Kintsugi Cover (© Fischer Verlag)

[Rezension] Kintsugi von Miku Sophie Kühmel

Kintsugi* von Miku Sophie Kühmel ist Teil der Shortlist für den deutschen Buchpreis 2019. Nachdem ich die Beschreibung gelesen hatte, war meine Neugier geweckt. Ich finde es grandios, dass ein Buch mit queeren Protagonisten selbstverständlich und komplett ohne Aufriss für den Buchpreis nominiert wird. Und schon nach wenigen Seiten war auch ich hellauf begeistert von diesem jungen Schreibtalent und dem, was hier zwischen zwei Buchdeckeln geschaffen wurde. Das Buch ist im August 2019 erschienen, hat 304 Seiten und kostet 21,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Max und Reik sind seit 20 Jahren ein Paar, genauso lang, wie Pega, die Tochter ihres gemeinsamen Freundes Tonio, auf der Welt ist. Ihr Jubiläum feiern sie völlig glanzlos in ihrem freistehenden Ferienhäuschen in der Uckermark – nur sie Vier. Wir begleiten sie ein Wochenende, erleben je ein Kapitel aus den vier Perspektiven und sehen, wie einige Dinge zerbrechen und auf eine andere Weise wieder zusammengesetzt werden.

Meine Meinung

Kintsugi* heißt die Kunst, zerbrochenes Porzellan mit Gold wieder zusammenzufügen, was es nur umso kostbarer macht. Es gibt kaum Handlung in dieser Geschichte, und das ist etwas, das ich immer wieder sehr genieße. Die gemeinsamen Mahlzeiten, die Kühmel wie ein Bühnenstück zwischen den Episoden aus Sicht der Charaktere beschreibt, sind mitunter die handlungsreichsten Abschnitte, die die Gedanken des nächsten Kapitels einläuten. Und ich war davon unglaublich schnell gefangen. Es ist faszinierend, wie sehr sich die vier Kapitel in ihrem Ton unterscheiden und damit unfehlbar einem der vier Charaktere zuordenbar sind. Sie alle haben ihre ganz eigene Stimme. Ihre eigene Wahrheit. Ihre eigenen Geheimnisse, die alle an diesem Wochenende aus ihnen herausbrechen.

Max, Universitätsprofessor für Archäologie und Reik, Künstler nach überraschendem Durchbruch, könnten kaum unterschiedlicher sein und halten sich doch nur gegenseitig am Leben. Reik ist chaotisch, kinderlieb, emotional instabil und charismatisch. Max ist ordnungsliebend, zurückhaltend, perfektionistisch und bodenständig. Tonio ist Vollblutvater und gleichzeitig Reiks Jugendliebe, doch schon immer Teil seines Lebens gewesen. Und Pega – Pega verbindet alle miteinander, denn sie haben sie alle gemeinsam großgezogen. Ich bin überwältigt von der Beobachtungsgabe der jungen Autorin und ihrer Fähigkeit, die feinsten Nuancen der Beziehungen der Charaktere untereinander durch verschiedene Sichtweisen langsam und sorgfältig vor dem Leser auszubreiten, bis er gegen Ende glaubt, ein vollständiges Bild vor sich zu haben. Und doch scheint da noch so viel mehr zu sein, was ein Mensch alleine vermutlich nicht imstande ist zu erfassen.

Unweigerlich beginnt alles in sich zusammenzubrechen. Was macht einen Menschen aus? Und was braucht er, um sich zu verwirklichen und glücklich zu sein? Was wird aus unerwiderter Liebe? Und was ist, wenn man zeitweise einen anderen Weg einschlagen muss? Der Schein nach außen wird als das entlarvt, was er ist – ein Schein. Vermeintliche Vorzeigebeispiele einer Beziehung, wie sie sein soll, aus dem Bilderbuch, sind nach innen eben doch komplexer als das, was der Bekanntenkreis sieht. Nichts ist gut und nichts ist schlecht. Zentrale Konfliktherde, die immer wieder aufgedeckt werden und danach sorgfältig in einer Kiste verstaut, bis sie das nächste Mal hervorbrechen. Kintsugi* erzählt gerade so viel, wie es soll und lässt genug Spielraum, um die Lücken vervollständigen zu wollen. Und über allem steht der Wunsch nach Vervollständigung und Wiederherstellung, etwas Kaputtes durch Gold wieder ganz zu machen.

Fazit

Kintsugi* hat mich überwältigt. Sprachlich, intellektuell, emotional. Nicht nur die besondere Erzählweise, sondern auch das feine Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen ließen mich immer wieder darüber staunen, wie jung die Autorin ist. Es hätte mich nicht gewundert, wenn die Geschichte aus der Feder eines gesetzten und gefeierten Autors stammte. Sie ist ruhig und handelt allein von einem Wochenende und vier Personen, die viel miteinander verbindet. Sexualität wird kaum thematisiert und erfrischend unspektakulär beschrieben. Als ich die erste Seite aufschlug, wusste ich noch nicht, dass ich es mit einer solchen Perle der Literatur zu tun habe. Wer Geschichten mit komplexen Persönlichkeiten und dem Fokus auf vielschichtigen Beziehungen aller Art mag – unbedingt lesen!

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●●○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Buchsichten* • Herzensbücher* • Spiegel*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

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