Nachtschwärmer Cover (© cbj Verlag)

[Rezension] Nachtschwärmer von Moira Frank

Als die Erscheinung von Nachtschwärmer* angekündigt wurde, löste sich in mir ein kleiner, aber bedeutender Jubelschrei – denn Bücher mit queerer Thematik von deutschsprachigen Own-Voices-Autoren, die in einem großen Verlagshaus erscheinen – die gab es bisher einfach nicht. (Lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen, wenn ich eines übersehen habe.) Dafür also Hut ab und herzlichen Dank an den cbj Verlag, an Moira Frank und ihre Agentur, die es scheinbar ziemlich drauf hat. Queere Geschichten, die nicht im englischen Original schon Erfolg hatten oder die von bereits bekannten und gefeierten Autoren stammen, sind nach wie vor sehr schwer in großen Verlagen unterzubringen. Die Ausgangssituation von Nachtschwärmer* für mein Leseerlebnis hätte also nicht besser sein können. Trotzdem lässt mich das Buch sehr zwiegespalten zurück.

Es ist im Juli 2019 im cbj Verlag erschienen, hat 400 Seiten und kostet 17,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Dass sie einen Halbbruder hat, erfährt Helena erst mit 17 Jahren. Doch drei Wochen später und bevor sie sich richtig kennenlernen konnten, erfährt sie von Lukas‘ tödlichem Unfall, der sie komplett aus der Bahn wirft. Keinem hatte sie von Lukas erzählt – nicht ihrem Vater, nicht ihrem Freund Ole oder ihren Freundinnen. Dass sie wegen Mathe auch noch ein Jahr wiederholen soll, um ihr Abitur zu schaffen, bringt das Fass zum überlaufen. In den Ferien fährt sie mit ihrem unwissenden Freund in die Uckermarck zum Zelten, um Lukas‘ Grab zu besuchen. Und völlig unverhofft trifft sie dort auf seine besten Freunde und das Mädchen, mit dem er zusammen gewesen ist.

Meine Meinung

Die Grundidee finde ich sehr spannend. Nachdem dich deine Mutter direkt nach der Geburt sitzen gelassen hat, weil du nur aus einer Affäre entstanden bist, kontaktiert dich dein Bruder und deine kleine Familie erweitert sich – bis sie dir kurz darauf mit voller Wucht wieder genommen wird. Das klang für mich nach der Art Jugendbuch mit viel Tiefe, die einen sein eigenes Leben nochmal überdenken lässt. Wahrscheinlich hatte ich zu hohe Erwartungen, aber die erhoffte Tiefe habe ich beim Lesen leider nur bedingt vorgefunden.

Die Protagonistin wurde mit nur neun Fingern geboren, hat eine schlimme Matheschwäche und zusätzlich mit Ohnmachtsanfällen und Black Outs zu kämpfen. Allein das würde genug Stoff zur Selbstreflexion und zum Wachstum bieten, und dass sie in einer Besenkammer einer WG aufgewachsen ist, von ihrer Mutter abgeschoben wurde und darüber hinaus auch noch ihren neu gewonnenen Halbbruder verliert, kommt noch dazu. Außerdem merkt sie im Laufe der Geschichte auch noch, dass sie wohl (auch?) auf Frauen steht. Die Geschichte wird aus Helenas Sicht in der Ich-Perspektive erzählt, wodurch die Weichen für Gedanken, Philosophieren und In-Frage-Stellen gestellt sind. Tatsächlich wird dieser Raum jedoch fast ausschließlich dafür genutzt, zu beschreiben, was gerade passiert.

Ebenso wurden dadurch für mich relativ wenig (tiefe) Gefühle transportiert. Wir lesen über Nähe zu einem Menschen, über einen Kuss, über Freundschaft, die entsteht – jedoch alles ohne eine Beschreibung, wie es sich anfühlt. Die Protagonistin blieb dadurch leider etwas blass. Sie weint, aber wir erfahren nicht, wie sie sich fühlt. Was sie denkt. Sie stolpert einfach so durch die Geschichte, ohne deutlich spürbare Emotionen beim Lesen auszulösen.

Die Handlung an sich ist sehr ruhig und ohne großen Spannungsbogen. Das Buch liest sich wie ein Sommer-Camping-Urlaub mit ungewöhnlichen Begegnungen – heiß, schwer, teils unangenehm und ungewöhnlich. Ruhige Geschichten mag ich oft sehr gerne, weil es gerade bei Geschichten, die von ihren Charakteren leben, gar nicht unbedingt viel Handlung braucht. Durch die für mich nicht ausreichend ausgearbeitete Tiefe der Figuren fand ich sie leider hin und wieder etwas langweilig. Ebenso ist es mir schwergefallen, eine Kernaussage aus der Geschichte herauszulesen. Wahrscheinlich am ehesten, dass man aus seiner Isolation nur herauskommt, wenn man etwas wagt.

Auch der Schreibstil ist sehr ungewöhnlich. Er wirkt teilweise noch etwas unausgereift; es gab viele Stellen, die sich super flüssig lasen und gut durchdacht wirkten, dann wieder andere, die sehr ins Umgangssprachliche gekippt sind. Ich weiß nicht, ob fehlende Artikel und kindliche Umschreibungen (»ein Handtuch für unter den Fuß«) dazu dienen sollen, dass sich Jugendliche in ihrer Jugendsprache wiederfinden oder ob diese Stellen unabsichtlich reingerutscht sind. In der wörtlichen Rede kann Umgangssprache durchaus Sinn machen, gerade wenn die Charaktere Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben oder aus sozial benachteiligten Schichten stammen – im beschreibenden Text hat das für mich in der Regel jedoch nichts verloren, mit Ausnahme von z.B. inneren Monologen.

Auf der anderen Seite fand ich den Schreibstil für meinen Geschmack manchmal etwas zu vulgär. Auch das mag Absicht sein, wenn die Realität der Jugend verdeutlicht werden soll – jedoch ist mir das oft sauer aufgestoßen. Wörter wie schwul, Lesbe, N*zi, F*tze oder Sp*st werden ganz natürlich sowohl optisch beschreibend als auch beleidigend verwendet. Dass das in unserer Gesellschaft durchaus noch vorkommt, will ich gar nicht leugnen, doch wenn etwas in einem Jugendbuch problematisiert wird, sollte in meinen Augen wenigstens irgendwann die Einsicht kommen, dass diese Wörter so unter keinen Umständen verwendet werden sollten oder zumindest der Gedanke, dass an dieser Wortverwendung irgendetwas nicht in Ordnung ist.

Die Nachwirkungen der DDR, des Kommunismus, Hitler und Hass gegen Rechtsfeindlichkeit spielen in der Grundstimmung der Geschichte eine große Rolle, sodass ich mich häufig darüber gewundert habe. Mir ist zwar bewusst, dass der Fremdenhass und rechtsfeindliche Gesinnungen in Deutschland nicht zuletzt durch die AfD und Flüchtlingswelle wieder zugenommen haben, jedoch fand ich es bemerkenswert, wie viel Einfluss die Vergangenheit noch auf die Einstellungen der Charaktere hat und dass dem nicht friedlich, sondern radikal begegnet wird.

Die Charaktere sind sehr ungewöhnlich und ich hatte Schwierigkeiten, mit ihnen warm zu werden. Jeder Charakter braucht Macken, um lebendig zu wirken, jedoch braucht er auch sympathische Züge, damit man ein Buch gerne liest. Der einzige, mit dem ich sympathisieren konnte, war Viktor, einer von Lukas‘ besten Freunden. Er ist lustig, nicht immer verständlich, aber zuverlässig und liebenswert. Mit den anderen wurde ich leider nicht warm. Ich finde es auch etwas schade, dass bei der queeren Thematik nicht auf Klischees verzichtet wurde, sondern ein eher ungepflegtes und maskulines, sozial benachteiligtes Mathegenie zu Helenas Love Interest wurde, das eher sterben würde, als sich von jemandem helfen zu lassen. Wer also eine schöne Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen mit Tiefgründigkeit in der Verlustverarbeitung sucht, wird mit diesem Buch nicht glücklich – auch wenn das wunderschöne Cover darauf schließen lässt.

Trotzdem war die Geschichte mal etwas anderes. Das Buch ist mit nichts vergleichbar, das ich bisher gelesen habe. Ich finde es mutig, sich so gegen den Strom der üblichen Jugendliteratur zu stellen, auch auf die Gefahr hin, dass man polarisiert und bei der Zielgruppe nicht so gut ankommt. Ich denke, die Geschichte lädt zum Interpretieren und Analysieren ein und ist voll von versteckten Hinweisen – auch wenn diese für mich leider im Verborgenen blieben. Gerade erwachsenen Lesern empfehle ich unbedingt, sich die Leseprobe vorzunehmen und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Jugendlichen möchte ich jedoch eher davon abraten, weil ich das Buch eher als deprimierend und wenig aufbauend empfunden habe.

Fazit

Nachtschwärmer* hat ungewöhnliche Charaktere und spielt noch dazu in einem ungewöhnlichen Ort – mitten in der ostdeutschen Pampa auf einem Campingplatz und in Maisfeldern. Die Ausgangssituation fand ich sehr reizvoll, nicht zuletzt dadurch, dass es sich um eine Own-Voices-Geschichte einer deutschsprachigen Autorin in einem großen Verlag handelt. Von der verlassenen Tochter, die ihren Bruder nach nur drei Wochen wieder verliert, hatte ich mir jedoch viel mehr Tiefe und Selbstreflexion erhofft, als mir das Buch letztendlich bieten konnte. Die Ansätze sind gut, das Potenzial der Autorin in jedem Fall gegeben, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass der Schreibstil und die Darstellung von Emotionen und Charakterentwicklung noch nicht ganz ausgereift sind. Häufig sind umgangssprachliche und vulgäre Umschreibungen eingeflossen, die für mich leider nicht funktioniert haben. Die Geschichte ist unbequem und wird daher nicht jedem gefallen – gerade erwachsenen Lesern würde ich jedoch raten, mal einen Blick in die Leseprobe zu werfen und sich ihr eigenes Bild zu machen.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●○○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Crashies Wonderland*Printbalance*reading in ravka*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

3 Gedanken zu “[Rezension] Nachtschwärmer von Moira Frank

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Als ich das Buch bei deinen Neuerscheinungen hier am Blog und dann nochmal auf Insta gesehen habe wusste ich, dass ich es lesen will. Vorgestern hab ich das dann auch getan. Ich hab es an einem Tag durchgelesen weil wenn ich mir mehr Zeit gelassen hätte, hätte ich es wahrscheinlich vernachlässigt und abgebrochen. Ich kann dir in jedem einzelnen Punkt nur zustimmen.
    Mich hat das Buch mitgenommen weil ich immer wieder gehofft habe, dass es etwas positiver wird. Aber es war mir die ganze Zeit über etwas zu depressiv. Wenn ich lese, dann hätte ich gerne etwas fröhliches. Auch wenn es teils natürlich übertriebene Fröhlichkeit gibt in Büchern… Dieses war mir zu schwer. Zu traurig. Und auch wenn, dass alles natürlich passieren könnte zu unrealistisch.
    Ich bin froh, deine Rezension gelesen zu haben. Aber ich bin auch froh, dass du sie erst gepostet hast als ich mit dem Buch schon fertig war. Sonst hätte ich es jetzt vielleicht nicht mehr gelesen.
    LG Betty

    Gefällt 1 Person

    • Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Ich bin zwar durchaus auch ein Fan von schwermütiger, trauriger Literatur, für mich braucht es dann aber auch mehr an emotionaler Tiefe. Und genau was du schon meintest; etwas Fröhlichkeit oder eben Hoffnung wäre nicht schlecht, denn das macht uns eben glücklich. 😊 ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch gelesen habe, auch wenn es meinen Geschmack nicht ganz getroffen hat.
      Liebe Grüße, Hannah

      Liken

  2. […] Über Nachtschwärmer* von Moira Frank freue ich mich besonders, denn die meisten queeren Jugendbücher aus großen Verlagshäusern sind Übersetzungen, die international schon großen Erfolg hatten. Mit diesem Buch haben wir allerdings einen original-deutschsprachigen, Own-Voices-Titel vorliegen, wie ich mich an keine vergleichbare Veröffentlichung in den letzten Jahren erinnern kann (großer Verlag, deutschsprachiger Autor, Jugendbuch, queer, Own Voices. Weiß jemand einen?). Es geht in dieser Geschichte jedenfalls um Helena, die für genau drei Wochen in der Gewissheit lebte, einen Halbbruder zu haben. Über Facebook haben sie sich gefunden, doch bevor es zu einem Kennenlernen kommt, sorgt ein Verkehrsunfall für Lukas‘ viel zu frühen Tod. In den Sommerferien nutzt Helena die Gelegenheit mit ihrem Freund Zelten zu gehen, um Lukas‘ Grab zu besuchen. Dabei trifft sie nicht nur auf Lukas‘ beide beste Freunde, sonder auch auf das Mädchen, mit dem Lukas zusammen war. Und schon verändert sich alles rasend schnell… Ich kann nur sagen, ich bin sehr gespannt! Das Buch erscheint am 22. Juli im cbj Verlag, hat 400 Seiten und kostet 17,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s