du deine Bücher nach Themen aussuchst und dich lediglich freust wenn es ein LGBT+ Buch ist. Ich wiederum gehe da genau anders herum vor. Ich will über Frauen lesen die Frauen lieben, wobei mir fast egal ist um was es in der Geschichte sonst geht. Beides sind Suchkriterien die völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen. Aber sie sind nur möglich wenn die entsprechenden Informationen überhaupt abrufbar sind.
    Darum stimme ich natürlich zu, wenn du forderst, das LGBT+ als normal angesehen werden soll. Jedoch fände ich es fatal es als Information einfach zu streichen. Denn es nimmt einen Teil des Bildes weg. Viel mehr würde ich vorschlagen diese Kriterien oder andere aus der Kategorie immer anzugeben. Was auch die Tags „hetero“ oder „cis“ und sogar etwas wie „männlicher Hauptcharakter“ beinhalten würde. Denn dann kann man nach allem suchen was man will, und nichts wird als der Normalfall angenommen.
    Liebe Grüße
    Becca

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Becca,

      vielen Dank für deinen auführlichen Kommentar! Dass diese Labels/Tags/Schlagworte abgeschafft werden, würde ich nicht gutheißen, da bin ich voll bei dir. Danke, dass du den Beitrag nochmal von dieser Seite beleuchtet hast. Das war wichtig, weil mir das beim Schreiben völlig untergegangen ist und ich habe mir auch nochmal Gedanken darüber gemacht. Worum es mir geht, ist die Genre-Einteilung, die, wie du richtig sagst, sehr eindimensional und auch nicht für alle Bücher passend ist, wie bei dem Beispiel des schwulen Magiers, der Morde aufklärt. Solche Genres sind für mich zum Beispiel „Fantasy“, „Romance“, „Thriller“ etc. Für mich fällt „LGBT+“ allerdings nicht in den Genre-Bereich; das war mir wichtig zu sagen. Viel mehr gibt es eben Fantasy, Romance oder Thriller mit queeren Charakteren. Dass danach gesucht werden kann (Stichwort: Verschlagwortung) oder es zumindest beim genauen Lesen des Klappentextes ersichtlich wird, ob der Protagonist männlich, cis oder hetero ist, finde ich persönlich gut, weil ich dann weiß, dass ich mich mit einer weiblichen, homosexuellen cis Person eben besonders gut identifizieren kann.

      Ja, ich suche meine Bücher nicht nur nach der sexuellen Orientierung aus, allerdings beachte ich sie schon. Es gibt so viele gute Bücher, die eben auch mal keinen LGBTQIA+-Charakter beinhalten, für die ich mich genauso interessiere wie für eine lesbische LIebesgeschichte, auf die ich auch manchmal Lust habe. Im Zusammenhang mit meinem Blog achte ich vermehrt auf Diversität in Büchern, weil ich die restlichen hier nicht vorstellen kann oder will.

      Vielen Dank, dass du nochmal auf die Vielschichtigkeit der Tags/Schlagworte hingewiesen hast. Ich persönlich finde eine Ein-Wort-Beschreibung für ein Buch auch sehr schwierig; sie würde den meisten Büchern nicht gerecht werden. Was mir wichtig war ist die Abgrenzung zum Genre, dass „LGBT+“ eben nicht „Fantasy“ gegenübersteht, sondern dass „LGBT+“ eben eine Möglichkeit ist, „Fantasy“ darzustellen. Wie jedes andere Genre auch. Möglicherweise habe ich das im Beitrag nicht eindeutig formuliert.

      Vielen Dank für deine Sichtweise! 🙂

      Liebe Grüße, Hannah

      Liken

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