Traumtänzerin Cover (© Alicia Zett)

[Rezension] Traumtänzerin von Alicia Zett

Traumtänzerin* ist die erste Buchveröffentlichung der YouTuberin Alicia Zett (alias Alicia Zimmermann). In ihren Videos bespricht sie viele LGBT-Themen, z.B. in ihrem Format »LGBTQ&A«, oder sitzt gemeinsam mit ihrer Freundin Cha Ginger vor der Kamera. Ich freue mich sehr, dass in letzter Zeit vermehrt LGBT+-Jugendbücher erscheinen, gerade auch von jungen deutschsprachigen Autorinnen, die sich mit dem Thema Coming Out beschäftigen. Nicht zuletzt durch das wunderschöne Cover konnte dieses Buch gar nicht an mir vorbeigehen. Warum ich zur Geschichte letztendlich sehr gemischte Gefühle habe, beschreibe ich in der folgenden Rezension. Das Buch ist am 6. August 2018 im Selbstverlag erschienen, hat 400 Seiten, kostet als Taschenbuch 12,99 €, als gebundene Ausgabe 20,99 € und als eBook 7,99 €. [Werbung, da Verlinkung, Markenerkennung etc.]

Kurzbeschreibung Inhalt

Die Abiturientin Charlie hat ein Geheimnis: Sie ist in ihre beste Freundin Mia verliebt. Bisher hat sie das noch keinem verraten, auch nicht ihrem besten Freund Luke, der selbst homosexuell ist. Da Mia schon seit Ewigkeiten versucht, Milan näher zu kommen, weiß Charlie, dass ihre Verliebtheit aussichtslos ist. Doch irgendwann realisiert sie, dass es da ein anderes Mädchen gibt, das versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen…

Meine Meinung

Traumtänzerin* folgt einer Reihe an lesbischen Jugendbüchern zum Thema Coming Out, die in den letzten Monaten von jungen Autorinnen veröffentlicht wurden. Diese Entwicklung finde ich großartig, denn es braucht Menschen, die (noch) nah an der Zielgruppe sind, um ihre Ängste und Sorgen authentisch darzustellen und ihnen hoffentlich ein bisschen Angst zu nehmen. Den Zeitgeist hat Alicia Zett mit ihrer Geschichte auf jeden Fall eingefangen.

Durch ihren Schreibstil habe ich mich relativ schnell in die Geschichte eingefunden, weil mir diese Art schon aus ähnlichen Büchern bekannt war. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, ihr Schreibstil ist mit eher kurzen Sätzen und einer leichten, manchmal umgangssprachlichen Wortwahl einfach gehalten und trifft damit genau die Zielgruppe der eher jungen Leser ab zwölf Jahren. Leider haben sich sehr viele Kommafehler eingeschlichen und die Zusammenschreibung von kombinierten Wörtern wurde mehr oder weniger ignoriert. Das finde ich sehr schade, da ich das Gefühl habe, dass beim Selfpublishing als Erstes am Lektorat und Korrektorat gespart werden muss. Als ich in der Danksagung las, dass ihre Deutschlehrerinnen seit jeher an ihrer fehlenden Interpunktion – insbesondere der Kommasetzung – verzweifelt sind, musste ich allerdings ein bisschen schmunzeln. 😀

Am gelungensten fand ich die Charakterdarstellung von Charlies neuem Love Interest. Für mich war zwar schnell klar, wer das sein würde, aber auf Grund der Spoilergefahr werde ich den Namen trotzdem nicht nennen. Wie diese Person sich Charlie und auch ihrer Familie gegenüber verhält, fand ich einfach nur herzerwärmend und mutig. Ich kann sehr gut verstehen, warum Charlie ihr verfällt. Zu Charlie selbst habe ich leider kaum Zugang gefunden. Sie hält sich auch dem Leser gegenüber recht verschlossen und so hatte ich das Gefühl, als Bebachter außen zu stehen, obwohl die Geschichte aus der Ich-Perspektive geschrieben ist. Auch wenn es durchaus realistisch ist, dass ein Charakter in Charlies Situation so verkrampft und verschlossen agiert, hätte ich mir doch gewünscht, mehr von ihrem Innenleben zu erfahren.

Die übrigen Charaktere bauen sich auf alteingesessenen Klischees auf: Der theatralische schwule beste Freund, die topmodische, mobbende Zicken-Clique, ein aggresiver Vater, eine schwache, zurückhaltende Mutter und nicht zuletzt die engelsgleiche beste Freundin, die aus der Ferne einem gutaussehenden Typen hinterherschmachtet. Diese Klischees haben mich zwar gestört, weil ich in Büchern gerne etwas fernab der Norm lese und damit gerade im Kopf von jungen Lesern ein Bild von Stereotypen gefestigt werden könnte, allerdings glaube ich auch, dass diese Stereotypen oft gar nicht so unrealistisch sind. Ich bin in meinem Leben genauso schon einem theatralisch-schwulen Luke begegenet, wie ich mich im Jugendalter sowohl in Chalies Verklemmtheit, als auch in der Mädelsgruppe der »VIPs«, wiederfinden konnte. Dass Frauen in Gegenwart gewalttätiger Männer oft den Kopf einziehen und nicht für sich selbst einstehen, ist leider wohl auch viel häufiger der Fall, als ich mir das wünschen würde. Dennoch hat mir besonders bei Charlie die Charakterentwicklung gefehlt. Bis zum Schluss verhält sie sich großteils passiv und kann auch in den letzten beiden Möglichkeiten nicht über ihren Schatten springen, etwas riskieren und für sich einstehen. Auch das ist kein Muss in einer Geschichte, doch in einem Coming-Out-Roman hätte ich mir diese Entwicklung zum Mutigsein einfach gewünscht.

Die ersten 300 Seiten haben mich stark an Unser Platz in dieser Welt erinnert, der Teil, in dem Charlie sich mit ihren Gefühlen und ihrer Sexualität auseinandersetzt. Er verläuft großteils ruhig und wird lediglich von ein paar Coming-Out-Szenen unterbrochen, die ich sehr gelungen finde. Jede verläuft anders, kostet die Protagonistin Mut, Kraft und Überwindung  und lässt einem bei jedem Mal das Herz ein Stückchen leichter werden. Eine dieser Szenen hat mich zu Tränen gerührt und ich habe darin genau das gefunden, was ich im Rest der Geschichte etwas vermisst habe. Im letzten Viertel gewinnt die Story rasant an Tempo und hat in mir ähnliche Gefühle wie SAMe Love (Nur mit dir) ausgelöst. Die Dramatik steigt – wird jedoch deutlich schneller wieder aufgelöst.

Zum Ende hat die Autorin nicht alle Handlungsstränge aufgelöst. Es ist in mancher Hinsicht ein offenes Ende und ich frage mich, ob sie nicht den richtigen Weg gefunden hat, die Handlung abzuschließen oder ob sie sich damit die Möglichkeit einer Fortsetzung offenhalten wollte – denn der Grund für Charlies dramatisches Handeln besteht nach wie vor und eine Lösungsmöglichkeit wurde nicht angedeutet. Möglicherweise wird diese Auflösung aber auch Teil ihres Bachelorfilms, wenn man dem Nachwort Glauben schenkt… 😉 Denn Alicia Zimmermann studiert Motion Pictures und wird ihren Abschlussfilm über diese Geschichte drehen.

Fazit

Traumtänzerin* ist ein weitgehend ruhiger Coming-Out-Roman über ein Mädchen, das, anstatt in seiner heterosexuellen besten Freundin, die erste große Liebe ganz unverhofft in einem anderen Mädchen findet. Es geht um Selbstfindung, Freundschaft und den Umgang mit Gewalt in der Familie, dem sich Charlie stellen muss und so ein bisschen erwachsener wird. Auch wenn mich die Geschichte durch einige Schwächen nicht ganz überzeugen konnte, wird sie gerade jüngeren Leserinnen und Fans von Unser Platz in dieser Welt und SAMe Love (Nur mit dir) vermutlich gut gefallen. Für einen Debütroman ohne starken Verlag im Rücken lässt er sich schnell und leicht lesen und zeugt vom Potenzial der jungen Autorin Alicia Zett, das sich noch weiter ausschöpfen lässt.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●○○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●○○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

isabell’s obsessionsLea (diamondsandbooks)libriabella

Eure Hannah 🙂

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8 Gedanken zu “[Rezension] Traumtänzerin von Alicia Zett

  1. […] Traumtänzerin* ist die erste Buchveröffentlichung der YouTuberin Alicia Zimmermann, die dort unter dem Namen AliciaZett bekannt ist. In ihren Videos bespricht sie viele LGBT-Themen, z.B. in ihrem Format »LGBTQ&A«, oder sitzt gemeinsam mit ihrer Freundin Cha Klein vor der Kamera, die ebenfalls auf YouTube und unter dem Namen Cha Ginger zu finden ist. Traumtänzerin* ist ein Young-Adult-Roman über die Abiturientin Charlie, die sich in ihre beste Freundin Mia verliebt hat. Bis jetzt hat sie niemandem von ihren Gefühlen für ein Mädchen erzählt, denn irgendwie fühlt sie sich ein wenig fehl am Platz… Und dass es da jemand anderen gibt, der versucht, Charlie für sich zu gewinnen, entgeht ihr dabei total. Ich muss sagen, diesen Twist finde ich ganz cool, da in den klassischen Coming-Out-Romanen der Love Interest oft zufällig doch Gefühle für die/den Protagonistin/en entwickelt – doch in der Realität ist das meistens nicht der Fall. Sind wir also gespannt darauf, ob und wie Charlie ihr Glück findet! Das Buch erscheint am 6. August 2018 im Selbstverlag sowohl als Taschenbuch für 12,99 €, als gebundene Ausgabe für 20,99 € als auch als eBook und hat 400 Seiten. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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  2. Hallo Hannah,
    ich war eigentlich Feuer und Flamme für dieses Buch als ich es in deinen Neuvorstellungen gesehen habe. Das Setting einer Liebe aus unerwarteter Richtung finde ich super. Leider blieb die Umsetzung meiner Meinung nach weit hinter allen Erwartungen zurück.
    Mir kamen viele Szenen unglaubwürdig und konstruiert vor. Der Schreibstil bzw. unnötige Einschübe haben die Geschichte für mich langsam und auch langweilig gemacht.
    Ja, auch mir war nach dem zweiten Zusammentreffen klar wer die mysteriöse Verehrerin ist, dass sie dann aber so lange auf einen echten Auftritt warten muss, hat mich schon gestört. Irgendwie hätte ich mir weit mehr Finden und Kennenlernen der beiden im Roman erhofft, und weniger über die Hobbys von Großeltern eines Nebencharakters erfahren (nur als Beispiel).
    Vielleicht ist bei mir aber auch genau das Gegenteil eingetreten zu dem was du prophezeit hast. Ich habe Unser Platz in dieser Welt geliebt und bin vielleicht mit zu hohen Maßstäben an Traumtänzerin herangegangen.
    Schade eigentlich. Das Cover ist so hübsch und die Grundidee ist auch toll. Leider hat der Rest für mich einfach nicht funktioniert.
    Liebe Grüße
    Becca

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Becca,
      ich kann deine Gefühlslage gut nachvollziehen. Ich glaube, auch ich hatte mir zu hohe Erwartungen gesetzt. Ich schätze, das Buch ist besonders interessant für Jüngere und Wenigleser oder einfach Fans der YouTuberin. Die Augsangssituation und Stimmung haben mich sehr an „Unser Platz in deieser Welt“ erinnert, auch wenn letzteres mehr Tiefe hatte und insgesamt stimmiger ausgearbeitet scheint. Schade, dass es nicht überzeugt hat. Zum Glück gibt es ja immer noch ein nächstes Buch. 🙂
      Liebe Grüße, Hannah

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  3. Hallo Hannah!
    Ich habe deinen Blog erst vor kurzem entdeckt und finde deine Rezensionen echt klasse! Sie sind nachvollziehbar, konstruktiv und interessant – und oft kann ich dir in allen Punkten zustimmen ;).
    Damit hilfst du mir sehr, wenn ich mal wieder nicht weiss, welches lgbt-Buch ich als Nächstes gerne lesen möchte.
    Danke und mach weiter so! Ich freue mich auf hoffentlich viele weitere Beiträge,

    Viele Grüsse
    Seraina

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Seraina,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Es freut mich wirklich sehr, dass dir durch meine Rezensionen die Entscheidung des nächsten Buchs leichter fällt. 🙂

      Liebe Grüße,
      Hannah

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