XX: Was wäre wenn von Angela Chadwick

[Rezension] XX: Was wäre wenn von Angela Chadwick

Was wäre, wenn zwei Frauen ein gemeinsames Kind bekommen könnten? Dieser Frage stellt sich XX: Was wäre wenn* von Angela Chadwick. In diesem Roman haben Wissenschaftler eine Möglichkeit gefunden, eine Eizelle mit der Eizelle einer anderen Frau zu befruchten und daraus ein Kind entstehen zu lassen. Ein wahnsinnig brisantes Thema, das gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist – denn bei Mäusen ist Wissenschaftlern dies tatsächlich schon gelungen*. Das Buch ist im September 2018 im Atrium Verlag erschienen, hat 368 Seiten und kostet 20,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Das Paar Jules und Rosie hat das Glück, für die Studie der Ovum-in-Ovo-Befruchtung ausgewählt worden zu sein, denn sie sind damit die ersten Frauen, die ein gemeinsames Kind austragen. Da bei dieser Methode nur Mädchen gezeugt werden können, müssen die beiden sich vielen Gegnern stellen, geraten ins Kreuzfeuer der Medien, die die Methode als ethisch fragwürdig betrachten. In der Gesellschaft wird die Angst geschürt, dass Männer an Bedeutung verlieren und immer weniger geboren werden. 

Meine Meinung

Ich muss sagen, ich war schon immer dankbar dafür, dass ich durch meine Gebärmutter zumindest die Möglichkeit habe, ein eigenes Kind zu bekommen, und mit meiner Partnerin gleich noch eine weitere Chance zu haben, falls ich unfruchtbar sein sollte. Männerpaaren bleibt diese Option meist verwehrt – auch wenn Adoption natürlich immer eine Möglichkeit bleibt. Aber dass es niemals ein Kind geben wird, das zur einen Hälfte aus mir und zur anderen Hälfte aus meiner Partnerin entsteht, hat mich schon immer irgendwie traurig gemacht. Ein Grund, weshalb ich diese alternative Realität unbedingt kennenlernen und dem Buch eine Chance geben musste.

Das Thema wird wahnsinnig realistisch aufgearbeitet. Das Verfahren wird von Anfang an wissenschaftlich erklärt und wirkt dadurch, als hätte diese wissenschaftliche Basis auch in unserer Welt Bestand. Auch wenn dieses Verfahren bei Menschen noch nicht getestet wurde, so sind doch schon gesunde Mäuse aus zwei Eizellen entstanden. Ob dabei die im Buch beschriebene Methode angewandt wurde, konnte ich jedoch nicht herausfinden. Das Buch spiegelt eine alternative Realität, die von unserer eigenen nur einen Bruchteil entfernt ist, was das Thema Doppelmutterschaft für mich noch spannender macht. Wenn das Verfahren bei uns möglich wäre, wenn es bei uns für legal erklärt werden würde, kann ich mir gut vorstellen, dass die Geschichte sich tatsächlich so abspielen könnte.

Ich bin allerdings mit ein wenig anderen Erwartungen an das Buch herangetreten: Ich bin davon ausgegangen, dass sich die Gedanken der Protagonistin viel darum drehen, wie schön es ist, ein gemeinsames Kind mit ihrer Partnerin zu bekommen. Dass sie sich sorgt, ob alles gutgeht, dass der wissenschaftliche Durchbruch mehr gefeiert wird. Tatsächlich ist die Geschichte allerdings viel komplexer. Das Szenario ist hier kaum positiv behaftet. Die Seite der Gegner wird so stark beleuchtet, dass Befürworter kaum zu Wort kommen. Im Mittelpunkt steht klar die Hetzjagd der Medien auf das schwangere Paar, denn irgendwann sickern ihre Namen zur Presse durch. Von da an ist nichts wie es war: Die beiden Frauen wissen nicht, wer ihrer engsten Vertrauten sie verraten hat, Jules ist ihrem sadistischen Chef schutzlos ausgesetzt, sie werden bedroht und verfolgt. Dass sie mit ihrer neuartigen Schwangerschaft für immer den Medien ausgesetzt sein werden, ist den beiden zu Beginn noch nicht klar.

Und auch Jules trägt einiges mit sicher herum, so hat sie zum Beispiel früh ihre Mutter verloren und wollte selbst eigentlich nie Kinder. Sie hat Schwierigkeiten, Gefühle für das Ungeborene zu entwickeln, hält ihre Zweifel, Sorgen und Ängste jedoch vor ihrer Partnerin geheim. So wird die mediale Aufmerksamkeit zur Zerreißprobe für die Beziehung. Auch wenn die Charaktere selbst ein wenig klischeebehaftet, um nicht zu sagen aufgesetzt wirken, finde ich die Charakterentwicklung wiederum glaubhaft und durchdacht, was der Geschichte mehr Tiefe verleiht, als das Thema sowieso schon hergibt.

Ein Kritikpunkt ist für mich jedoch die einseitige Darstellung der queeren Lebensrealität. Bei dem Verfahren ist die Rede davon, dass sie »lesbischen Paaren« ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Es wird zwar auch erwähnt, dass möglicherweise zwei beste Freundinnen so zusammen ein Kind bekommen könnten, allerdings wird die Komplexität queerer Beziehungen fast gänzlich unter den Tisch fallen gelassen. Dass  nicht von Frauen*paaren, sondern nur von lesbischen Paaren die Rede ist, unterschlägt nicht nur jegliche abweichende Sexualität, wie zum Beispiel Pan- oder Bisexualität, sondern vernachlässigt auch die Bedeutung für intergeschlechtliche oder trans Menschen, die ebenfalls eine Gebärmutter bzw. Eierstöcke besitzen. Da die ethische Debatte so viel Raum einnimmt, hätte ich mir eine etwas diversere Sicht auf die Vielseitigkeit der queeren Community gewünscht.

Trotzdem halte ich das Buch für ungemein wichtig. Dass die Methode der Doppelmutterschaft einmal in einer Geschichte ausgearbeitet wurde, dass die Schwierigkeiten, die einige konservative Personengruppen darin sehen, so deutlich herausgestellt wurden, setzt aus meiner Sicht den gesellschaftlichen Grundstein für die weitere wissenschaftliche Entwicklung. Es öffnet den Blick jener, die vor Neuem zuerst zurückschrecken, die in Neuem eine Bedrohung für die Entwicklung der Gesellschaft sehen. Denn die Geschichte zeigt, dass in allem auch eine Chance steckt und dass Menschen, die zunächst Ablehnung empfinden, ihren Blickwinkel verändern können. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen.

Fazit

XX: Was wäre wenn* stellt das brisante Thema der leiblichen Doppelmutterschaft ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit und ist damit keine leichte Lektüre für zwischendurch. Neben der ethischen Vertretbarkeit steht aber vor allem die komplexe Charakterentwicklung der Protagonistin Jules im Vordergrund, die selbst ohne Mutter aufwuchs und ihre Teilnahme an der Studie bald infrage stellt, da die Presse vor nichts mehr zurückschreckt. Die Charaktere wirken jedoch manchmal etwa klischeehaft und konstruiert, um die Geschichte voranzutreiben. Darüber hinaus geht es um die Stärke und zugleich Zerbrechlichkeit einer Beziehung, die Schlimmem ausgesetzt ist. Insgesamt beleuchtet dieses Buch zu größten Teilen die Herausforderungen und fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft, die für das Paar schnell zum Psychokrieg ausarten und ist damit sehr negativ behaftet. Es ist kein schönes Buch, sondern schwer und schmerzhaft, aber wichtig. Auch wenn ich mir eine diversere Auseinandersetzung mit der queeren Community gewünscht hätte – denn die Geschichte beleuchtet nur die Auswirkungen für »lesbische Paare«, nicht so aber für pan-, bisexuelle, intergeschlechtliche oder trans Menschen – hinterlässt sie eine positive Botschaft und ein versöhnliches Gefühl. Definitiv ein sehr besonderes Buch, von dem ich hoffe, dass es möglichst viele Menschen lesen!

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●●●●○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Elafischs Kreativecke* • Sissy* • Verrückt nach Büchern*

Eure Hannah 🙂

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2 Gedanken zu “[Rezension] XX: Was wäre wenn von Angela Chadwick

  1. Danke für die Rezension. Mir geht es ganz ähnlich: Das Thema hat mich sehr gepackt und ich fand die Umsetzung ebenfalls sehr realistisch. Gefallen hat mir auch, dass Zweifel an der Mutterschaft bzw. Mutter-Kind-Bindung thematisiert werden. Der Nebenstrang mit Anita und Hong Su war zwar teilweise schmerzhaft, ich fand aber, dass diese Wendung bzw. deren Verhalten der Situation noch deutlich mehr Tiefe gibt.
    Gleichzeitig haben mir auch andere queere Lebensrealitäten gefehlt. Vor allem für die Einbindung von trans Männern und nichtbinären trans Personen hätte es mMn großes Potenzial gegeben, sowohl als Eltern als auch als Kinder. Keine*r im Buch kam auf den Gedanken, den Gegner/innen der Methode damit zu widersprechen, dass Männer weder als Eltern noch als Kinder ausgeschlossen sind.
    Trotzdem würde ich das Buch empfehlen.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Alina, es ist schön zu lesen, dass es dir mit dem Buch ähnlich ging. Das stimmt, die Nebengeschichte hat mich auch sehr mitgenommen… Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob es dieses Thema irgendwann wirklich über tue Schwelle unserer Realität schafft und wie die Gesellschaft darauf reagieren wird. Dann werden hoffentlich auch einfach alle gebärfähigen Menschen eingeschlossen!

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