Die Welt in allen Farben Cover (© HarperCollins Verlag)

[Rezension] Die Welt in allen Farben von Joe Heap

Auf Die Welt in allen Farben* von Joe Heap habe ich mich eine gefühlte Ewigkeit gefreut, denn während Jugendbücher mit queeren Protagonisten in großen Verlagen immer mehr werden, hinkt die Erwachsenenliteratur da doch noch sehr hinterher. Außerdem ist dieser Roman neben den Ava-Lee-Büchern der einzige über eine Beziehung zwischen zwei Frauen, der von einem Mann geschrieben wurde und den ich gelesen habe. Das ist einfach nach wie vor eine Seltenheit. Als wenn diese Gründe nicht schon reichen würden, um nach diesem Buch zu greifen, ist die Ausgangssituation der Geschichte auch noch unglaublich spannend: nach lebenslanger Blindheit durch eine Operation plötzlich sehen zu können. Das Buch ist im September 2019 bei HarperCollins erschienen, hat 480 Seiten und kostet 20,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Nova ist von Geburt an blind. Eine neuartige Operation soll ihr nun das Sehen ermöglichen, was sie jedoch erstmal von Grund auf lernen muss ihr einige Herausforderungen beschert. Kate erholt sich währenddessen von einer Hirnblutung, die einem Streit mit ihrem Mann und einem Sturz auf den Hinterkopf folgte. Irgendetwas verbirgt er vor ihr, und sie muss dringend herausfinden, was es ist und welche Zukunft ihre Ehe hat. Nova und Kate begegnen sich das erste Mal im Krankenhaus und ein weiteres Mal bei einer Nachuntersuchung. Irgendwie scheinen sie sich beieinander unglaublich wohl zu fühlen, doch bis sie endgültig zusammenfinden, soll noch einige Zeit vergehen…

Meine Meinung

Die Welt in allen Farben* ist etwas anderes, als ich erwartet hatte. Ich bin von einer Liebesgeschichte mit einem besonderen Faktor ausgegangen, die zwei Frauen zusammenführt, die sich gegenseitig unterstützen und zeigen, wie schön die Welt doch eigentlich ist. Allerdings nimmt die Liebe nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Geschichte ein. Vielmehr finden wir uns in einer Art Traumabewältigung wieder, zum einen die des Streit-Sturzes und zum anderen die des plötzlichen Sehen-Könnens, denn auch das kann in einem zuvor blinden Menschen tiefste Verwirrung und Angst auslösen. Auf der anderen Seite entpuppt sich Kates Ehemann recht bald als Psychopath, der ihr das Leben zur Hölle machen will und sich nicht davor scheut, dafür Gewalt anzuwenden. Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahre, behandelt Depressionen, einen Selbstmordversuch und teilweise (zumindest in meinen Augen) eine ungesund-abhängige Beziehung, die mehr aus einer beidseitigen Not heraus enstanden ist als aus Liebe. Im Laufe der Zeit lernen beide Frauen, mit ihrem Päckchen umzugehen und auch die Beziehung wandelt sich gegen Ende (zum Glück) in etwas, das Bestand haben kann. Doch der Weg dorthin ist beschwerlich.

Damit möchte ich keinesfalls von diesem Buch abraten oder sagen, es hätte mir nicht gefallen – denn das hat es, wenn auch auf seine eigene Art. Ich bin nur der Meinung, man sollte vor dem Lesen wissen, worauf man sich einlässt, denn der Klappentext verspricht eine leichtere Liebesgeschichte, als man schließlich vorfindet.

Was ich unglaublich genial fand, war die Beschreibung von Novas Sehen-Lernen. Joe Heap hat ein wahnsinniges Gespür dafür, wie es sich anfühlen könnte, sehen zu lernen. Was im Gehirn passiert und wie Vorstellungen, die Menschen ein Leben lang von einer Sache hatten, durcheinandergewirbelt und neu zusammengesetzt werden müssen. Dass Betroffene zu Beginn an Gesichtsblindheit leiden, geschweigedenn diesen komischen Klumpen als Gesicht erkennen können. Wie Farben auf Menschen wirken, die nie zuvor imstande waren, Farben zu sehen. Dass sie nicht in der Lage sind, die Menge an Details zu verarbeiten, die wir durch unsere Augen wahrnehmen. Wie sie Formen lernen müssen, lesen und schreiben, Tiefe und Abstände. Diesen Teil der Geschichte fand ich einfach faszinierend.

Novas und Kates Kennenlernen fand ich auch sehr mitreißend beschrieben. Die erste Begegnung ist geprägt von Humor, in jeder weiteren spürt man die anfängliche Aufregung und Anziehung, die noch nicht so recht zuordenbar ist. Denn auch wenn beide Frauen in dieser Geschichte ganz schön viel ertragen müssen, so ist zumindest der Grundstein gegenseitiger Anziehung gelegt. Zu meiner Enttäuschung legt sich dieser Teil mit der Zeit und wird überschattet von Sicherheitsbedürfnissen, Drama, Verfolgung, Aufgeben und Ertragen. Auch diese Elemente haben natürlich ihren Reiz, doch fühlte ich mich zeitweise um meine Liebesgeschichte betrogen, von der ich ja ausgegangen bin… Da sind wir wieder an dem Punkt, dass man vorher wissen sollte, worauf man sich einlässt – zumindest ein bisschen. 😉 Dieser Liebe-Drama-Thriller-Charakter hat mich immer wieder an die Bücher von Jodi Picoult (»Ein Lied für meine Tochter« oder »Beim Leben meiner Schwester«) erinnert, und die habe ich unglaublich gern gelesen.

Eine kleine Bemerkung habe ich noch zum Thema Labels: Kate ist zu Beginn mit einem Mann verheiratet, lässt dich dann aber auf eine Frau ein. Das assoziiert für mich Bi- oder Pansexualität, zumindest irgendeine Ausrichtung, in der die Betroffene sowohl Männer als auch Frauen anziehend findet. Kate wird im Buch nun aber so beschrieben, dass sie »jetzt lesbisch ist«, was ich ein wenig unglaubwürdig finde bzw. was für mich so klingt, als wollte der Autor dem Leser das Verständnis für die Situation leichter machen. Als wäre es zu kompliziert, Kate eben zwei Geschlechter mögen zu lassen. Das fand ich etwas schade.

Fazit

Die Welt in allen Farben* ist nicht das, was man auf den ersten Blick erwarten würde. Der Klappentext lässt auf eine Liebesgeschichte mit einem besonderen Faktor schließen, wird jedoch mit der Zeit von einer Traumaverarbeitung, Depression und Verfolgunsgjagd abgelöst und wandelt sich eher in ein Thriller-Drama. Da ich nicht mit dieser Entwicklung gerechnet hatte, fühlte ich mich zeitweise um meine Liebesgeschichte betrogen, konnte mich jedoch auch recht schnell auf diese neue Ausrichtung einlassen. Ich bin fasziniert von Joe Heaps Talent, sich in Novas Situation hineinzuversetzen und das sehen Lernen so zu beschreiben, dass man sich ihre Herausforderungen bildlich und spürbar vorstellen kann. Auch finde ich die Stellen, in denen die beiden Frauen einander kennen und vertrauen lernen, sehr feinfühlig beschrieben. Auch wenn dieses Buch letzendlich eine viel düsterere Stimmung verströmt als gedacht, befasst es sich jedoch mit spannenden Themen im schönen Londonder Setting.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Belletristik-Couch* • MissMesmerized* • Nachtgedanken*

Eure Hannah 🙂

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Ein Gedanke zu “[Rezension] Die Welt in allen Farben von Joe Heap

  1. […] Mit Die Welt in allen Farben* von Joe Heap erscheint seit Langem mal wieder ein belletristischer Roman mit einer Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in einem großen Verlag. Und dazu ist es nicht mit einer simplen Liebesgeschichte getan. Es geht um Nova, die fünf Sprachen spricht und ihr Leben bisher ohne Augenlicht verbracht hat – bis sie durch eine Operation plötzlich sehen kann. Alles Selbstbewusstsein ist verschwunden, denn in der Welt der Sehenden findet sie sich nicht zurecht. Als sie Kate kennenlernt, die ebenfalls ihr Päckchen zu tragen hat, beginnen die beiden Frauen nach und nach, sich dem Leben zu stellen und das Schöne in der Welt zu sehen. Ich hoffe so sehr, dass das gut wird! Das Buch erscheint am 16. September im Harper Collins Verlag, hat 480 Seiten und kostet 20,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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