Endlich Ben von Benjamin Melzer, Ich bin Linus von Linus Giese, Amateur von Thomas Page McBee

[Rezension] Trans Biografien oder das Verständnis von Männlichkeit – Benjamin Melzer, Linus Giese und Thomas Page McBee

In diesem Sommer sind zwei Biografien von trans Personen erscheinen, die ursprünglich zufällig den gleichen Titel tragen sollten: Endlich Ben* von Influencer und Fitnessmodel Benjamin Melzer und Endlich Linus von Blogger und Buchhändler Linus Giese. Irgendwann ist die Titelähnlichkeit wohl auch dem Verlag aufgefallen, weshalb dann doch zu Ich bin Linus* gewechselt wurde. Doch dieser Zufall weckte in mir die Idee, die beiden unterschiedlichen Personen und Biografien in einem gemeinsamen Beitrag zu vereinen. Warum? Man könnte meinen, dass gerade sehr viele Biografien von trans Personen erscheinen und sie sich alle auf irgendeine Weise gleichen würden. Doch wie unterschiedlich persönliche Wege verlaufen, das Verständnis von „Angekommensein“ oder gesellschaftlichem Erwartungsdruck sein kann, kam gerade in diesen beiden Büchern besonders stark zum Ausdruck. Während ich mit der Nase noch tief in Ich bin Linus steckte, ist eine weitere Biografie auf meinem Radar aufgetaucht: Amateur* von Thomas Page McBee, ein trans Amateurboxer. Doch was verbindet und unterscheidet nun diese drei Personen? Endlich Ben* ist im März 2020 im Eden Books Verlag erschienen, hat 240 Seiten und kostet 17,95 €. Ich bin Linus* folgte im August 2020 im Rowohlt Verlag mit 224 Seiten für 15,00 €. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen von Amateur* von Thomas Page McBee wurde im Juli 2020 im Blumbenbar Verlag veröffentlicht und kostet mit 224 Seiten 18,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Allen drei Personen – Benjamin Melzer, Linus Giese und Thomas Page McBee – wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet. Alle Drei haben irgendwann erkannt, dass sie eigentlich ein Mann sind. Benjamin Melzer ist inzwischen erfolgreiches Fitnessmodel und hilft auf seinen Social-Media-Kanälen zahlreichen trans Jugendlichen dabei, ihren eigenen Weg zu finden. Linus Giese hat sich als Blogger einen Namen gemacht und ist Buchhändler aus Leidenschaft. Thomas Page McBee wollte der Männlichkeit auf den Grund gehen, indem er Amateurboxer wurde.

Meine Meinung

Wenn ich früher an das Thema Transgender dachte, hatte ich immer einen Menschen vor Augen, der optisch und hormonell vom einen zum anderen binären Geschlecht wechselt: vom Mann zur Frau oder von der Frau zum Mann. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass dadurch erst einmal grundsätzlich geklärt werden müsste, was Geschlecht eigentlich bedeutet. Was die Gesellschaft von Weiblichkeit oder Männlichkeit erwartet. Ich wusste, dass für die Anerkennung einer trans Identität oder die Verschreibung von Hormonen ein psychologisches Gutachten erstellt werden muss. Ich wusste, dass das sogenannte Passing eine Rolle spielt, also dass beispielsweise ein trans Mann in der Öffentlichkeit auch als Mann wahrgenommen oder gelesen wird. Ich wusste, dass vieles notwendig ist, um eine Änderung des Namens oder Geschlechtseintrags im Personalausweis zu erwirken. Doch muss sich ein trans Mann automatisch mit dem vorherrschenden, teils toxischen Bild der Gesellschaft von Männlichkeit identifizieren, um „voll anzukommen“? Was bedeutet „Ankommen“ überhaupt und muss eine Transition, wie der Prozess genannt wird, überhaupt je abgeschlossen sein? Wann ist ein trans Mann ein echter Mann? Befinden wir uns nicht eigentlich alle in einer Art Transition, die nie beendet sein wird?

Benjamin Melzer schreibt direkt und ungeschönt über jeden Schritt, den er während seiner Transition gegangen ist. Er lässt uns hinter die Kulissen blicken, wie er überhaupt erkannt hat, dass er trans ist, welche Schritte notwendig sind, um offiziell als Mann anerkannt zu werden, welche bürokratischen Hürden zu meistern sind und wie vielen Operationen er sich für welches Ergebnis hat unterziehen müssen. Er erzählt von den Schwierigkeiten, die er in seiner Jugend ausgesetzt war und wie seine Familie lange nicht verstanden hat, was los war, ihn anschließend jedoch bedingungslos unterstützt hat. Benjamin Melzer ist allerdings nicht zum Schreiben geboren – er holte sich Unterstützung von Alexandra Brosowski, die seinen Gedanken eine Form verlieh. Dass der Autor nicht in der Welte des Schreibens zuhause ist, fällt besonders dadurch auf, dass häufig triggernde oder überholte Begriffe wie „sich als Mann fühlen“, „als Frau geboren“, „Transmann“, „transsexuell“ verwendet werden. Für ihn ist klar, wenn er diesen Weg geht, geht er ihn ganz, mit allen Operationen, um genau der Mann zu werden, der er immer sein wollte. Das Begriff der Männlichkeit wir hier im konservativen Sinne verstanden. Wer sich davon allerdings nicht abschrecken lässt, bekommt einen allumfassenden, tiefen Einblick in alles, was zu seiner Transition dazugehört. Er nennt und empfiehlt Kliniken, Penispumpen und Möglichkeiten zur Haartransplantation.

Linus Giese könnte in Sachen Persönlichkeit und Verständnis von Sprache kaum gegensätzlicher sein. Während Benjamin Melzer in seiner Erzählweise eher vorpreschend wirkt, agiert Linus Giese in allem vorsichtiger und überlegter. Er gibt vor allem unserem Sprachgebrauch Raum und wie wir Sprache nicht-diskriminierend verwenden können. Wie wir Mikroaggressionen im Alltag durch ein wenig Sensibilität und Recherche vermeiden können und welche Grenzen uns bisher durch Sprache auferlegt wurden; jedoch auch, wie wir diese Grenzen aufbrechen können. Linus Giese beschäftigt sich intensiv mit dem gesellschaftlichen Bild von klassischer, teils toxischer Männlichkeit und stellt das binäre Geschlechtersystem infrage. Warum müssen wir Personen ständig in die Kategorie Mann oder Frau stecken? Warum sprechen wir stattdessen nicht von Menschen und Personen? Warum ist das Geschlecht so wichtig? Außerdem widmet er sich dem wichtigen Thema Cybermobbing bzw. Digitale Gewalt, die sich viel weniger bedrohlicher anhört, als sie sich letztendlich äußert. Er ist überzeugt, dass eine Transition ein langer Weg ist, der vermutlich nie abgeschlossen sein wird.

Thomas Page McBee setzt zu einem späteren Zeitpunkt an. Die körperliche bzw. hormonelle Transition beschreibt er höchstens in kleinen Rückblicken. Er beschäftigt sich in seinem Buch vorrangig mit dem Thema Männlichkeit und ihrer Verbindung mit Aggression. Um zu verstehen, warum Männer kämpfen müssen, und dadrüber anschließend einen Artikel zu schreiben, begibt er sich „undercover“ in den Bereich des Amateur-Boxens. Er möchte innerhalb weniger Wochen fit gemacht werden für einen Charity-Boxkampf im Madison square Garden in New York. Er stellt sich den Fragen: Werden Männer aggressiv und kampflustig geboren oder wird ihnen das von der Gesellschaft anerzogen? Ist es wirklich das Testosteron, das Aggression wachsen lässt, oder hat das vielmehr einen Zusammenhang mit Erfolgsbedürfnis und Zielstrebigkeit? Eine der interessantesten Entdeckungen, die es im Boxring gemacht hat, war wohl die, dass Männer besonders dann sehr mitfühlend und zärtlich zueinander sein können, wenn diese Zärtlichkeit mit Gewalt, in diesem Fall die im Boxring, einhergeht. Denn niemand würde doch die Männlichkeit eines Boxers infrage stellen, oder? Das Buch regt wahnsinnig zum Nachdenken an, wie wir Männlichkeit eine gesündere Bedeutung verleihen können.

Fazit

Drei Menschen und Geschichten, die trotz ihrer Gemeinsamkeit kaum unterschiedlicher sein könnten. Benjamin Melzer legt den Fokus besonders auf die Schritte seiner körperlichen Transition und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: Welche bürokratischen Schritte sind dafür nötig, wie finde ich die passende Klinik, welche Operationen folgen mit welchem Ergebnis. Leider verwendet er häufig unbedachte Begriffe oder Formulierungen, die triggernd wirken können. Jedoch eignet sich das Buch besonders dafür, einen Einblick zu bekommen, wie eine Transition in Deutschland ablaufen kann.

Linus Giese zeigt, dass der Begriff von Männlichkeit und wann man denn nun als Mann gilt, alleine von einem selbst abhängen. Fühlst du dich gut und wohl in deinem Körper? Dann ist er richtig so. Er gibt uns Einblicke in sein ganz persönliches Leben, wir erleben Digitale Gewalt, die er durch seine Medienpräsenz erfährt. Er zeigt uns jedoch auch, wie wir besonders Sprache als Mittel nutzen können, um bestehende Grenzen aufzubrechen und besser miteinander umzugehen.

Thomas Page McBee lenkt den Fokus auf das allgemeine gesellschaftliche Verständnis von Männlichkeit und geht der Frage auf die Spur, warum Männer kämpfen. Wie viel davon hängt mit Testosteron zusammen und wie viel mit gesellschaftlicher Prägung? Was bedeutet Männlichkeit überhaupt und welche alten Verhaltensweisen beginnt er zu überdenken, nun, da er als Mann gelesen wird?

Habt ihr bereits interessante Bücher zum Verständnis von Männlichkeit gelesen oder euch darüber schon einmal Gedanken gemacht?

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

4 Gedanken zu “[Rezension] Trans Biografien oder das Verständnis von Männlichkeit – Benjamin Melzer, Linus Giese und Thomas Page McBee

  1. Ich kann dir noch „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“ von Jayrome C. Robinet empfehlen, das Buch erschien 2019 im Hanser Verlag. Der Autor erzählt von seiner Transition, geht aber auch sehr darauf ein, wie sich seine Außenwirkung verändert hat und wie aufgrund dessen, die Leute mit ihm umgehen. Robinet stammt aus Frankreich, lebt aber schon seit geraumer Zeit in Berlin.

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  2. Wow, das ist ja ein toller Post! Danke für die tollen Vergleiche und die genaue Beschreibung besonders der Schreibstile. Ich hatte „Ich bin Linus“ schon auf meiner Wunschliste stehen, aber gerade nach deinen Beschreibungen möchte ich es noch mehr lesen, das hört sich so an, als könnte es mir wirklich zusagen. Danke dir! 🙂

    Liebst, Lara.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Lara, vielen Dank für deinen Kommentar. 🙂 Ich freue mich, dass ich dir damit noch mehr Lust machen konnte. Ich drücke dir die Daumen, dass du es bald lesen kannst! Liebe Grüße, Hannah

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