Like a (bad) Dream Cover (© Juliane Seidel, Hrsg.)

[Rezension] Like a (bad) Dream: Benefizanthologie von Juliane Seidel (Hrsg.)

Vor ganzen 18 Jahren startete meine Bloggerkollegin Juliane Seidel ihren queeren Rezensionsblog Like a Dream* – damals noch mit dem Schwerpunkt Manga und Comic. Mit der Zeit baute sie ihn immer weiter aus und rezensiert inzwischen jegliche queere Literatur mit einer besonderen Vorliebe für Fantasy und Jugendromane. Schon ihren 15. Bloggeburtstag feierte sie mit der Herausgabe einer Benefizanthologie, die 15 Kurzgeschichten deutschsprachiger Autoren enthält sowie eine von Juliane selbst beigesteuerte. Zur Volljährigkeit ihres Blogs sollte nun eine weitere Benefizanthologie her, thematisch etwas düsterer, wozu sich wieder 18+1 Autoren zusammenfanden. Leider ist der Autor Kai Brodersen während der Planung seiner Kurzgeschichte viel zu früh durch sein Krebsleiden verstorben, weshalb in diesem Buch ein Platzhalter für seine Kurzgeschichte zu finden ist und letztendlich die gesamte Veröffentlichung ihm gewidmet wurde. Beide Anthologien erschienen im Selbstverlag, die erste im Oktober 2016 und die zweite im März 2019, mit 424 und 468 Seiten und kosten je 15,00 €. Alle Einnahmen werden an den Verein LBSK e.V. (Bar jeder Sicht)* und den Verein vielbunt e.V.* gespendet.

Kurzbeschreibung Inhalt

Like a Dream – 15 Jahre

Die erste Anthologie hat zum Thema »Träume, Wünsche und Hoffnungen« und bewegt sich hauptsächlich im Bereich Contemporary, Romance und Erotik. Es mischen sich allerdings auch ein paar Fantasygeschichten darunter, inkl. einer zum Thema »Gestaltwandler«. Die beteiligten Autoren sind: Karo Stein, Elisa Schwarz, Sabrina Železný, Jannis Plastargias, Bianca Nias, Savannah Lichtenwald, Thomas Pregel, Jobst Mahrenholz, Anna Maske, Alexa Lor, Florian Tietgen, Tanja Meurer, Laurent Bach, Leann Porter, Chris P. Rolls und Juliane Seidel.

Like a (bad) Dream – 18 Jahre

Die zweite Anthologie sollte düsterer werden – die Geschichten beschäftigen sich mit den Themen »Albträume« und/oder »18 Jahre«. Like a (bad) Dream ist noch vielseitiger in Themen und Genres, so finden sich darin neben Contemporary, Romance, Erotik und Fantasy auch Thriller, Science Fiction und Horror. Die Kurzgeschichten stammen von folgenden Autoren: S. B. Sasori, Dima von Seelenburg, Jobst Mahrenholz, T. A. Wegberg, Elisa Schwarz, Chris P. Rolls, Dennis Stephan, J. Walther, Svea Lundberg, (Kai Brodersen,) Carmilla DeWinter, Annette Juretzki, Elea Brandt, Thomas Pregel, Barbara Corstens, Juliane Seidel, Tanja Meurer, Jannis Plastargias und Jona Dreyer.

Manche Autoren sind in beiden Anthologien vertreten, andere nur in einer. Beide Anthologien bestehen aus queeren Kurzgeschichten mit männlichen Protagonisten, die sich zum selben Geschlecht hingezogen fühlen – auf erotische und/oder romantische Weise.

Meine Meinung

Wenn ihr meinen Blog schon eine Weile verfolgt, wisst ihr, dass erotische Elemente in Büchern nur bedingt mein Fall sind bzw. dass mir eine Trennung in erotische oder nicht-erotische Literatur lieber ist. In beiden Anthologien sind sowohl erotische als auch nicht-erotische Geschichten enthalten – und ein paar, die dazwischenliegen. In beiden Büchern kommen beispielsweise auch asexuelle Protagonisten vor, deren Geschichten (fast) ohne Erotik auskommen.

Die erste Anthologie enthält viele Liebesgeschichten mit Happy End, Geschichten, die vom Wunschtraum eines liebenden Partners erzählen, vom Coming In oder Coming Out, vom Wiederfinden eines längst verlorenen Freundes, von Freiheit, Schicksal und Hoffnung. Einige Geschichten sind sehr leicht geschrieben, mit einfacher Sprache und wenig Tiefgang, die sich für Zwischendurch und zur Erholung eigenen. Andere wiederum beginnen düster und sind in sich verstrickt, sodass das Lesen mehr Aufmerksamkeit erfordert, einen dafür auch mehr in seinen Bann zieht. Besonders herausragend fand ich die Geschichten von Elisa Schwarz über eine homoromantische Liebe, von Jobst Mahrenholz über Unterstützung und Solidarität, von Florian Tietgen über zwei Kindheitsfreunde, die sich nach langer Zeit wiederfinden und von Tanja Meurer über die Liebe eines Bruders und dessen schweren Verlust. Insgesamt ist die erste Anthologie zum 15. Jubiläum leichter, teils vorhersehbar und gemütlich zu lesen.

In der zweiten, düstereren Anthologie ist nicht nur die Weiterentwicklung der einzelnen Autoren deutlich spürbar, sondern auch der Erfahrungszuwachs der gesamten Veröffentlichung. In die inhaltliche Gestaltung scheint sehr viel Mühe und Liebe investiert. Sowohl grafisch durch kleine Sternchen auf Deckblättern und zwischen den Kapiteln, als auch gestalterisch durch extra Titelseiten mit der Unterschrift des jeweiligen Autors und durch ein Zitat aus der folgenden Geschichte macht nicht nur das Cover, sondern auch das Innenleben viel her. Was mir bei Büchern grundsätzlich sehr wichtig ist und worauf ich bei selbst verlegten Büchern besonders achte, ist ein fehlerloser Text – und auch hier konnte das Korrektorat nahezu alle Fehler ausmerzen. An dieser Stelle also mein Respekt an die Arbeit, die in das Projekt investiert wurde, dessen komplette Einnahmen gespendet werden.

Auch die Geschichten haben sich weiterentwickelt. Wo im ersten Buch Sexualität noch fast durchgehend problematisiert wurde, auch innerhalb der Community, und sowohl die Handlungen als auch der Schreibstil für meinen Geschmack teilweise etwas naiv und seicht war, konnte mich die zweite Anthologie zum 18. Jubiläum mit der gegensätzlichen Richtung überzeugen. Die Geschichten sind vielfältig, spannend, außergewöhnlich und Sexualität wird (fast) nur dann problematisiert, wenn es aufgrund der Herkunft oder der Zeit (z.B. Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, 80er Jahre) passend ist. Homo- oder Bisexualität ist (zum Glück!) heute in Deutschland nur noch in Ausnahmefällen ein Problem und ich freue mich, dass Queerness nicht nur mehr und mehr von der Gesellschaft als normal angesehen wird, sondern dies auch so in Büchern widergespiegelt wird.

Die zweite Anthologie konnte mich überwiegend sehr begeistern. Nachdem ich von den ersten beiden Geschichten, die sehr erotisch ausgelegt sind, etwas verunsichert war, konnte ich mich ab der dritten Geschichte von Jobst Mahrenholz über das Elendsviertel Copacobana Palace in Brasilien kaum noch von den Seiten lösen. T. A. Wegberg überzeugte mich mit einer herzerwärmenden Geschichte über das Glück zweier asexueller Protagonisten, Elisa Schwarz mit einer bittersüßen Liebe und einem Schicksalsschlag, Annette Juretzki mit einer Nahtoderscheinung in der Aussichtslosigkeit des Weltalls, Elea Brandt mit einer Dystopie, in der Gehirnwäsche und Body Engineering zur Normalität gehören, Juliane Seidel mit Magie, Verbundenheit und Vertrauen oder Jannis Plastargias mit einer süßen Auflockerung durch zwei Großväter, Zeitzeugen und ein Referat in der Schule.

Wer gerne queer liest, abwechslungsreich, ab und zu erotisch und sich nicht daran stört, dass die Geschichten männlichen Protagonisten vorbehalten sind, dem möchte ich insbesondere die zweite Anthologie »Like a (bad) Dream« ans Herz legen. Man bekommt nicht nur die unterschiedlichsten Geschichten und Genres in einem Buch, sondern gleichzeitig auch einen guten Überblick über deutschsprachige Queer-Autoren, die in ihren sonstigen Werken nicht nur auf männliche Protagonisten festgelegt sind. Man findet heraus, welcher Schreibstil einem gefällt und weiß so bei der nächsten Buchsuche, welcher Autor einem besonders gut gefällt.

Fazit

Besonders die zweite Anthologie »Like a (bad) Dream« konnte mich durch ihre Vielseitigkeit, Spannung, teils düstere Stimmung und außergewöhnliche Ideen überzeugen. Einzelne erotische Geschichten sind zwar vertreten, ansonsten halten sich explizite Szenen zu meiner Freude in Grenzen. Egal ob Contemporary, Romance, Fantasy, Thriller, Science Fiction oder Horror – hier wird jeder fündig. Was mir gut gefallen hat ist, dass man sich durch die beiden Anthologien einen Überblick über (deutschsprachige) queere Autoren verschaffen und so seine Favoriten identifizieren kann. Und das Beste: Mit dem Kauf der Anthologien unterstützt man einen guten Zweck, da alle Einnahmen an queere Vereine gespendet werden. Wer es lieber leicht, einfach und mit Happy End mag, dem wird die erste Anthologie zum 15. Jubiläum gefallen; wer dagegen lieber tief gräbt, mitdenkt und zumindest ab und zu ein düsteres Ende bevorzugt, sollte sich die zweite Anthologie zum 18. Jubiläum unbedingt mal anschauen.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●●●
Erotik: ●●●●○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

inqueery.de* (1. Anthologie) • Mietze’s Bücherecke* (1. Anthologie) • Laberladen* (2. Anthologie)

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.
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3 Gedanken zu “[Rezension] Like a (bad) Dream: Benefizanthologie von Juliane Seidel (Hrsg.)

  1. Huhu Hannah,

    mir fehlen gerade wirklich die Worte – vielen Dank für diese wundervolle Rezension 🙂
    Es macht mich unheimlich glücklich, wie du die beiden Anthologien umschrieben und empfunden hast – ich glaube, das ist eine der schönsten Rezensionen, die ich seit einer Weile bekommen habe. Im Namen aller Autor*innen – vielen Dank für die Rezension.

    Viele Grüße,
    Juliane

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