Mrs Fletcher Cover (© dtv Verlag)

[Rezension] Mrs Fletcher von Tom Perrotta

Mrs Fletcher von Tom Perrota wäre an meinem queer-Radar vorbeigegangen, wenn ich nicht vom Verlag darauf aufmerksam gemacht worden wäre. Wer vermutet bei einem Roman über eine Mutter, die ihre Sexualität nach Auszug ihres Sohnes (wieder)findet, schon eine queere Komponente? Doch das sollte man wohl, wenn man die gesellschaftlichen Entwicklungen und die Bedeutung der Themen Gender und Sexualität betrachtet. Der Roman würde mich überraschen, hieß es. Nun, überrascht hat er mich auf jeden Fall. Außerdem ist für Herbst 2019 eine Verfilmung geplant, die sich als sehr interessant erweisen dürfte.

Das Buch ist im März 2019 im dtv Verlag erschienen, hat 416 Seiten und kostet 22,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Die Geschichte beginnt damit, dass Eve Fletcher, 46 Jahre alt, geschieden, ihren Sohn Brendan zum College fährt. Einerseits kann sie sich kaum überwinden, ihn loszulassen, auf der anderen Seite kann sie es kaum abwarten, nicht mehr nur noch Mutter zu sein. Ein eigenes Leben zu führen. Doch was fängt man plötzlich mit seiner ganzen Zeit an? Die Neugier treibt sie auf Pornoseiten, die sie von nun an regelmäßig besucht und sie beginnt einen Kurs in Gender und Gesellschaft am Community College, der nicht nur ihren Horizont erweitert, sondern Eve auch Teil einer bunten Truppe werden lässt, einschließlich ihrer bisexuellen Mitarbeiterin Amanda und ihrer Dozentin Margo, einer trans Frau. Nebenbei versucht Brendan sein Leben voller Partys und Mädchen zu genießen, was sich doch so ganz anders herausstellt als erwartet. Denn die Vorsitzende des Netzwerk Autismus hat ihm ganz schön den Kopf verdreht und er findet sich plötzlich auf einem Frauen-Filmfestival und einer Body-Positivity-Party wieder…

Meine Meinung

Wir erleben den Großteil der Geschichte aus Eves Sicht, einer Mittvierzigerin, die zu ihren Überzeugungen steht, die jugendliche Peinlichkeit längst abgelegt hat, sich dafür aber eine gesunde Neugier bewahrt hat. So gerät sie an einem ihrer mittlerweile täglichen Porno-Abende auf eine Seite über MILFs, nachdem sie in einer Nachricht von einem Fremden als genau das bezeichnet wurde. Die Porno-Abende eröffnen Eve einen offeneren, sexuell geladenen Blick auf die gewöhnlichsten Situationen. Sexuelle Spannung scheint plötzlich überall zu liegen. Auch zwischen ihr und ihrer Mitarbeiterin Amanda oder einem ehemaligen Schulkameraden ihres Sohnes Brendan…

Eves Wahrnehmungen werden durch Kapitel aus Sicht weiterer Personen durchbrochen. Zum einen erleben wir, wie Brendan aus seiner selbstverständlich herablassenden Art Frauen und Schwulen gegenüber ein Bewusstsein für Feminismus, Akzeptanz und Wertschätzung entwickelt. Zum anderen erhalten wir Einblicke in das Leben einer molligen, tätowierten, bisexuellen Frau, die eigentlich nur auf der Suche nach etwas freundlicher Gesellschaft ist, dann aber mit den sexuellen Avancen ihrer Chefin und eines Achtzehnjährigen umgehen muss (oder darf?). Und wir erleben einen Vortrag eines Ex-Basketball-Stars, der in einem Seniorenzentrum über den Weg zu sich selbst als Frau spricht und damit für Unruhe sorgt.

Der Schreibstil hat mich wahnsinnig fasziniert. Jedes Kapitel drückt auf passend ungeschönte und direkte Weise genau das aus, was im Kopf der jeweiligen Person vor sich geht. Die Sprache klingt fast banal – jedoch scheint jedes Wort genau ausgewählt trifft exakt ins Schwarze, ohne primitiv zu wirken. Die Handlung scheint dabei einem Drehbuch entnommen, bei dem man sich immer wieder nur die Hände vor Augen halten möchte à la »Nein, tu das nicht! Das kannst doch jetzt nicht passieren!«, man gleichzeitig aber gebannt an den Worten hängt, die die weiteren Geschehnisse einläuten. Immer wieder schlich sich mir der Gedanke ein: DAS wäre Modern Family, wenn Modern Family keine Familienserie, sondern für Erwachsene wäre. Mit viel Sex.

Gleichzeitig ist der Roman topaktuell. Er karikiert auf dezente Weise unsere derzeitige Entwicklung zur überkritischen Betrachtung von politischer Korrektheit. Der gewünschte Umgang mit Behinderung, mit Unperfektion, mit Feminismus, Akzeptanz für Vielfalt der Geschlechter. Und das Unverständnis vieler festgefahrener Senioren, das allerdings wiederum auf die Gesamtheit der Senioren stigmatisiert wird. Mrs Fletcher ist gleichzeitig ein gesellschaftskritischer wie satirischer Roman, der sich mir jedem Sinn entzieht und eigentlich nur dafür da zu sein scheint, auf provokante Weise zu unterhalten.

Fazit

Dieses Buch zu beschreiben und in irgendeine Kategorie zu stopfen, ist schier unmöglich. Ich fand es wahnsinnig unterhaltsam und echt, gleichzeitig ist der einzige Sinn, den ich mir daraus erschließen konnte wohl, ein Spiegel unserer manchmal überkorrekten Gesellschaft zu sein. Sie einem in all ihren Facetten und ohne Wertung vor’s Gesicht zu knallen. Besonders die situationskomische Ähnlichkeit zu Modern Family ließ mich immer wieder in Lachen ausbrechen, nach dem Motto: Was schief gehen kann, geht auch schief. Der Unterschied ist allerdings, dass hier mit Sex, Sexualität und sexuellen Möglichkeiten im Vergleich zur Comedy-Serie um einiges offener umgegangen wird. Mrs Fletcher ist nichts für jeden. Der ein oder andere könnte peinlich berührt sein, sich winden und dem Verlauf der Geschichte nicht weiter folgen wollen. Wer sich darauf einlässt, wird jedoch jedes Wort dieses alltäglichen Kunstwerks genießen, ohne einen tieferen Sinn darin zu suchen, als das alltägliche Leben selbst.

Humor: ●●●●○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●○○○○
Erotik: ●●●●○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Der Kultur Blog*Leuchtturmwärterin*Spiegel*

Eure Hannah 🙂

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