Rosen & Knochen Cover (© Drachenmond Verlag)

[Rezension] Rosen und Knochen von Christian Handel

Christian Handel habe ich im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse kennen gelernt. Er ist Vollblut-Fantasy-Fan und führt seit über zehn Jahren einen Blog über die Fantasy-Buchwelt, auf dem er regelmäßig queere Vertreter dieses Genres vorstellt. Sein erstes Werk Rosen und Knochen* ist sogleich mein erstes Buch aus dem Drachenmondverlag und ich war wahnsinnig gespannt darauf, eine queere Märchenadaption von »Schneeweißchen und Rosenrot« zu lesen; doch beim Lesen stellte ich schnell fest, dass es sich vielmehr um eine abgewandelte Version von »Hänsel und Gretel« dreht. Und was soll ich sagen: Ich bin begeistert! Das Buch ist im September 2017 erschienen, hat 200 Seiten und kostet 12,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Muireann und Rose sind Dämonenjägerinnen und arbeiten verdeckt unter den Namen Schneeweißchen und Rosenrot für das Fußvolk, das sich die königlichen Dämonenjäger nicht leisten kann. Ihr Auftrag führt sie diesmal zur Waldhütte einer Hexe, denn seitdem ihr ein Mädchen entkommen ist und sie getötet hat, wird der Wald von vielerlei Spuk heimgesucht und die Wege sind für die Dorfbewohner nicht mehr passierbar. Sobald Muireann und Rose das Grundstück der Hexe betreten, merken sie, dass dies kein Auftrag wie jeder andere ist. Die dunklen Kräfte scheinen es auf Muireann abgesehen zu haben und der Auftrag wird zu einem viel persönlicheren, als sie anfangs gedacht hat…

Meine Meinung

Ich ging die Geschichte ganz unvoreingenommen an und wurde völlig vom Hocker gerissen. Nie hätte ich damit gerechnet, dass ausgerechnet ein Märchen es schafft, mich derart in seine Geschichte hineinzuziehen und nicht mehr hinauszulassen. Es geht auf die ursprünglichen Märchen zurück, die düster waren, brutal, grausam und meistens kein gutes Ende nahmen. Wer also etwas Leichtes für Zwischendurch sucht, wird hier leider enttäuscht. Es sind einige Horrorelemente vertreten, durch die ich mich zeitweise doch sehr gegruselt habe – lest das Buch als am besten nicht unbedingt allein mitten in der Nacht.

Der Autor schafft es, eine Atmosphäre zu gestalten, in die man nur so hineingezogen wird. Man fiebert mit den Charakteren mit, als würde man ihre Situation selbst durchleiden, man hofft auf einen gerechten Ausgang, und wird in seiner Hoffnung einige Male ganz schön zerstört. Er bringt einen dazu, innerlich völlig zu kapitulieren, wenn man begreift, dass man am Verlauf der Geschichte ja doch nichts ändern kann. Ganz bewusst spielt er mit den Erwartungen des Lesers, der ja schließlich meint, das Märchen zu kennen, also auch zu wissen, wie es ausgeht und was passiert ist. Ich kann nur sagen… ihr wisst es nicht.

Es handelt sich hierbei jedoch nicht nur um ein horrorartiges Märchen, das uns verzweifeln lässt. Sowohl die Handlung als auch die Charaktere sind unglaublich vielschichtig gestaltet, denn obwohl die eigentliche Geschichte nur über etwa 160 Seiten geht, hat man das Gefühl, einen Einblick in eine ganze Welt zu erhalten, in der es noch so viel mehr zu entdecken gibt. Die Charaktere existieren eben nicht nur für diese eine Geschichte, sondern haben schon einige Jahre durchlebt. Muireann und Rose kommen aus unterschiedlichen Gegenden und haben beide ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen. Sie erinnern sich an vergangene Erlebnisse, an ein Geheimnis, das ihnen fast zum Verhängnis wird… Und das Ende des Buchs ist nicht gleich das Ende ihrer Tage, sondern gibt einen Ausblick darauf, was sich als nächstes in den Hexenwald-Chroniken zutragen wird. Wie gut, dass gerade eine Fortsetzung dazu entsteht. 🙂

Was mir sehr gut gefallen hat, ist auch die Konstellation der beiden Protagonistinnen, die selbstverständlich ein Paar sind. Es wird zwar angedeutet, dass ihre Beziehung in dieser Welt nicht zu hundert Prozent akzeptiert wird, jedoch stellen sie sich selbst zu keiner Zeit in Frage. Der Umgang zwischen ihnen ist sehr liebevoll beschrieben, allerdings auch nicht beschönigt; denn wie in der realen Welt ist niemand perfekt und Menschen sind auch nicht füreinander bestimmt, doch lieben können sie sich aus tiefstem Herzen. Anfangs hat mich die etwas verweichlichte Darstellung Muireanns und die dagegen draufgängerische Rose ein bisschen gestört, weil ich mich wie in ein klassisches Rollenbild von Mann und Frau zurückversetzt gefühlt habe. Das ergibt jedoch mit Verlauf der Geschichte ihren Sinn, in der Muireann spürbar über sich hinauswächst.

Was ich ebenfalls klar hervorheben möchte ist, wie intensiv der Autor recherchiert hat. Jede Erwähnung, jede Zeile geht auf Tatsachen oder Sagen zurück, die genauso in unserer Welt bestehen. Muireann und Rose haben nicht zufällig englische Namen, obwohl die Handlung in Deutschland angesiedelt ist. Muireanns Geheimnis steht in direktem Zusammenhang mit ihrer schottischen Herkunft. Die Geschehnisse auf dem Grundstück der Hexe gehen ihr deshalb so nah, weil sie in ihrer Kindheit ähnliches erlebt hat… Keine Beschreibung wurde zufällig gewählt. Davor habe ich großen Respekt.

Die Verbindungen werden auch deshalb deutlich, weil das Buch nach der eigentlichen Geschichte noch ein Nachwort enthält, eine zusätzliche Kurzgeschichte aus den Hexenwald-Chroniken und ein paar Anekdoten zu Grimms ursprünglichen Märchen – und wohin sie sich über die Zeit entwickelt haben. Diese Einblicke beleuchten die Märchenadaption noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel, wodurch man noch tiefer in die Welt abtauchen kann.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich jedoch auch. Aus meiner Sicht hätte das Buch auch gut zehn Seiten früher enden können. Denn nach dem eigentlichen Showdown wird noch eine Erklärung einiger Geschehnisse hinterhergeschoben, die es in meinen Augen nicht gebraucht hätte, oder die das eigene Mitdenken etwas hemmt. Es kann natürlich sein, dass die letzte Szene wichtig für den weiteren Verlauf ist, das werden wir dann bald mit dem zweiten Teil erfahren. 🙂

Fazit

Die Märchenadaption Rosen und Knochen* hat mich völlig überrascht und in ihrer Intensität überrumpelt. Sie geht auf die ursprünglichen Märchen zurück, die oft von Brutalität und einem schlimmen Ende gezeichnet sind. Trotzdem findet sich in dieser Geschichte viel echte Menschlichkeit, denn Christian Handel stellt selbstverständlich ein gleichgeschlechtliches Paar in die Mitte des Geschehens, das nur eine Momentaufnahme eines vielschichtigen Lebens zu sein scheint. Ein wirklich spannendes Buch, mit dessen Ausgang vermutlich keiner rechnet. Ich freue mich auf die Fortsetzung, an der der Autor gerade schreibt!

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Awkward DangosFrau TrallafittiMoyas Buchgewimmel

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU DEN JEWEILIGEN VERLAGEN, FALLS IHR MEHR INFORMATIONEN ÜBER DAS BUCH SUCHT. DIESE VERLINKUNG ERFOLGT FREIWILLIG UND WIRD NICHT VERGÜTET.
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Ein Gedanke zu “[Rezension] Rosen und Knochen von Christian Handel

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