Die Überflüssigkeit der Dinge Cover (© Hoffmann & Campe Verlag)

[Rezension] Die Überflüssigkeit der Dinge von Janna Steenfatt

Wer mir auf Instagram folgt, hat es vielleicht schon mitbekommen: Letzten Monat bin ich mit meiner Freundin vom Bodensee nach Hamburg gezogen. Weiter weg geht ja kaum. 😀 Als ich die Beschreibung von Die Überflüssigkeit der Dinge* gelesen habe, wusste ich, ich kann dieses Buch nicht nicht lesen. Deutschsprachige Autorin, über eine queere Protagonistin meiner Generation, Ort des Geschehens: Hamburg. Own-Voices-Autoren haben es auf dem deutschen Buchmarkt extrem schwer von eher großen bzw. Verlagen anspruchsvoller Literatur angenommen und nicht als Nischenprodukt abgestempelt zu werden. Das Buch ist im Februar 2020 im Hoffmann & Campe Verlag erschienen, hat 240 Seiten und kostet 22,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Ina treibt ziellos durch ihr Leben auf St. Pauli, ein bisschen Bier und Gin Tonic mit ihrem Mitbewohner Falk und ein bisschen Sex mit wechselnden Bekanntschaften reichen da schon aus. Bis Inas Mutter, früher eine bekannte Theatergröße, später eine hoffnungslose Trinkerin, bei einem Autounfall ums Leben kommt. Als würde sie wachgerüttelt, betrachtet Ina ihr Leben aus einem anderen Blickwinkel und nimmt einen Job in der Theaterkantine an, um ihren Vater zu konfrontieren. Der berühmte Theaterregisseur kommt für eine Inszenierung von Shakespeares »Sommernachtstraum« nach Hamburg und ahnt nichts von seiner Tochter. Doch anstatt mit ihrem Vater das Gespräch zu suchen, beobachtet Ina lieber. Und lernt dabei die faszinierende, distanzierte Schauspielerin Paula kennen. Dadurch begegnet Ina die Liebe und gleichzeitig auch das Ende selbiger.

Meine Meinung

Die Überflüssigkeit der Dinge* von Janna Steenfatt liest sich wie ein Traum. Irgendwie paralysierend, teilweise zäh und doch spannungsgeladen, trotzdem mit einer gewissen Distanz. Durch den gesamten Text zieht sich dabei die abwartende Grundstimmung. Seit ihrer Kindheit ist Inas Leben geprägt vom Warten. Durch die wechselnden Theaterrollen ihrer Mutter ziehen sie oft um, nirgendwo gibt es einen Anker für sie. Ina wartet, bis die Proben der Mutter zuende sind, bis das nächste Stück zuende ist, bis der nächste Mann wieder fort ist. Dadurch hat Ina eine solch passive Grundhaltung entwickelt, dass sie drei Jahre nach dem Ende ihres Germanistik- und Philosophiestudiums noch immer darauf wartet, dass ihr Leben beginnt. Anstatt nach einer adäquaten Arbeitsstelle Ausschau zu halten, lebt sie von wechselnden Jobs und hat letztedlich ihren kleinen Anker im Mitbewohner Falk gefunden, der für sie kocht, mit ihr um die Häuser zieht und letztendlich auch die Bestattung und Haushaltsauflösung ihrer Mutter organisiert, nachdem sie bei einem Autounfall ums Leben kommt.

Neben dem Abwarten, bis das wahre Leben beginnt, das für eine ganze Generation stehen kann, die nichts mit sich anzufangen weiß, legt der Roman auch einen besonderen Fokus auf Beziehungen. Angefangen bei der Beziehung zur Mutter, inzwischen alkoholabhängig, dem früheren Erfolg nachtrauernd, die nie eine wirkliche Mutterrolle für Ina eingenommen hat; über die Beziehung zu ihrem Vater, dem Theaterregisseur, den sie nie kennengelernt hat und den zu treffen Ina mit einer tiefen Neugier und Sehnsucht erfüllt; die Beziehung zu Paula, die auf rein körperlicher Basis zu bestehen scheint und die emotional entfernter kaum sein könnte – bis hin zur Beziehung zu Falk. Falk, der beruflich Leichen fotografiert und im Privaten Ina, der offensichtlich verliebt in sie ist und der für Ina kaum unattraktiver sein könnte, in deren Verbindung trotzdem eine unterschwellige Erotik vorherrschend ist, die besonders in dem Moment herauskommt, als Ina Falk zu verlieren droht.

Was möchte Ina mit ihrem Leben anfangen? Diese Frage beantwortet sich auch am Ende der Geschichte nicht, darauf solltet ihr gefasst sein. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass in Ina irgendetwas wach geworden ist, dass sie aufgewacht ist aus ihrer wartenden Starre – nur wie es für sie weitergeht, erfahren wir in keinster Weise. Ich habe selten ein Buch mit offenerem Ende gelesen; eines, bei dem ich am Ende das Gefühl hatte noch weniger zu wissen als am Anfang. Es kommt ohne Lösungen daher, allerhöchstens mit einem kleinen Impuls, dass Warten möglichweise nicht zum erhofften Ankommen führt.

Sprachlich war die Geschichte ein Genuss. Janna Steenfatt schreibt in langen Relativsätzen, die sich teilweise über eine halbe Seite ziehen; verliert dabei aber nie den Fokus, uns auf das Wesentliche aufmerksam zu machen, ohne direkt mit dem Finger daraufzuzeigen. Die Kulisse Hamburg ist besonders für diejenigen ein Genuss, die die Stadt in all ihren Facetten zu schätzen wissen. Ebenso kommen Freunde des Theaters auf ihre Kosten, da die Welt hinter den Kulissen für Ina seit jeher eine Große Rolle spielt.

Fazit

Die Überflüssigkeit der Dinge* beschreibt unaufgeregt und dennoch eindringlich das ständige Warten auf etwas; darauf, dass das Leben endlich losgeht. Durch ihre Kindheit an ständig wechselnden Orten, mit ständig wechselnden Männern an der Seite ihrer Mutter, durch ihre Mutter, die diese Rolle nicht einnimmt und zuweilen eine jüngere Konkurrenz in ihrer Tochter sieht, hat Ina nie angefangen für etwas zu kämpfen, das sie will, oder besser gesagt: überhaupt etwas zu wollen. Die Geschichte wird mit sanftem Spannungsbogen erzählt und legt den Fokus insbesondere auf schwierige Beziehungen. Mit der Begegnung zu Paula scheint Ina das erste Mal etwas wirklich zu wollen und muss gleichzeitig mit einer Enttäuschung umgehen lernen. Besonders die Kulisse des Hamburger Theaters hat es mir angetan, und ich kann das Buch allen empfehlen, die selbst auf leise Weise wachgerüttelt werden wollen.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●●●○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Leseschatz*Miss Mesmerized*NDR*

Eure Hannah 🙂

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