Tal der Toten Cover (© Carlsen Impress)

[Rezension] Tal der Toten von Ria Winter

Was ich grundsätzlich toll finde: Gute, deutschsprachige Literatur. Queere Literatur. Own Voices Titel. Wenn diese Kombination einen Schreibwettbewerb gewinnt, in einem großen Verlag erscheint und sich das eBook so gut verkauft, dass es zusätzlich als Taschenbuch herausgegeben wird, ist das für mich ein Grund zum Feiern! Tal der Toten* ist im März 2020 bei Carlsen Impress als Taschenbuch erschienen, hat 284 Seiten und kostet 12,99.

Kurzbeschreibung Inhalt

Einst fegte die Seuche über das Land, der viele zum Opfer fielen. Die Vivaara machten die Sumi dafür verantwortlich und vertrieben sie ins Inkere-Tal, damit sie dort ihren Tod fänden. Doch die Seuche zog sich zurück und die drei Schamanen der Sumi ließen die Körper der Toten wieder auferstehen, um fortan das Tal von dem Angriff der Vivaara zu schützen. Als Inari einen Strauß Schneeschellen vor ihrer Tür findet, weiß sie, dass das nur ihr verstorbener Vater gewesen sein kann. Doch die leeren Hüllen sind seelenlos, wie kann ihr Vater zurück sein? Was hat es mit der Magie auf sich, die eigentlich zum Schutze des Tals seit Jahren in die Körper der Toten fließt? Gemeinsam mit der jungen Schamanin Nea macht sich Inari auf die Suche nach dem Ursprung der Veränderungen, doch auch die temperamentvolle Kerttu geht Inari nicht aus dem Kopf…

Meine Meinung

Fantasy lese ich nur selten, da ich es als sehr anstrengend empfinde, neue Welten mit ihren eigenen Gesetzen und Regeln in mich aufzunehmen. Bei Tal der Toten* ist mir das jedoch unglaublich leicht gefallen, da die Geschichte langsam an den Kern heranführt und nicht mit übermäßig vielen Details dieser Welt überfordert. Die vorherrschenden Naturgesetze erfassen wir erst mit der Zeit, genau wie die Protagonistin Inari, die erst gegen Ende die Tragweite der Geschehnisse begreift. Damit eignet sich die Geschichte insbesondere für Fantasy-Einsteiger, die sich gerne in ein Setting der Fellbekleidung, Jagd und Feuerstellen begeben.

Sprachlich empfinde ich Ria Winters Debüt als sehr solide – man merkt, dass die Autorin in diesem Bereich versiert ist, was sicherlich auch auf ihren Beruf als Lektorin und Korrektorin zurückzuführen ist. Man merkt, dass sie Spaß daran hat, die richtige Formulierung und die passendsten Adjektive zu finden. Die Kapitellängen sind praktisch, um zwischendurch zu unterbrechen, aber auch, um zwischendurch »mal schnell ein Kapitel zu lesen« und es lässt sich dadurch perfekt in den Alltag integrieren.

Worin ich noch Verbesserungspotenzial sehe, ist das Halten der Spannungskurve. Der Einstieg in die Geschichte ist relativ sanft, obwohl man sich einem doch überraschenden und verheerenden Ereignis gegenübersieht. Immer wieder wird Spannung aufgebaut, die hin und wieder durch Szenenwechsel unterbrochen wird und sich zwischenzeitlich im Sand verliert; um dann an anderer Stelle zumeist doch wieder aufgenommen zu werden. Der rote Faden ist also da, die Geschichte durchdacht, sie liest sich jedoch eher fließend angenehm als nervenkitzelnd.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist die inklusive Darstellung der Charaktere. Narben zeichnen die Körper der Überlebenden der Seuche, manche haben ihr Gehör verloren und kommunizieren durch Gebärden, Inaris Mutter ist von einer tiefen Angststörung geplagt – das alles wird in dieser Welt selbstverständlich akzeptiert, auch wenn an der ein oder anderen Stelle unter den Menschen doch das Verständnis dafür fehlt. Dass Inari nur an Frauen interessiert ist, wird von den meisten akzeptiert – zum Problem wird ihr ehemaliges Verhältnis zu Kerttu nur dadurch, dass diese von den verhassten Vivaara abstammt, jedoch selbst vor ihnen flüchten musste. Inaris Liebesgeschichte entwickelt sich nur langsam am Rande, und das in eine völlig andere Richtung, als ich sie erwartet hatte. Diesen Weg zu wählen fand ich sehr erfrischend, da ich noch nichts Vergleichbares gelesen habe. Inari wächst im Laufe der Geschichte über sich hinaus und lernt, ihren eigenen Weg zu gehen. Es sind Themen, die junge Menschen auch heute beschäftigen.

Fazit

Mit Tal der Toten* ist Ria Winter ein solides Debüt gelungen, das aus meiner Sicht zurecht den dritten Platz des Tolino Schreibwettbewerbs belegt hat. Besonders gut gefallen hat mir die inklusive Darstellung der Charaktere, für die Handicaps und gleichgeschlechtliche Beziehungen nichts Besonderes sind. Verbesserungspotenzial sehe ich insbesondere im Aufbau der Spannungskurve, das sich einzelne Fäden hin und wieder verlieren und einzelne Übergänge nicht ganz schlüssig sind. Insgesamt ist es jedoch eine schöne Coming-of-Age-Geschichte einer Frau, die lernt ihren eigenen Weg zu gehen und schließt damit Themen ein, die auch die heutige Jugend beschäftigen. Zu empfehlen besonders an Fantasy-Einsteigende oder solche, die aufgrund der Komplexität in Fantasy-Romanen nur selten zu diesem Genre greifen.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●○○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Booknerds by Kerstin* • Fantasyguide.de* • Just Some Bookstories*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

Ein Gedanke zu “[Rezension] Tal der Toten von Ria Winter

  1. […] Tal der Toten* von Ria Winter ist schon im August letzten Jahres als eBook erschienen und wird jetzt zu meiner großen Freude als Printbuch veröffentlicht. 🙂 Es ist damit schon die zweite Geschichte mit einer frauenliebenden Protagonistin, die beim tolino Schreibwettbewerb auf dem Siegertreppchen gelandet ist, und das obwohl große Verlage immer noch häufig ebensolche Bücher mit der Begründung ablehnen, lesbische Geschichten würden sich schlecht verkaufen. Tal der Toten* ist allerdings keine Liebesgeschichte, sondern ein düsterer Fantasyroman, in dem nebenbei eine Liebegeschichte zwischen zwei Frauen behandelt wird. Vordergründig geht es um Inari, die überzeugt ist, eine Nachricht von ihrem verstorbenen Vater erhalten zu haben, was sie dazu bringt, Nachforschungen über das magische Inkere-Tal anzustellen, in dem sie lebt. Ob diese Magie, die sie eigentlich beschützen sollte, wirklich so gut ist? Das Buch erscheint am 2. März 2020 im Carlsen Impress Verlag, hat 284 Seiten und kostet 12,99 €. Inzwischen gelesen und rezensiert! […]

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