Queer London Cover (© Penguin Verlag)

[Rezension] Queer London von Peter Ackroyd

Wusstet ihr, dass die homosexuelle »Szene« Londons die größte in Europa und sogar eine der größten weltweit ist? Die Queerness gehört zu London seit jeher dazu und zieht sich durch die Geschichte wie ein roter Faden. Unabhängig davon hat London auf mich schon immer eine besondere Anziehung ausgeübt; es ist diejenige Stadt, die ich mit Ausnahme meiner Heimatstadt am häufigsten besucht habe. Als ich von Peter Ackroyds Queer London* erfuhr, führte für mich also kein Weg an diesem Buch vorbei. Es ist im November 2018 im Penguin Verlag erschienen, hat 272 (+ 16 farbig illustrierte) Seiten und kostet 24,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Hinter Queer London – Von der Antike bis heute* verbirgt sich ein Sachbuch; genauer gesagt ein Buch über die queere Geschichte Londons. Das erste Kapitel gibt einen Überblick über die in der Vergangenheit verwendeten Begrifflichkeiten für Homosexualität bzw. Queerness, denn die heutigen sind erst im 20. Jahrhundert entstanden. Die darauffolgenden Abschnitte führen Schritt für Schritt durch die queere Geschichte, die in etwa zu Beginn der Zeitrechnung einsetzt und sich über die Jahrhunderte bis zum heutigen Zeitpunkt erstrecken.

Meine Meinung

Was ich bisher über die allgemeine Geschichte von Homosexualität wusste, lässt sich auf drei Sätze herunterbrechen: Im römischen Reich und antiken Griechenland war männliche Homosexualität völlig normal und teilweise gesellschaftlich hoch angesehen. Seit Beginn der Christianisierung wurde Homosexualität mehr und mehr geächtet und stand unter Strafe. Seit dem letzten Jahrhundert kämpfen LGBTQIA+-Menschen mehr und mehr für ihre Rechte, um als gesellschaftlich und rechtlich gleichwertig zu gelten (in vielen Ländern mit Erfolg).

Ihr könnt euch vorstellen, dass 272 + 16 Seiten weitaus mehr Informationen bereithalten. Was mir besonders aufgefallen ist, dass es bis zum letzten Jahrhundert kaum um romantische Gefühle zwischen gleichgeschlechtlichen Personen ging, sondern rein um die Auslebung der Homosexualität. Ob sich diese Personen wirklich gern hatten und eine Beziehung, wie zur früheren Zeit üblich, zwischen Mann und Frau führen wollten, spielte kaum eine Rolle. Dass sexuelle Anziehung nicht unbedingt etwas mit Liebe zu tun haben muss, ist uns vermutlich allen bewusst. Jedoch bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der es nicht um die Akzeptanz der homosexuellen Akts an sich, sondern um die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ging.

Der Autor zieht seine Informationen aus schriftlichen Überlieferungen und Ausgrabungen. So wurden hin und wieder Doppelgräber gefunden, in denen zwei Männer oder zwei Frauen gemeinsam beerdigt worden waren, die sich möglicherweise in einer Liebesbeziehung befunden hatten. In Gedichten wurden sexuelle Triebe bestimmter Personen erwähnt, die sie zum Gespött werden ließ. Später waren es dann Gerichtsurteile.

Beim Lesen habe ich mich einige Zeit darüber geärgert, dass (mal wieder) so wenig Informationen über Frauen zusammengetragen wurden. Sie fallen zwar nicht komplett unter den Tisch, denn es gibt zwei eigene Kapitel über die weibliche Homosexualität und in den anderen Kapiteln gibt es immer wieder Ergänzungen über die weibliche Seite. Inzwischen weiß ich aber, warum das so ist: Zum einen waren in der Vergangenheit alle bedeutenden Personen Männer. Frauen hatten Hausfrau und verheiratet zu sein und hatten kein Stimmrecht. Dadurch sind auch (fast) alle überlieferten Schriften von Männern verfasst worden. Zum anderen wurde weibliche Homosexualität möglichst totgeschwiegen. Man ging davon aus, Homosexualität sei ein Laster, das in jedem Mann schlummert und jederzeit auszubrechen drohte; es konnte letztendlich jeden treffen. Frauen allerdings schrieb man kein eigenes Verlangen zu und hätte man in der Öffentlichkeit über derlei Fälle weiblicher Homosexualität gesprochen, hätte es andere Frauen nur auf falsche Gedanken gebracht.

Viel drehte sich auch um Geschlechterrollen und -normen. Es gibt viele überlieferte Fälle, in denen sich Frauen als Männer und Männer als Frauen verkleideten, um dann ihre gleichgeschlechtliche Liebe zu heiraten oder andere Möglichkeiten im Leben zu haben. Dies war allerdings eher in den letzten wenigen Jahrhunderten der Fall, denn vor der Christianisierung und Verfolgung vom Homosexualität gab es durchaus eheähnliche Bündnisse zwischen gleichgeschlechtlichen Personen.

Insgesamt war das Buch also sehr informativ, sehr fesselnd, allerdings auch hin und wieder etwas trocken, wenn es um die Aneinanderreihung von Ereignissen oder die namentliche Erwähnung von queeren Personen ging, die sich extrem häufen.

Fazit

Queer London* ist ein Buch, das mich sehr gefesselt hat, bei dem ich durch den emotionslosen, sachlichen Schreibstil beim Lesen allerdings nur stückchenweise vorankam. Das Cover hat mich stilistisch etwas anderes erwarten lassen, denn es handelt sich nicht um eine unterhaltsam aufbereitete Geschichte über die Queerness Londons, sondern vielmehr um ein Geschichtsbuch, das voller Informationen steckt. Diese hatten es allerdings in sich, denn wie präsent sich Homosexualität seit jeher durch die Geschichte Londons sowie die Geschichte überhaupt zieht, war mir nicht bewusst. Sie war immer schon da und wurde vor unserer Zeit vielleicht sogar intensiver ausgelebt als heute. Eine Empfehlung an alle, die schon immer mehr über die queere Geschichte erfahren wollten.

Weil es sich um ein Sachbuch handelt,
gibt es an dieser Stelle keine Punkteverteilung.

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Markus Jäger • Weinlachgummi

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU DEN JEWEILIGEN VERLAGEN, FALLS IHR MEHR INFORMATIONEN ÜBER DAS BUCH SUCHT. DIESE VERLINKUNG ERFOLGT FREIWILLIG UND WIRD NICHT VERGÜTET.
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4 Gedanken zu “[Rezension] Queer London von Peter Ackroyd

  1. Interessant. Ich hab irgendwo einen Karfunkel (No 74), in dem drinsteht, dass im Mittelalter Sex etwas war, das ein Mann mit einer Frau (oder wem anders) tat. Obwohl also frau oft als Verführerin auftrat, kann es sein, dass es nicht als Sex wahrgenommen wurde, wenn kein Vaginal- oder Analverkehr vorkam? Und dass deswegen das, was Frauen miteinander taten, nicht als richtiger Sex wahrgenommen wurde? (Ich mein, die Vorstellung gibt es ja heute auch noch: Keine Penetration ist gleich kein Sex.)

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    • Puh, das wurde in diesem Buch zwar gar nicht thematisiert, allerdings ist das eine interessante Sichtweise. Was mir noch in den Sinn kommt ist jedenfalls, dass der penetrierte Mann der „Schuldige“ war, egal ob er die Handlung gewollt hat oder vergewaltigt wurde. Der Penetrierende war fein raus. Vielleicht geht das ja in dieselbe Richtung?

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  2. […] In Queer London: Von der Antike bis heute* führt uns Peter Ackroyd durch Londons Geschichte der Queerness – angefangen bei der Antike, in der Homosexualität noch als bewundernswert galt. Trotz wechselndem Maß an Toleranz und der damit einhergehenden Verfolgung von Homosexuellen bietet London bis heute der größten homosexuellen Szene Europas ein Zuhause. Ein Buch, das ich besonders interessant finde! Da ich mich bisher wenig mit queerer Geschichte und erst Recht mit der queeren Geschichte Londons befasst habe, hoffe ich, durch dieses Buch unterhaltsam aufgeklärt zu werden. Es erscheint am 12. November 2018 im Penguin Verlag, hat 272 Seiten und kostet 24,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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