Ich bin Gideon von Tamsyn Muir

[Rezension] Ich bin Gideon von Tamsyn Muir

Zugegeben – das Cover von Tamsyn Muirs Ich bin Gideon* strahlt nicht gerade Gemütlichkeit aus. Und eigentlich hätte es mich, die doch viel Wert auf Harmonie und Ästhetik legt, dadurch nicht zum Kauf bewegt. Was habe ich ein Glück, dass es mir im englischsprachigen queeren Buchraum immer und immer wieder um die Ohren gehauen wurde. So viele positive Stimmen, die ich kaum ignorieren konnte. Mit Fantasy oder Science Fiction und mir ist das so eine Sache: Es geht nicht immer gut. Doch hier hat es ins Schwarze getroffen und meinen Blick auf das Cover milde gestimmt – denn es passt zur Geschichte wie die Faust aufs Auge. Das Buch ist im April 2020 im Heyne Verlag erschienen, hat 608 Seiten und kostet 14,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Eines ist für Gideon klar: Es ist an der Zeit, das Neunte Haus und damit auch den gruftartigen Planeten für immer zu verlassen. Wäre da nicht ihre Erzfeindin, die Ehrwürdige Tochter Harrowhark, die Gideon ihre Fluchtpläne so richtig schön vermasselt. So wird Gideon gezwungen, Harrow als Kavalierin zu dienen. Am Hofe des Ersten Hauses finden sich die Erben der übrigen acht Häuser zusammen und kämpfen in einem Spiel auf Leben und Tod darum, Nachfolger der alten Gefolgschaft des Ersten Hauses zu werden und damit ihren eigenen Planeten vor dem Untergang zu bewahren. Schwierig wird das besonders, wenn man sich so abgrundtief hasst wie Gideon und Harrow – oder ist da noch etwas anderes?

Meine Meinung

Gideon hat mich schlichtweg umgehauen. Es ist ein sehr eigener Stil – die Geschichte beginnt beispielsweise damit, wie Gideon ihre Pornohefte zusammensucht und den verhassten Planeten verlassen will – der mit jeder Menge schwarzem Humor gespickt ist. Woran ich mich zuerst gewöhnen musste ist, dass wir es mit einem nekromantischen, gruftähnlichen Planeten zu tun haben. Das bedeutet, dass unzählige Skelette die täglichen Arbeiten verrichten, möglicherweise mehr tote als lebendige Personen herumlaufen und dass dieser Planet das Loch ist, wo die Sonne nie hinscheint. Es gibt Rosenkränze, die aus Fingerknochen bestehen, Nonnen, die sich zum ewigen Schweigen verdonnert haben und die offizielle Gesichtsbemalung ist schwarz mit einem weißen Schädel. Das könnte als ziemlich düstere Welt erscheinen, doch sie ist mit so viel Sarkasmus beschrieben, dass man sich nur zu gern darauf einlässt.

Gideon mag Frauen. Gideon verehrt sie, Frauen erregen und verwirren sie. Frauen sind Gideons Schwachstelle. Es wird an keiner Stelle beschrieben, dass Gideon lesbisch ist; wir erleben ihre Anziehung zu Frauen völlig natürlich in ihrer Gedankenwelt. Ein Thema ist Sexualität in diesem Buch nie. Weibliche Homosexualität in einem Buch mal ohne herzzerreißende Romantik zu erleben, fand ich unglaublich erfrischend. Gleichzeitig ist Gideon ein richtiges Badass-Girl, eine Antiheldin – eine Protagonistin, die polarisiert.

Die Story könnte kaum abgedrehter sein. Acht Häuser kämpfen um ihre Planeten und es gibt nur eine Regel: Öffnet keine verschlossene Tür ohne Erlaubnis. Was die Aufgabe denn nun eigentlich ist und ob die Häuser dafür zusammenarbeiten oder sich gegenseitig niedermetzeln müssen – das müssen sie selbst herausfinden. Ich kann euch versprechen: Alles, womit ihr rechnet, wir nicht passieren. Jede neue Wendung wird euch vollkommen überraschen. Dieses Buch zu lesen ist ein Sprint, der unzählige Haken schlägt und euch ganz schön auf Trab hält. Inklusive epischem Finale. Glücklicherweise ist dieses Buch nur der erste Band einer Trilogie, steht aber schon für sich als ein kleines Meisterwerk der queeren Unterhaltung.

Fazit

Wenn ihr spannende, weiblich-queere Literatur abseits der Norm sucht – dann bitte lest Ich bin Gideon*. Der Schreibstil trieft vor schwarzhumorigem Sarkasmus und sticht damit aus der Masse der romantischen, queeren Literatur hervor. Gideon ist ein Badass-Girl, eine Antiheldin, definitiv polarisierend. Dass sie auf Frauen steht, lebt sie selbstverständlich in jedem Atemzug, thematisiert wird ihre Homosexualität jedoch nie. Die Welt, in der die Geschichte spielt, könnte ziemlich düster wirken, so voll von Skeletten, lebenden Toten und brutalen Morden. Doch der unvergleichliche Humor lässt das alles in einem lockerleichten Licht erstrahlen, in das man nur sich zu gern hineinziehen lässt. Eine besondere Geschichte, bei der ihr sicher nicht vorausahnt, was als nächstes passiert. Großartige, queere Unterhaltung!

Humor: ●●●●●
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Im Buchwinkel* • Letterheart* • Traumrealistin*

Eure Hannah 🙂

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4 Gedanken zu “[Rezension] Ich bin Gideon von Tamsyn Muir

  1. Das Buch ist auch ein Highlight des ersten halben Jahres von 2020. Es hat einfach Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Neben queerer Literatur ist Weird Literature, diese Gattung gibt es wirklich, z.B. auch die Untergattung Finish Weird, ein Steckenpferd von mir. Und dann beides so gut in einem Roman zu finden, ist natürlich der absolute Glücksfall.

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Hannah,
    vielen Dank für die Verlinkung =) Eine tolle Rezension zu einem tollen Buch hast du da geschrieben. „Ich bin Gideon“ war bei mir das bisherige Fantasy-Jahreshighlight. Umso schöner, dass du es auch gerne gelesen hast. Mir gefällt besonders, wie du den queeren Aspekt beschreibst. Er ist selbstverständlich und muss nicht extra thematisiert werden. Genau so empfand ich es auch.
    Ich verlinke deine Rezension auch bei mir im Artikel.
    Viele liebe Grüße,
    Nico

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Nico,
      danke dir ebenfalls für die Verlinkung! Ich freu mich, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. Ein wirklich herausragendes Buch. 🙂
      Liebe Grüße, Hannah

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