Das Lied der Krähen/Das Gold der Krähen Cover (© Knaur Verlag)

[Rezension] Das Lied der Krähen/Das Gold der Krähen von Leigh Bardugo

Das Lied der Krähen* und Das Gold der Krähen* von Leigh Bardugo bilden die »Glory or Grave«-Dilogie, die im sogenannten Grishaverse angesiedelt ist. Mit ihrer »Grischa«-Trilogie*, die vor einigen Jahren bei Carlsen erschienen ist, hat die Autorin schon einen vollen Erfolg gelandet; setzt mit den Krähen aber noch einen drauf. Die hier vorgestellte Dilogie spielt zwar im selben Universum, Vorkenntnisse sind jedoch nicht notwendig und man kann die beiden Bände unabhängig von der »Grischa«-Trilogie lesen. Leigh Bardugo wird nicht nur für ihre Originalität und ihren intelligenten Plot gefeiert, sondern auch für ihr wahres Feuerwerk an Diversität und Inklusion, das sie in ihren Geschichten zum Ausdruck bringt. Die beiden Bücher sind im Droemer Knaur Verlag erschienen (Oktober 2017 & September 2018), haben jeweils 592 Seiten und kosten je 16,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Unsere sechs Protagonisten, auch »Krähen« genannt, gehören mehr oder weniger zur selben Bande und finden für einen riskanten und waghalsigen Job zusammen: Einen Wissenschaftler aus dem bestbewachten Ort zu entführen, um einen hinterlistigen Krämer Macht über eine Droge zu verleihen, die in den Grischa (Menschen mit besonderen Kräften) eine extreme Machtsteigerung zu erzielen scheint. Denn dieser Job wird sie reich machen und von ihren Schulden befreien. So raufen sich sechs äußerst fähige Außenseiter zusammen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, um mit vereinten Kräften das Unmögliche möglich zu machen…

Meine Meinung

Die Handlung ist dermaßen komplex, dass man sie kaum in wenigen Worten zusammenfassen kann. Man sagt, Bücher seien entweder plot-driven oder character-driven, also entweder durch die Handlung oder durch die Charaktere vorangetrieben. In dieser Geschichte kommt definitiv beides zum Zug, und zwar auf intensivste Weise. Das eine löst das andere aus und besonders die eigentümlichen Charaktere sorgen für spannende Plottwists zum Haareraufen.

Die Kapitel sind jeweils aus einer Perspektive der sechs Protagonisten geschrieben. Jeder Charakter hat sein eigenes Paket (nicht Päckchen) zu tragen, das über den Verlauf der Geschichte auf insgesamt knapp 1200 Seiten nur langsam ans Licht kommt. Sie stammen alle aus unterschiedlichen Ländern des Grishaverse, aus unterschiedlichen Kulturen, haben unterschiedliche Staturen und Hautfarben, unterschiedliche Einstellungen, Eigenheiten und Angststörungen und natürlich Sexualitäten. So sind mindestens drei der sechs Krähen (Jesper, Wylan und Nina) bi-, pan- oder homosexuell und über die Zeit bildet sich zumindest ein gleichgeschlechtliches Paar innerhalb der Gruppe. Der Umgang mit den Sexualitäten ist dabei stets so wie man es sich wünscht: thematisiert, akzeptiert und nie als Problem behandelt.

Das heißt jedoch nicht, dass diese Geschichte komplett auf Vorurteile und mangelnde Akzeptanz verzichten würde. Diese fokussieren sich jedoch in keinster Weise auf Sexualität, sondern im Besonderen auf die unterschiedlichen Kulturen und Weltanschauungen. Die Kulturen haben verschiedene Götter (oder überhaupt keine) und sind teilweise bis aufs Äußerste verfeindet. So werden Grischa von manchen Kulturen einfach akzeptiert, von anderen werden sie auf den Tod bekämpft, weil ihre Existenz »widernatürlich« sei. Man sieht hier deutliche Parallelen zum Verständnis von Homosexualität mancher (religiöser) Kulturen in unserer Welt, in denen diese teilweise unter Todesstrafe steht; nur dass diese Einstellung in diesen Büchern auf die Existenz »übernatürlicher« Kräfte übertragen wird. Besonders spannend ist dabei die Entwicklung einer Beziehung zu beobachten, in der zwei Personen von bis aufs Blut verfeindeten Kulturen ihren Weg zueinander finden.

Nun ist diese Geschichte nicht nur ein Wegbereiter für die Akzeptanz unterschiedlicher Sexualitäten und den gegenseitigen Umgang fremder Kulturen, sondern ist dabei auch noch wahnsinnig unterhaltsam, spannend und intelligent. Wie bei vielen Fantasywelten hat es zwar auch hier einige Seiten gedauert, bis ich die Welt einigermaßen kennengelernt hatte und voll in die Geschichte abtauchen konnte, jedoch war es danach um mich geschehen. Pluspunkte sind auf jeden Fall die absolute Unvorhersehbarkeit, denn immer, wenn man glaubt etwas durchschaut zu haben, wird man eines Besseren belehrt und völlig überrascht. Nicht selten löste das in mir totale Begeisterung aus, weil ich hinters Licht geführt worden bin und die Lösung noch viel besser und abgefahrener war, als ich es mir je hätte vorstellen können. Genau das animiert einen auch dazu, mit dem Lesen überhaupt nicht mehr aufhören zu wollen; denn wenn teilweise schon zu Beginn eigentlich klar wird, dass sich die Charaktere verrannt haben und in einer Sackgasse gelandet sind, weiß man recht schnell, dass genau dann wieder ein begeisternder Plottwist ansteht.

Die »Glory or Grave«-Dilogie lässt sich überhaupt nicht einfach so weglesen. Sie ist intensiv und verlangt nach einer gewissen Bereitschaft, den Kopf anzustrengen und sich auf die Welt, Charaktere und miteinander verflochtenen Handlungsstränge einzulassen. Man muss aufmerksam sein, denn wenn man nicht dranbleibt, könnte man schnell den Überblick und dadurch das Interesse verlieren. Für mich sind Das Lied der Krähen* und Das Gold der Krähen* ein wahres Highlight, das längst kein Geheimtipp mehr ist.

Fazit

Wer Fantasy mag, durchdachte Plots und auf Vielfalt in jeglicher Hinsicht Wert legt, wird mit Das Lied der Krähen* und Das Gold der Krähen*  einen Volltreffer landen. Die Dilogie baut zwar auf der Welt der »Grischa«-Trilogie auf, kann aber auch ohne Vorkenntnisse für sich allein stehen. Sie überzeugt durch knallharte, individuelle Charaktere aus unterschiedlichsten Kulturen und mit unterschiedlichsten Sexualitäten; denn mindestens drei der sechs Protagonisten definieren sich nicht als heterosexuell. Durch permanente Plottwists wird eine absolute Unvorhersehbarkeit erreicht, die mich fast durchgehend total begeistert hat. Daher kann ich die Geschichte allen empfehlen, die gerne mitdenken, dranbleiben und vollkommen in einer anderen Welt abtauchen wollen mit Charakteren, die man durch ihre Eigenheiten nur lieben kann.

Humor: ●●●●○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●●●
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●●

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Deutschlandfunk Kultur* • inspired books* • Lesemomente*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

4 Gedanken zu “[Rezension] Das Lied der Krähen/Das Gold der Krähen von Leigh Bardugo

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