Erhebung Cover (© Heyne Verlag)

[Rezension] Erhebung von Stephen King

Stephen King habe ich schon immer gern gelesen, doch mit Erhebung* legt er sein erstes Werk vor, in dem ein LGBT-Thema im Mittelpunkt steht. Da Homosexuelle in seinen bisherigen Büchern (zumindest in denen, die ich gelesen habe) meist auf Grund fehlender Akzeptanz der Gesellschaft nicht besonders gut wegkamen, war ich dieser Geschichte zwar offen, aber vorsichtig gegenüber eingestellt. Zudem erinnerte die Grundidee sehr an Der Fluch*, bekommt jedoch mit Verlauf der Geschichte ein völlig andere Bedeutung. Das Buch ist im November 2018 im Heyne Verlag erschienen, hat 144 Seiten und kostet 12,00 €.
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Kurzbeschreibung Inhalt

Scott verliert rasend schnell Gewicht – ohne dass sich sein Äußeres verändert. Selbst mit Kleidung zeigt die Waage dasselbe Gewicht an wie ohne, woraufhin er sich seinem Freund und Arzt im Ruhestand Bob Ellis anvertraut. Zusätzlich muss Scott sich mit seinen beiden Nachbarinnen Deirdre und Missy herumärgern, ein lesbisches, verheiratetes Paar, die ein neues Restaurant in der Stadt eröffnet haben und deren Hunde gerne ihr Häufchen auf Scotts Rasen verrichten. Als Scott und Deirdre beim jährlichen Stadtlauf von Castle Rock aneinander geraten, doch Scott ihr im entscheidenden Moment hilft, kommen sich die beiden auf menschlicher Ebene näher und bilden den Grundstein für eine erhellende Freundschaft. Doch sein Gewicht hört nicht auf zu schwinden.

Meine Meinung

Auf diesen 144 Seiten, die als Roman betitelt werden, für mich aber eher seinen Novellen oder Kurzgeschichten gleichen, hat sich Stephen King verhältnismäßig kurz gehalten. Dies tut der Geschichte allerdings keinen Abbruch; vielmehr würde es an mancher Stelle in seinen anderen Büchern auch nicht schaden. Erhebung* ist keine Horrorgeschichte. Scotts Gewichtsverlust stellt zwar ein nicht erklärbares, übernatürliches Element dar, jedoch bleibt die Stimmung auf das menschliche Miteinander fokussiert.

Deirdre und Missy haben schon viel ertragen müssen und fallen nun insbesondere durch die Tatsache, dass sie miteinander verheiratet sind, in der konservativen Kleinstadt negativ auf. Sie sind beide Powerfrauen und talentiert in dem, was sie tun. Das Essen in ihrem Restaurant schmeckt vorzüglich und Deirdre ist eine begnadete Läuferin. Hätten sich die beiden mit ihrer Sexualität bedeckt gehalten, hätte Castle Rock das verkraftet, doch mit ihrer Heirat scheinen sie ein Statement setzen zu wollen, das den Bürgern nicht passt.

Stephen King lässt das Ende der Geschichte offen; wir erfahren nicht, woher Scotts stetiger Geichtsverlust rührt. Vielmehr erinnert mich der Roman an eine Parabel, die in vielerlei Richtungen gedeutet werden kann. Scott wird immer leichter, bis er sich schließlich in einer Art Schwerelosigkeit befindet. Er fühlt sich dabei nicht schlecht – im Gegenteil – er fühlt sich erleichtert oder auch »erhaben«, wie sich auch Deirdre beim Laufen fühlt. Er fühlt sich vielleicht sogar erhaben über das Irdische, indem er sowohl seine Last von den Schultern nimmt, als auch Deirdre durch seine Freundschaft ein Stück der Last von ihren Schultern nimmt, die sie seit jeher begleitet. Vielleicht ist Scotts Überwindung auch ein Schritt der Erhebung der Gesellschaft, die irgendwann über der Diskriminierung unterschiedlicher Sexualitäten steht.

Diese Geschichte gibt den Anstoß zum Weiterdenken und gibt Impulse zum Umdenken des konservativen Kleinbürgers. Doch was hat den Autor dazu bewogen, seine üblichen Muster der Darstellung von Homosexualität in seinen Büchern zu durchbrechen? Fand er es an der Zeit, der homophoben Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und einem lesbischen Paar ein Happy End zuzugestehen, noch dazu in einer mehrheitlich Trump-wählenden Kleinstadt Amerikas? Spielt vielleicht auch die Homosexualität seiner Tochter eine Rolle, die selbst mit einer Frau verheiratet ist? Die Geschichte ist zwar aus Scotts Sicht geschrieben, jedoch entwickeln sich die beiden Frauen zu Hauptnebencharakteren; denn der Fokus liegt hier mehr auf Scotts Beziehung zu ihnen als auf seinem Gewichtsverlust und damit drohendem Ende.

Fazit

Mit Erhebung* hat Stephen King keine klassische Horrorgeschichte geschrieben, sondern eine liebevolle Novelle, in der er mit seinen üblichen Mustern bricht und einem lesbischen Paar ein Happy End schenkt. Dabei fließt als übernatürliches Element Scotts schwindendes Gewicht ein, das zwar nicht erklärbar ist, durch seine »Erleichterung« und sein »erhabenes« Gefühl allerdings viel Deutungsspielraum erzeugt und durch den Parabel-Charakter zum Nachdenken anregt. Erhebung ist nicht das, was man von einem King typischerweise erwartet, hat mich jedoch bestens unterhalten und mein Herz erwärmt. Eine schöne Geschichte für zwischendurch, die die wachsende Bereitschaft der Gesellschaft zu Akzeptanz auf besondere und etwas unerklärliche Weise erlebbar macht.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

BuchperlenblogLetterheart

Eure Hannah 🙂

*Diese Links führen zu den jeweiligen Verlagen, falls ihr mehr Informationen über das Buch sucht. Diese Verlinkung erfolgt freiwillig und wird nicht vergütet.
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2 Gedanken zu “[Rezension] Erhebung von Stephen King

  1. […] Erhebung* ist das meines Wissens nach erste LGBT+-Buch von Stephen King. Homosexualität taucht in seinen Büchern zwar immer wieder auf, jedoch meistens nur in Randfiguren und in Form von mangelnder Akzeptanz in der Gesellschaft. Auch hier äußert sich das Thema in Gesellschaftskritik. Der Protagonist Scott nimmt sehr schnell ab, ohne dass sich das Gewicht auf der Waage verändert. Er und sein Arzt wissen keinen Rat und zudem entspinnt sich ein Nachbarschaftsstreit mit dem lesbischen Paar von nebenan, deren Hund seine Häufchen gern in Scotts Vorgarten legt. Die beiden Frauen haben gerade ein Restaurant eröffnet, doch auf Grund ihrer Homosexualität scheinen die Bewohner Abstand zu halten. Durch verschiedene Umstände schließt sich Scott mit ihnen zusammen, um den Vorurteilen entgegenzuwirken und für Menschlichkeit einzustehen. Auf dieses Buch bin ich besonders gespannt, denn in den Büchern, die ich vom Autor bisher gelesen habe, kommen Homosexuelle nicht besonders gut davon. Durchbricht er hier sein Muster, vielleicht auch deshalb, weil King selbst eine lesbische Tochter hat? Das Buch erscheint am 12. November im Heyne Verlag, hat 144 Seiten und kostet 12,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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