Ungehorsam Cover (© Berlin Verlag)

[Rezension] Ungehorsam von Naomi Alderman

Ungehorsam* von Naomi Alderman ist kein neues Buch. Es gibt drei Gründe, warum es wieder auf meinem Radar aufgetaucht ist:

  1. Diesen Monat ist die gleichnamige Verfilmung* mit Rachel Weisz und Rachel McAdams in den Hauptrollen in Deutschland erschienen (den Trailer findet ihr unten).
  2. Im Januar 2018 ist Naomi Aldermans feministischer Roman Die Gabe* erschienen, in der Frauen plötzlich die Gabe haben, mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße auszusenden, wodurch sich die Machtverhältnisse deutlich verändern.
  3. Das Buch hat eines der in meinen Augen schönsten Cover überhaupt.
  4. Es ist natürlich queer. Okay. Das waren vier Gründe. 😀

Trotz der herausragenden Verfilmung ist das Buch in Deutschland nur noch gebraucht erhältlich. Unter dem englischen Titel Disobedience* gibt es allerdings noch einige Ausgaben zu kaufen. Die deutsche Übersetzung mit 240 Seiten ist erstmals 2007 im Berlin Verlag erschienen.
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Kurzbeschreibung Inhalt

Ronit lebt in New York ein freies, selbstbestimmtes Leben. Als sie die Nachricht erhält, dass ihr Vater gestorben ist, kehrt sie in ihre Heimat zurück, vor der sie einst geflohen ist: Eine strenggläubige jüdisch-orthodoxe Gemeinde in der Nähe von London, denn ihr Vater war nichts anderes als deren hochangesehener Rabbi. Die Gemeinde hält weder etwas von Ronits neuem Lebensstil in New York, in dem sie Frauen wie Männer liebt, noch von ihrer rebellischen Art und puren Anwesenheit in dieser schweren Zeit. Als sie dort auf ihre Jugendliebe Esti trifft, werden alte Gefühle wieder aufgewärmt, die es dort eigentlich gar nicht geben dürfte; noch dazu ist Esti inzwischen mit Ronits Cousin verheiratet.

Meine Meinung

Die Inhaltsbeschreibung liest sich wie der Beginn einer klassischen Liebesgeschichte, in der zum Schluss alles gut wird. Doch das ist in diesem Buch nicht das Thema. Vielmehr ist es ein Drama – es geht um die Zerrissenheit zwischen den eigenen Gefühlen und Religion, zwischen Konventionen und Selbstfindung, zwischen Rückschlägen und Aufbegehren. Und natürlich zwischen Gehorsam und Ungehorsam.

Auch ist es nicht so, dass Ronits Welt durch Esti völlig aus den Fugen gerät, sondern andersherum. Ronit hat vielmehr damit zu kämpfen, so aus ihrem alten Leben ausgeschlossen zu werden, dass keiner mehr etwas mit ihr zu tun haben will und sie letztlich nicht das kleinste Andenken von ihrem Vater mitnehmen darf, weil er all sein Hab und Gut der Synagoge vermacht hat.

Mich hat das Buch sehr aufgewühlt. Nicht, weil es wie eine Telenovela mit Drama nur so um sich werfen würde; denn dieses Buch ist leise. Es hat mich aufgewühlt, weil es so realitätsnah ist. Die Konsequenz ist nicht, dass sich jeder aus seiner unterdrückten Position mit Händen und Füßen befreien muss, sondern, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Auch wenn Menschen wie ich die religiöse Unterdrückung schrecklich finden, ist sie für manche vielleicht trotzdem der Weg, den sie wählen.

Ein kleiner Ausflug zum Film

Da ich die Neuigkeiten zur Verfilmung mitverfolge, seit ich davon weiß, habe ich sie mir natürlich schon angeschaut. 2017 wurden die Dreharbeiten abgeschlossen und der Film auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt. Die Kritiken zu diesem Drama waren hauptsächlich positiv und inzwischen glaube ich zu wissen, warum Ungehorsam* nicht in den deutschen Kinos lief, sondern direkt als DVD und Blu-Ray erschienen ist. Es ist kein Mainstream-Film, er ist nicht unbedingt massentauglich.

Es ist ein Film über das Begehren und Aufbegehren zweier Frauen im jüdisch-orthodoxen Umfeld. Auch wenn der Film dabei ohne erhobenen Zeigefinger daherkommt, mag er beim Zuschauer trotzdem ein gewisses Unverständnis oder sogar Entsetzen über die Gebote und Verbote der orthodoxen Juden hervorrufen. Dafür, dass die Geschichte in der heutigen Zeit angesiedelt ist, konnte ich die Rückschrittichkeit dieser Gemeinde kaum fassen, denn sogar die Kirche(n) ist/sind hier deutlich weiter in Sachen Toleranz und Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Ich finde sowohl das Buch als auch den Film überaus gelungen. Beide sind alles andere als leichte Kost – zeigen aber trotzdem, wenn auch nicht aus dieselbe Weise – am Ende einen Hoffnungsschimmer. Der wesentliche Unterschied liegt dabei nicht nur in der unterschiedlichen Auflösung; auch wird im Buch die Anziehung und Erotik zwischen Ronit und Esti deutlich subtiler zum Ausdruck gebracht als im Film.

Der Film wurde für die deutsche Version synchronisiert, der Trailer ist leider bisher nur in der Originalversion zu finden. Es reicht aber trotzdem, um ein Gefühl für die Stimmung zu bekommen.

Fazit

Ungehorsam* ist eine Geschichte darüber, wie zwei Frauen mit dem Unverständnis ihrer jüdisch-orthodoxen Gemeinde auf ihre »andersartige« Sexualität umgehen, sich ihr Leben aufbauen und was passiert, wenn sie nach langer Trennung wieder aufeinandertreffen. Sowohl den Roman als auch den Film* fand ich in der Umsetzung herausragend. Wenn auch in der Verfilmung ein paar wenige grundlegende Dinge verändert worden sind, wirkt der Kern in beidem nach. Es ist eine ruhige Geschichte, die im Stillen laut ist und mich durch ihre Realitätsnähe sehr zum Nachdenken angeregt hat.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

LeselupeVollenRiel

Trailer

Eure Hannah 🙂

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4 Gedanken zu “[Rezension] Ungehorsam von Naomi Alderman

  1. Hallo Hannah,

    als der Trailer auf Englisch rauskam interessierten mich Film und Buch sofort, aber irgendwie fragte ich mich die ganze wann der Film herauskommt. Gut, dass ich das jetzt weiß.
    Buch und Film wollte ich auf jeden Fall noch lesen/ hören.
    Eine kleine Korrektur noch: Es handelt sich hier nicht um das orthodoxe Judentum, sondern um das ultra-orthodoxe Judentum/ charedische Judentum (so die selbst Bezeichnung). Das orthodoxe Judentum ist eine andere Strömung des Judentums, die nicht ganz so konservativ (aber immer noch in einigen Aspekten konservativ) ausgerichtet ist wie das charedische Judentum. Bzw. manche sehen es als ein Teilspektrum des orthodoxen Judentums, dessen Ansichten und Lebensweise, aber nicht mit der der meisten anderen orthodoxen Juden übereinstimmen.
    Im orthodoxen Judentum gibt es keine zentrale Autorität wie in der katholischen Kirche. In manchen, aber nicht allen, Ländern oder Städten gibt es Großrabbiner, die als zentrale Autorität des Landes bzw. der Stadt gelten. Allerdings haben diese bei weitem nicht so viel Autorität wie der Papst.
    Innerhalb des orthodoxen Judentums gibt es die verschiedensten Ansichten zu Homosexualität von „das ist eine Krankheit und widerwärtig“ bis „wir sind für die Ehe für alle“ ist da alles dabei. Einzelne Rabbis haben sich auch sehr unterschiedlich dazu geäußert. Manche sehr unterstützend, wenn es um LGBTQ+ Rechte und Akzeptanz geht, andere nicht.

    LG
    Elisa

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Elisa,

      vielen Dank für deinen Hinweis und die ausführliche Erläuertung! Das war mir tatsächlich nicht bewusst und das ist mir auch beim Lesen nicht aufgefallen. Es erleichtert mich etwas, dass es dabei um eine bestimmte Gruppierung im Judentum geht und die Werte nicht auf die „Allgemeinheit“ anzuwenden sind.
      Und ich freue mich natürlich, dass ich dir Buch und Film hiermit wieder in Erinnerung rufen konnte. 🙂

      Liebe Grüße,
      Hannah

      Gefällt 1 Person

  2. Ich habe den Roman vor einigen Jahren gelesen und habe ihn immer noch als sehr gut geschrieben und bewegend in Erinnerung. Enttäuscht hat mich aber, dass die Liebe zwischen Ronit und Esti so konsequenzlos verpufft. Ich hätte das Thema lieber etwas konsequenter weitergeführt gesehen, auch, dass es Ronits materielles New Yorker Leben irgendwie kippen würde.

    Gefällt 1 Person

    • Bei mir ist es auch schon etwas länger her, dass ich das Buch gelesen habe; nachdem ich die Verfilmung gesehen hatte, habe ich nochmal ein bisschen reingelesen. Mir ist dabei der Eindruck geblieben, dass aus Ronits Sicht nicht (mehr) die Liebe war, die von Estis Seite noch bestand. Vielleicht auch nur die Erinnerung daran, eine Jugendliebe vergisst man schließlich nicht so schnell… Jedoch glaube ich, dass es sich deshalb auch nicht auf Ronits New Yorker Leben ausgewirkt hat, weil es sie eben nicht so nachhaltig beeinflusst hat. Die Konsequenz daraus für Esti fand ich jedoch in der Verfilmung etwas passender umgesetzt. Ich muss dir da Recht geben – spannender wäre es gewesen, wenn sich die erneute Verbindung zwischen den beiden noch weiter ausgewirkt hätte.

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