Unland Cover (© Gulliver von Beltz & Gelberg Verlag)

[Rezension] Unland von Antje Wagner

Nachdem ich durch den kürzlich erschienenen Roman Hyde*  nun schon zum dritten Mal total geflasht von den Büchern von Antje Wagner war, wollte ich unbedingt ihre literarischen Ursprünge kennenlernen und wagte mich mit Unland* an ihr erstes Jugendbuch. Meine Erwartungen hatte ich nicht zu hoch gesteckt, denn bei einem Erstling gehe ich im Normalfall davon aus, dass er sprachlich und dramaturgisch noch nicht so ausgereift ist wie die späteren Werke und ich dachte, na ja, ich kenne Antje Wagners Stil nun so langsam, überraschen wird sie mich bestimmt nicht mehr. Tja, falsch gedacht. Dieser Jugendroman hat es in sich und hat bei mir, wie ihre anderen Romane auch, nach Beenden erstmal eine Lesepause eingefordert, um das Ganze sacken zu lassen. Unland* ist erstmals 2009 erschienen, schlich sich nach und nach durch mehrere Verlage und hat nun sein Zuhause im Beltz & Gelberg Verlag (Gulliver) gefunden, wo es seit diesem Jahr bereits in der 6. Auflage verlegt wird. Die aktuelle Taschenbuchausgabe hat 382 Seiten und kostet 8,95 €.
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Kurzbeschreibung Inhalt

Nachdem Franka nicht mehr bei ihren Pflegeeltern in Berlin leben kann, soll sie im Haus Eulenruh in einem Kaff mit piekfein gepflegten Vorgärten ihr neues Zuhause finden. Dort leben außer ihr noch ein paar andere Jugendliche und Kinder, die alle ihr Laster zu tragen haben. Nach kurzer Zeit entdeckt sie am Waldrand eine mit einem Elektrozaun abgetrennte Ruinenlandschaft, die »Unland« genannt wird, über die aber alle Dörfler beharrlich schweigen. Diese sind ein eingeschworenes Team und die Bewohner von Eulenruh ihnen ein Dorn im Auge. So beginnt der Schulalltag für Franka nicht besonders prickelnd. Da zunehmend seltsame Dinge geschehen und Franka und die anderen »Eulen« immer mehr ins Kreuzfeuer geraten, machen sie sich auf, um Unlands Geheimnis zu lüften – und begeben sich damit ohne es zu wissen in höchste Gefahr.

Meine Meinung

Unland* ist bisher der einzige Roman der Autorin, bei dem sich etwas mehr über die Handlung sagen lässt, ohne eine Welle an Spoilern zu hinterlassen. Trotzdem lässt diese Beschreibung kaum erahnen, was sich hinter Unlands Geheimnis verbirgt. Antje Wagner schreibt atmosphärisch dicht, man kann sich ihrem Sog kaum entziehen. Auch wenn dieses Buch mit einer recht jungen Protagonistin insbesondere für Jugendliche geschrieben wurde, hat es auch mir Schauer über Schauer über den Rücken gejagt und mich atmosphärisch eingesogen. Denn Franka strahlt eine unglaubliche Stärke und Reife aus, sie lässt sich nicht von Kleinigkeiten beeindrucken, sondern sieht nur die wesentlichen Dinge. Dadurch wirkt die ganze Geschichte trotz Mystery-Elementen wahnsinnig echt.

Die bereits angesprochene Atmosphäre hat mich an einige andere Werke erinnert, die ich wahnsinnig gelungen finde. So ist die Suche nach Unlands Geheimnis in Ursula Poznanskis Erebos* wiederzufinden, auch wenn die Auflösung kaum unterschiedlicher sein könnte. Die skurrile Welt der Dorfbewohner und die Schule, die in den Pausen immer mit ohrenbetäubender Musik beschallt wird, ließ in mir die ausweglose Willkür und Ohnmacht aus Franz Kafkas Der Prozess* wiederaufleben – sozusagen der ganz große »Hä, warum?«-Moment, der niemals aufgeklärt wird. Man befindet sich beim Lesen also in einer sehr merkwürdigen und gleichzeitig sehr bekannten Welt, unter einem Gefühl ständiger Beobachtung, das man nicht richtig zuordnen kann.

Die Autorin schreibt spannend, situationskomisch, sarkastisch und anspruchsvoll, dabei aber jederzeit verständlich. Dass ich beim Lesen völlig die Zeit vergesse, kommt inzwischen nicht mehr so oft vor – bei Unland* habe ich meine Umwelt jedoch völlig ausgeblendet (zuhause mag das ja gehen, aber im Zug fast meine Haltestelle zu verpassen, war mir neu). Die Charaktere lassen stets eine unglaubliche Tiefe vermuten, gerade auch deshalb, weil sie nur teilweise aufgedeckt werden. Die Geschichte ist zeitlos und damit auch nach fast zehn Jahren immer noch aktuell. Es werden gesellschaftskritische Themen angesprochen, wie z. B. Normalität vs. Andersartigkeit und wie diese voneinander abhängig sind, Ausgrenzung und die Sicherheit, die daraus für die Mehrheit entsteht, aber auch Themen wie (selbst gewählte) Familie und Zusammenhalt, Verständnis, Raum für Freiheit und queere Liebe, die sehr subtil einfließt sowie die sanfte Annäherung und die Uneindeutigkeit, die Sexualität eigentlich mit sich bringt. Denn auch Franka kann ihre Gefühle nicht klar zuordnen, die jedoch von der Ausweglosigkeit der Geschehnisse fast überdeckt werden.

Das Ende ist das bisher offenste, das ich in Antje Wagners Büchern gelesen habe. Damit muss man also zurecht kommen. Wer dem Ende wirklich komplett unwissend entgegentreten möchte, liest am besten hier nicht weiter, denn die folgenden Fragen könnten möglicherweise minimal SPOILERN. Mit dem ersten Schritt der Auflösung beantwortet die Autorin zwar einige Fragen, wirft gleichzeitig aber viele neue auf. Das hat in mir so ein unbefriedigendes Gefühl hinterlassen, dass ich nicht umhin kam, mir über einige essenzielle Dinge Gedanken zu machen: Was ist überhaupt echt? Wie gut kennen wir uns selbst? Wie ehrlich können wir zu uns selbst sein? Alles hat zwei Seiten – aber gibt es überhaupt eine richtige und eine falsche Seite, oder kann jede Seite beides sein? Wie viel Gut und Böse haben wir in uns? Wie viel wissen wir noch von dem, was wir vergessen wollten? Wie viel Entscheidungsmacht haben wir und wie viel ist vorherbestimmt? Sind wir nur Marionetten im perfiden Spiel des Lebens? Können wir dem Kreislauf, der uns auferlegt wurde, aus eigener Kraft entkommen?

Fazit

Unland* ist düster, trockenhumorig, echt und lässt einen am Ende fast völlig kapitulieren. Die Spannung steigert sich immer weiter, während man mit Franka Unlands Geheimnis entdeckt und mit in die Tiefe gezogen wird. Auf sehr subtile Weise fließen gesellschaftskritische Themen wie die Bedeutung von »Andersartigkeit« und queerer Liebe mit ein, die bei mir nicht selten einen »Aha-Effekt« ausgelöst haben. Nicht zuletzt durch das offene Ende ist dieses Buch voll von Fragen, die einen in den Strudel seiner eigenen Gedanken ziehen können – es ist eines derjenigen, die dich verändern.

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

LeselustLeseliebe • Lesemomente • Tintenmeer

Eure Hannah 🙂

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