Ein wirklich erstaunliches Ding Cover (© BOLD Verlag)

[Rezension] Ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green

Über Ein wirklich erstaunliches Ding* gibt es viele Dinge zu sagen. Zum einen ist der Autor Hank Green kein anderer als John Greens (»Das Schicksal ist ein mieser Verräter«) nerdiger kleiner Bruder, der durch Wissenschaftssendungen und ihren gemeinsamen YouTube-Kanal bekannt ist. Zum anderen ist es das erste Buch, das bei bold erschienen ist, dem neuen Imprint des dtv Verlags für Digital Natives ab 20 Jahren. Sowohl durch den neuen Imprint als auch das außergewöhnliche Thema des Buchs sah man darin wohl das meiste Potenzial, die neue Zielgruppe zu erreichen, weshalb durch einen sogenannten Bookdrop dem Buch große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zum Erscheinungstermin wurden von zahlreichen Buchbloggern in ihrer Stadt einige Printexemplare des Titels verteilt, in denen der Finder darum gebeten wird, das Buch zu lesen, bestenfalls seine Meinung dazu zu posten und das Buch inkl. der Gebrauchsanweisung wieder für neue Leser auszusetzen. Diese Idee der plötzlichen, »über Nacht« erscheinenden Bücher ist eng verzahnt mit der eigentlichen Story, wie ihr im nächsten Abschnitt lesen könnt. Ich würde zwar nicht sagen, dass es das beste Buch ist, das ich seit langem gelesen habe; jedoch definitiv eines der ungewöhnlichsten und abgedrehtesten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Es ist im Februar 2019 erschienen, hat 448 Seiten und kostet 22,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

April May ist 23, bisexuell mit einem beziehungsähnlichen Verhältnis zu ihrer Mitbewohnerin und hat gerade in New York ihren ersten Brotjob nach dem Studium angetreten. Eines Nachts, als sie von der Arbeit nach Hause fahren will, entdeckt sie eine meterhohe roboterähnliche Skulptur, die ihr so erstaunlich vorkommt, dass sie ihren Studienfreund Andy aus dem Bett klingelt um ein Video von »Carl«, wie sie die Skulptur spaßeshalber nennt, für seinen erfolglosen YouTube-Kanal zu drehen. Am nächsten Morgen ist April schlagartig berühmt, denn über Nacht sind 63 weitere Carls auf der ganzen Welt aufgetaucht und sie war die erste, die den »New York Carl« entdeckt und ins Internet gestellt hat. Ab dann reisen die beiden von Talkshow zu Talkshow, das Video wird zum meistgeklickten überhaupt, denn keiner weiß, woher die Carls kommen. Bald wird klar, dass sie nicht von der Erde stammen, es entstehen Rätsel, die gelöst werden wollen und als April glaubt, die Antwort gefunden zu haben, greift daraufhin ein kollektiver und ansteckender Traum um sich, in dem die Menschen wie in einem Videospiel Quests lösen müssen, um gemeinsam zu des Rätsels Lösung zu gelangen. Nebenbei wächst Aprils weltweite Bekanntheit ins Unermessliche und sie gerät in einen Strudel aus Macht und Aufmerksamkeit, dem sie sich kaum entziehen kann. Wo wird das alles enden?

Meine Meinung

Man könnte meinen, mit der Inhaltsbeschreibung sei schon zu viel verraten, aber ich verspreche euch: Das ist es nicht. Auf diesen knapp 450 Seiten passiert so viel, dass man kaum zu Atem kommt. Am Anfang fand ich es relativ schwierig, mich auf den Schreibstil einzulassen, da er sehr impulsiv wirkt und wenig strukturiert. So wirkt übrigens die ganze Geschichte: Als wäre sie genau so ausgespuckt worden und viel zu abgedreht und unwahrscheinlich, als ausgedacht zu sein. Sie wirkt leicht und nicht konstruiert. Entweder hat Hank Green diese Geschichte selbst so impulsiv auf’s Papier geklatscht, oder er ist ein Genie, der die Impulsivität, Rastlosigkeit, Unzufriedenheit, Gier nach Bedeutsamkeit und Einfluss und Beziehungsunfähigkeit der Generation der Mittzwanziger mit einer wahnsinnigen Beobachtungsgabe exakt auf den Punkt gebracht hat. Ich tippe auf beides. Um in dieses ganze Chaos ein wenig Struktur zu bringen, habe ich versucht, meine Gedanken dazu im Folgenden bestmöglich zu sortieren.

Wenn man der Geschichte ein Genre zuordnen müsste, so wäre es am ehesten Science Fiction, denn die Carls stammen nicht von der Erde. Sie könnte entweder in einer möglichen Parallelwelt zu unserer angesiedelt sein, oder aber eine mögliche Zukunft unserer Welt verkörpern. Es gibt eine dem Bürger zugewandte Präsidentin der Vereinigten Staaten, deren Name nicht genannt wird.

Da April auf irgendeine Weise mit ihrer Mitbewohnerin zusammen ist, wir sie von ihrer Agentin dazu gedrängt, sich in der Öffentlichkeit als lesbisch zu bezeichnen, da viele Menschen Bisexualität nicht verstehen oder Vorurteile haben; sie schlichtweg nicht als existent wahrnehmen. Auch wenn April vermutlich in unserer Gesellschaft selbst mit Homosexualität angeeckt wäre, so existiert auch hier das Problem, dass Bisexuellen häufig ihre Existenz abgesprochen wird; das nennt sich Bisexual Erasure. Es gibt kaum bisexuelle Charaktere in Filmen, Serien und Büchern, weil es »einfacher« zu verkaufen oder verstehen ist, wenn jemand eben das gleiche Geschlecht mag. Sätze wie »Du kannst dich doch nur nicht entscheiden!« oder »Ein bisschen bi schadet nie!« müssen Bisexuelle leider oft ertragen, weshalb ich mich freue, dass dieses Problem in diesem Roman angesprochen wird.

Die Protagonistin verkörpert ziemlich treffend das Bild der sprunghaften, impulsiven, wankelmütigen, Social-Media-süchtigen und in gewisser Weise aufmerksamkeitsgeilen und egoistischen »Generation beziehungsunfähig«. Ich selbst konnte mich trotz passenden Alters kaum in der Protagonistin wiederfinden, was das Buch für mich allerdings kein bisschen weniger spannend oder interessant gemacht hat. Im Gegenteil: Ich fühlte mich der Entwicklung teilweise hilflos ausgeliefert und konnte nicht anders als zuzusehen, wie April auf ihr Unglück zusteuert und jede Chance auf echte Nähe im Keim erstickt. Und doch glaube ich, dass es sehr viele junge Menschen gibt, die sich, wenn auch nur zum Teil, in April wiederfinden können. Ein wirklich erstaunliches Ding* ist in meine Augen DAS Buch für normalerweise nicht lesende Digital Natives.

Trotzdem bleibt April für den Leser stets sympathisch. Die Unfähigkeit, sich dem Unausweichlichen zu entziehen, wirkt irgendwie liebenswert und sie haut einen Spruch nach dem anderen raus, der nur so vor trockenem Humor sprüht. Durch die eher impulsive Sprache schafft es der Autor außerdem, viele kleine einfache und augenöffnende Wahrheiten zu verpacken. Zusätzlich wird auf leicht verständliche Weise gezeigt, wie politische Bewegungen entstehen, ihre Dynamik wird sichtbar; wir erfahren die Entmenschlichung von berühmten Persönlichkeiten am eigenen Leib. Deshalb kann ich sagen, dass die Geschichte mir viel gegeben hat, mich zu jeder Zeit festgehalten hat und mich weiterlesen wollen ließ. Trotzdem kann ich nicht genau sagen, was es mir gegeben hat. Am ehesten hat es mich wohl einfach hochaktuell und zielgruppengerecht unterhalten.

Das Ende ist ein Schlag und offen. Das Ende ist ein Beginn. Das Buch könnte für mich gut allein stehen, da man sich nach der letzten Seite tausend Fragen stellt und gleichzeitig selbst beantwortet. Wenn man sich für sich selbst nicht einen Ausgang und eine Begründung festlegt, wird man wohl längere Zeit nicht ruhig schlafen. Hank Green hat nun allerdings bekannt gegeben, dass es eine Fortsetzung geben wird. Offene Fragen gibt es genug, er wird also vermutlich keine Probleme haben, eine spannenden zweiten Teil zu schreiben. Ich bin gespannt, wie er diesen angeht.

Fazit

Ein wirklich erstaunliches Ding* ist ungewöhnlich, provokativ, definitiv polarisierend. Es trifft den Zeitgeist und hält uns die Auswirkungen von politischen Bewegungen ausgelöst durch die sozialen Medien vor Augen, die in unserer heutigen Gesellschaft möglich sind. Science Fiction bildet die Basis der Geschichte und könnte doch kaum weniger im Mittelpunkt stehen. Ebenso findet Bisexual Erasure hier eine Stimme, was in der Literatur viel zu selten thematisiert wird. Auch wenn die Geschichte wenig strukturiert ist und dadurch nicht ausgereift wirkt, wird sie vermutlich genau denen gefallen, die »mal wieder etwas ganz Neues« lesen wollen oder die sonst selten in Berührung mit Büchern sind. Besondere Unterhaltung und Abgedrehtheit ist vorprogrammiert.

Humor: ●●●●○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●●●

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Kill Monotony • Lesen… in vollen Zügen • Letterheart • Rainbookworld

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU DEN JEWEILIGEN VERLAGEN, FALLS IHR MEHR INFORMATIONEN ÜBER DAS BUCH SUCHT. DIESE VERLINKUNG ERFOLGT FREIWILLIG UND WIRD NICHT VERGÜTET.
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2 Gedanken zu “[Rezension] Ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green

  1. […] Ein wirklich erstaunliches Ding* ist vielleicht schon einigen ein Begriff, denn Hank Green ist sowohl bekannt durch seinen Bruder John Green, Autor zahlreicher Jugendromane, als auch durch ihren gemeinsamen YouTube-Kanal. Seit Monaten geistern Bilder erster Leseexemplare durch die sozialen Medien, womit wir auch gleich beim Thema wären: Die Macht der (sozialen) Medien. Es geht um die 23-jährige, bisexuelle April, die eines Nachts ein kurzes Filmchen einer Roboter-Skulptur ins Internet stellt und ihr den Namen »Carl« gibt. Über Nacht wird April schlagartig berühmt, denn auf der ganzen Welt sind diese Carls aufgetaucht, doch keiner weiß etwas darüber. Weltweite Aufmerksamkeit liegt auf ihr, die nicht nur positiv bleibt… Abgesehen von der Gefahr durch Social Media werden hier auch in Verbindung mit Aprils Beziehung zu ihrer Freundin Maya, einer PoC (= Person of Colour), die Themen White Privilege (Privilegien durch helle Hautfarbe) und Bisexual Erasure (Unsichtbarkeit von Bisexualität) angesprochen, was das Buch nur umso aktueller und mich sehr neugierig macht. Es erscheint am 28. Februar 2019 im bold Verlag, ein neuer Imprint im dtv Verlag für Digital Natives ab 20 Jahren. Es hat 448 Seiten und kostet 22,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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