Ramona Blue Cover (© Fischer Verlag)

[Rezension] Ramona Blue von Julie Murphy

Als ich von der Übersetzung von Ramona Blue* von Julie Murphy erfuhr, war mir sofort klar, dass ich dieses Buch lesen muss. Es ist klasse, dass es immer mehr queere Jugendbücher gibt, in denen Sexualität nicht problematisiert wird oder es nicht vorrangig ums Coming Out geht. Auch bisexuelle Charaktere nehmen zu, auch wenn diese in der Regel mit einem gleichgeschlechtlichen Love Interest enden. Aber sind queere Menschen weniger queer, nur weil sie in einer heteronormativen Partnerschaft leben? Bisexuelle haben zudem nochmal mit ganz anderen Vorurteilen zu kämpfen als Lesben oder Schwule und erleben Anfeindungen sowohl außerhalb als auch innerhalb der queeren Community (was, nur nebenbei gesagt, furchtbar ist). Allerdings ging es in diesem Buch nicht, wie ich anfangs dachte, um ein bisexuelles Mädchen, das sich in einen Jungen verliebt. Es ist weitaus komplexer, und genau das ist der Grund dafür, warum ich mich unwiderruflich in diese Geschichte verliebt habe. Das Buch ist im Mai 2019 im Fischer Verlag erschienen, hat 400 Seiten und kostet 18,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Ramona liebt das Wasser. Sie ist groß, lesbisch und durch ihre blauen Haare ein Wiedererkennungsmerkmal von Eulogy, Mississippi. Durch den Hurrikan Katrina haben sie, ihre Eltern und ihre ältere Schwester Hattie im Kindesalter alles verloren, weshalb sie in einer Wohnwagensiedlung leben, wo das Geld nur für das Nötigste reicht. Doch schlecht geht es Ramona damit nicht. Sie liebt ihre Gegend und vor allem ihre Schwester, die durch ihre Schwangerschaft Ramonas besondere Unterstützung benötigt. Als Ramonas Urlaubsliebe Grace sie verlässt, fragt sie sich, ob ihr Leben sie jemals an einen anderen Ort führen wird als ihren kleinen Wohnwagen. Doch da zieht ihr Jugendfreund Freddie für sein letztes Highschooljahr nach Eulogy, bei dem sich Ramona irgendwie geborgen fühlt wie nie zuvor, was ihre kleine Welt ganz schön ins Wanken bringt…

Meine Meinung

Mit meiner tiefen Liebe zu diesem Buch habe ich anfangs überhaupt nicht gerechnet. Ich bin sogar eher skeptisch an die Geschichte herangegangen, weil ich einige zwiegespaltene Meinungen dazu gehört hatte, die ab und zu leicht zu Queerbaiting tendierten (was bedeutet, dass der Autor den Eindruck eines queeren Charakters/einer queeren Handlung erweckt, was sich dann aber als Gegenteil erweist und somit den Leser enttäuscht). Ich für meinen Teil kann dem absolut widersprechen – was mich zum Thema Vorurteile gegen queere/bisexuelle Menschen in heteronormativen Beziehungen zurückführt.

Die Protagonistin verliebt sich in einen Jungen – ja. Das wird im Klappentext erwähnt und sollte den Leser daher nicht überraschen. Trotzdem beschäftigt sich das Buch intensiv mit queeren Themen, denn Ramona bezeichnet sich als lesbisch und ging bisher davon aus, dass sie sich nur in Frauen verliebt. Dass sie sich nun zu ihrem Jugendfreund Freddie hingezogen fühlt, ist natürlich verwirrend, denn es bringt all das durcheinander, dessen sie sich bisher so sicher war. Doch die Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen und einem Jungen macht die Geschichte nicht weniger queer. In Ramonas Kopf ist all das an Gedanken zu finden, worüber sich viele queere Menschen schon Gedanken gemacht haben. Außerdem gibt es zahlreiche selbstverständlich queere Nebenfiguren, die einen wichtigen Beitrag zur Handlung leisten. Ramonas Gefühle für Freddie bringen sie durcheinander und ich glaube, dass es schon viele Menschen gab, die von ihren unerwarteten Gefühlen für einen Menschen desselben oder eines anderen Geschlechts verwirrt waren. Und genau deshalb möchte ich dem Vorwurf des Queerbaiting in diesem Roman und dem Vorurteil generell nochmal widersprechen: Eine Liebe zwischen zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts macht diese Personen nicht heterosexuell, wenn sie sich selbst nicht so bezeichnen.

4 Gründe, Ramona Blue zu lieben

  • Eine Grund, warum ich mich in Ramona Blue* verliebt habe, ist also diese (bisher) einzigartige Darstellung einer heteronormativen Liebesgeschichte aus Sicht eines queeren Mädchens. Danke dafür, Julie Murphy (die übrigens selbst nicht auf ein Geschlecht festgelegt ist, was Anziehung angeht).

  • Ein anderer Grund liegt darin, wie intensiv ich mich in die Protagonistin hineinversetzen konnte. Ich wusste selbst schon sehr früh und sehr deutlich, dass ich mich wohl ausschließlich zu Frauen hingezogen fühle. Aber warum in aller Welt sollte es denn nicht möglich sein, dass ich mich nicht auch einmal in einen Mann verliebe? Ich bin überzeugt davon, dass sexuelle Anziehung und emotionale Nähe, wodurch Liebe entstehen kann, zwei verschiedene Dinge sind. Und dass man sich durchaus durch den Charakter zu einer Person hingezogen fühlen kann, auch wenn diese Person nicht das favorisierte Geschlecht hat.

  • Ein weiterer Grund für meine Liebe liegt in der Grundaussage der Geschichte. Sexualität ist fließend, man muss sich nicht labeln, oder vielleicht labelt man sich auch einfach immer wieder neu. Wen interessiert das schon? Wofür brauchen wir so unbedingt Schubladen? Warum können wir nicht einfach lieben, wen wir eben lieben?

  • Ein letzter, für mich auch durchaus bedeutender Grund liegt in der Geschichte selbst. Anders als man durch meine Ausführungen annehmen könnte, geht es nicht die ganze Zeit darum, dass sich eine Lesbe in einen Jungen verliebt und das verwirrend ist. Eigentlich wird dieser Teil angenehm nebensächlich behandelt. Vielmehr geht es um Schicksalsschläge, um Familie, Verpflichtungen, Zukunftsängste, das Finden seiner Bestimmung und nicht zuletzt um Offenheit und Vertrauen. Die Charaktere sind wahnsinnig lebendig beschrieben, jeder einzigartig in seiner Art, sodass sie sich unwiderruflich ins Gedächtnis brennen. Man wird in die Geschichte hineingezogen und in Ramonas Leben geworfen, das genau so irgendwo in der realen Welt stattfinden könnte. Es wird nichts beschönigt und nichts dramatisiert. Man wird gefangen genommen und bemerkt erst viel zu spät, dass man die letzten Seiten vor sich hat.

Fazit

Ich habe mich unwiderruflich in diese Geschichte verliebt. Sie zeigt, dass queere Menschen auch dann noch queer sind, wenn sie sich in eine Person des anderen Geschlechts verlieben oder in einer heteronormativen Beziehung leben. Sie zeigt, dass Sexualität fließend und veränderlich ist. Dass Schubladen unser Denken einschränken. Ramona Blue* ist so voll von authentischen Gefühlen, voll von echtem Leben und facettenreichen Charakteren, die sich anfühlen, als müssten sie irgendwo wirklich existieren. Die Geschichte hat mich unterhalten und mich hineingezogen in eine völlig andere Welt, die trotzdem mehr als real erscheint. Zu empfehlen besonders an alle, die sich selbst schon einmal überraschend verliebt haben, die normalerweise gerne in Schubladen denken oder all diejenigen, die eine echte, mitreißende Geschichte mit einer Portion Liebe suchen.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●●○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

CorniHolmes* • Die VOR-Leser* • IvyBooknerd*

Eure Hannah 🙂

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4 Gedanken zu “[Rezension] Ramona Blue von Julie Murphy

  1. […] Auch auf Ramona Blue* von Julie Murphy bin ich schon wahnsinnig gespannt. Julie Murphy dürfte den meisten durch ihren Erfolgsroman DUMPLIN’* ein Begriff sein, worin sie mit einer übergewichtigen Protagonistin gängigen Schönheitsidealen widerspricht. In ihrem neuen Roman geht es um Ramona, die nicht nur den Hurrikan Katrina überlebt hat, sondern auch auf alle Fälle weiß, dass sie lesbisch ist. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Wohnwagen in Mississippi und muss sich, ihre Eltern und schwangere Schwester mit mehreren Jobs über Wasser halten. Als ihr Jugendfreund Freddie zurückkehrt, freut sich Ramona über die Ablenkung, beginnt jedoch bald Gefühle für ihn zu entwickeln. Wie war das nochmal mit ihrer sexuellen Orientierung? Die Geschichte soll zeigen, dass Sexualität fließend ist, sich verändern kann und dass Liebe manchmal gar nichts mit einem bestimmten Geschlecht zu tun hat. Es erscheint am 22. Mai 2019 im Fischer Verlag, hat 400 Seiten und kostet 18,99 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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