Der Atem einer anderen Welt Cover (© Fischer TOR Verlag)

[Rezension] Der Atem einer anderen Welt von Seanan McGuire

Als ich von der Erscheinung von Der Atem einer anderen Welt* von Seanan McGuire erfahren habe, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Es handelt sich nämlich um eine skurrile Fantasy-Reihe, die im englischsprachigen Raum (Original: Every Heart a Doorway) schon längst gefeiert wird; sowohl für ihre Originalität als auch für die selbstverständliche Repräsentation unterschiedlichster Identitäten und Sexualitäten. Wer sich jetzt denkt, »Och nö, schon wieder ein Reihenauftakt, da muss ich ja ewig auf die Übersetzung der weiteren Teile warten!«, täuscht sich, denn in diesem Buch sind die ersten drei Teile gemeinsam enthalten. Jeder Teil ist übrigens in sich abgeschlossen und hat andere, teils aus vorigen Teilen bekannte, Protagonisten. Damit ihr auch versteht, warum die Welt aus Seanan McGuires Feder so besonders ist, lest unbedingt weiter – sofern ihr Fantasy in irgendeiner Weise mögt. 😉 Das Buch ist im Januar 2019 im Fischer TOR Verlag erschienen, hat 464 Seiten und kostet 19,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Ob Alice‘ Wunderland, Narnia oder das Nimmerland – schon immer gab es Welten neben der uns bekannten. Und schon immer sind Kinder darin verschwunden. Doch wohin sollen sie gehen, wenn ihre neue Welt sie wieder ausspuckt? »Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen« bietet all denen zurückgekehrten Kindern und Jugendlichen ein Zuhause, die sich eigentlich nichts sehnlicher wünschen als zurückzufinden in ihre besondere Welt. Da, wo sie hingehören. Im ersten Buch erleben wir das Ankommen der asexuellen Nancy bei Eleanor und entdecken mit ihr die Geheimnisse der fremden Welten, als das Haus von einer grausamen Mordserie heimgesucht wird. Im zweiten Buch erfahren wir, wie die lesbische Jack und ihre Zwillingsschwester Jill in ihrer Horrorfilmwelt zu denen wurden, die sie sind und im dritten Buch reisen der trans Junge Kade und die übergewichtige Meerjungfrau Cora durch die unterschiedlichsten Welten, um die Welt(en)ordnung wieder herzustellen, die ins Ungleichgewicht geraten ist.

Meine Meinung

Mir hat das Lesen sehr viel Spaß gemacht, auch wenn ich eine Weile gebraucht habe, um mich auf die Geschichte einzulassen. Erwartet hatte ich nämlich doch etwas anderes: Ein lustiges Buch über Kinder, die unterschiedliche Dinge erlebt haben, an Zauber glauben, in ihren Fantasiewelten leben und irgendwie nicht mehr auf die Gesellschaft der Erde losgelassen werden können. Zumindest mit Letzterem hatte ich Recht. Allerdings nicht auf die Zuckerwatte-Art, sondern auf eine »Ich hack‘ dir die Hände ab«-Art. Die Geschichte steckt voll von makaberem, skurrilem, schwarzen Humor. Die Charaktere wirken gleichermaßen grotesk wie absolut real. Die Umsetzung finde ich in allen drei Büchern abgedreht und irgendwie brutal, allerdings auf eine komische Weise. Ein Stil, den man mögen muss! Ich finde ihn klasse.

Absolut herausragend ist die Repräsentation unterschiedlichster Identitäten und Sexualitäten. In den Geschichten gibt es nicht nur selbstverständlich asexuelle, trans, pansexuelle und lesbische Protagonisten, sondern es werden viele Gesellschaftsnormen kritisiert. Jacks Geliebte ist groß und stämmig und in Jacks Augen die schönste Frau der Welt; denn Rundungen stehen in ihrer Welt für Weiblichkeit und Schönheit (sowie es auch in unserer Welt Zeiten gegeben hat, in denen Fülle ein Schönheitsideal war).

Nacktheit und Sex wird von einigen Charakteren so offen thematisiert, dass es anderen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ein Mädchen hat einen Arm verloren, doch in den Augen der Hausbewohner macht es das nicht zur »Behinderten«. Ihr fehlender Arm wird registiert wie eine Haarfarbe oder ein Lieblingsessen. Eine übergewichtige Protagonistin wurde in ihrem früheren Leben wegen ihres Gewichts gemobbt, doch ist sie eine absolute Sportskanone und mit einer kurvigen Körperform geboren. In Eleanors Haus scheinen nur ihre blaugrünen Haare aufzufallen, die sie durch ihr Leben als Meerjungfrau erhalten hat; ihr Übergewicht registriert niemand als bemerkenswert. Genau das bedeutet für mich Inklusion. Und es tut uns allen gut von Dingen zu lesen, die normal sein können, wenn wir sie als das betrachten. Fat-Shaming, Skinny-Shaming, Ausgrenzung von Personen, die »anders« sind – all dem zeigt dieses Buch den Mittelfinger und verteilt eine Portion gleichwertiger Liebe.

Ich finde jedoch, dass Seanan McGuire noch mehr aus ihren Geschichten hätte herausholen können. Mit gut 450 Seiten bleiben für jede Geschichte nur etwa 150; und in meinen Augen hätte auch jede einzelne Geschichte auf diese 450 Seiten ausgebaut und dadurch an Intensität noch verstärkt werden können. Kaum war man in die neue Welt abgetaucht, musste man schon wieder auftauchen, weil man am Ende angelangt war.

Fazit

Die Welt(en) der Wayward Children, in die wir in Der Atem einer anderen Welt* eintauchen, finde ich faszinierend, grotesk, unheimlich schwarzhumorig und wahnsinnig inklusiv. Nicht nur durch die Normalität unterschiedlicher Identitäten und Sexualitäten lässt die Autorin vorherrschende Gesellschaftsnormen alt aussehen, sondern auch durch die bedingungslose Akzetanz unterschiedlicher Körperformen und -einstellungen. Die Idee, aus anderen Welten zurückgekehrte Kinder in einem Haus zusammenzuführen, finde ich einfach einmalig. Dadurch ensteht ein vielseitiges Zusammenspiel von Charakteren und Lebensrealitäten, von denen man gar nicht genug bekommt. In meinen Augen hätte die Autorin die Bücher ruhig noch etwas ausbauen können. Ich freue mich, dass weiterhin neue Geschichten entstehen, die hoffentlich wieder übersetzt werden!

Humor: ●●●●○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●●●

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Booknerds by Kerstin* • Damaris liest.* • Kurzinterview mit der Autorin auf Darkstars Fantasy News*

Eure Hannah 🙂

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2 Gedanken zu “[Rezension] Der Atem einer anderen Welt von Seanan McGuire

  1. […] Der Atem einer anderen Welt ist ein ganz besonderes Buch. Eigentlich umfasst es gleich drei Geschichten über die Wayward Children, die im Englischen als einzelne Bücher erschienen sind. Es spielt zwar in unserer realen Welt, handelt jedoch von Kindern, die einst in Zauberwelten vorgedrungen waren, in ein Kaninchenloch gefallen oder durch Portale in Kleiderschränken neue Welten erkundet haben und von diesen wieder in unsere reale Welt zurückgesandt wurden. Schon klar, dass Nancy es mit einem bunten Haufen zu tun hat, als sie »Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen« betritt. Die Charaktere sind völlig natürlich total divers – Nancy ist asexuell, Kade trans und Jack lesbisch, kulturell bleiben auch keine Wünsche offen. Und über allem schwebt der skurrile, etwas morbide Humor, der sich durch alle Welten und Geschichten zieht. […]

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