Boy Erased Cover (© secession Verlag)

[Rezension] Boy Erased von Garrard Conley

Boy Erased* bespricht das wichtige Thema der Umerziehungstherapien, die bei Jugendlichen und Erwachsenen mit dem religiösem Hintergrund durchgeführt werden, ihnen ihre Homosexualität »auszutreiben«. Für mich war schon länger klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen musste; und besonders mit Hinblick auf den anstehenden Kinostart der Verfilmung Der Verlorene Sohn* war es mir wichtig, dieser Geschichte die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient.

Das Buch ist im Februar 2018 im secession Verlag erschienen, hat 330 Seiten und kostet 25,00 €.
[Werbung: unbezahlte Kooperation]

Kurzbeschreibung Inhalt

Der 19-jährige Garrard wächst in einer christlich-fundamentalistischen Familie und Umgebung in Arkansas auf, sein Vater ist Baptistenprediger. Als er von einer Collegebekanntschaft vor seinen strenggläubigen Eltern geoutet wird, beugt er sich deren Willen und beginnt eine Konversionstherapie bei der Organisation Love in Action. Diese Therapie, die fast ausschließlich von sogenannten Ex-Gays durchgeführt wird, soll ihn von seiner Homosexualität heilen und ihn zurück auf den Weg Gottes führen. 14 Jahre später verarbeitet er in Boy Erased* seine Erlebnisse.

Meine Meinung

Mich hat diese autobiografische Erzählung sehr schockiert. Sicher wusste ich, dass es Umerziehungsmaßnahmen gibt, dass diese noch längst nicht überall verboten sind und bei den »Patienten« tiefgehenden emotionalen Schaden anrichten. Doch ich konnte mir bis heute wenig darunter vorstellen. Garrard Conley beschreibt in diesem Buch seine Erfahrungen einer zweiwöchigen »Vortherapie«, die darüber entscheiden sollte, wie tief das »Problem« in ihm verankert ist und wie viele Monate oder Jahre er dementsprechend in der Einrichtung verbringen müsse, um »geheilt« zu werden. Außerdem erzählt er in mehreren Zeitebenen von seinem religiösen Leben, dem Verhältnis zu seinen Eltern, seinem Inneren Coming Out und seinen ersten Erfahrungen.

Der Schreibstil ist auf der einen Seite sehr bildlich mit unglaublichen vielen Details, bei denen man sich kaum vorstellen kann, dass sich jemand nach so langer Zeit so gut an Momentaufnahmen eines traumatisierenden Erlebnisses erinnern könnte. Vielleicht versteift sich der Verstand genau dadurch allerdings auf Details, um sich nicht mit dem großen Ganzen konfrontieren zu müssen. Auf der anderen Seite fand ich es sehr schwer, Zugang zum Erzähler zu finden, da Gefühle nur aus sicherer Distanz beschrieben werden. Es wirkt oft so, als würde der Autor nicht seine eigene, sondern die Geschichte eines Fremden erzählen. Das mag zwar die direkte Verbundenheit mit dem Erzähler schmälern, legt allerdings nahe, wie traumatisierend die Erlebnisse für ihn gewesen sein müssen. Der Schreibstil wirkt wahnsinnig selbstreflektiert, so als hätte Garrard Conley allein durch das Schreiben seiner Biografie wieder zu sich selbst gefunden und musste sich dafür beim Schreibprozess selbst von seinen Emotionen distanzieren.

Mich hat besonders das Nachwort sehr betroffen gemacht, in dem er einige Stimmen von anderen Betroffenen Raum gibt. Menschen, die noch viel länger als er im Kreislauf der Ex-Gay-Therapie gefangen waren und dadurch unwiederbringliche (psychische) Schäden erleiden mussten. Ich habe von John Smid gelesen, seiner Zeit Conleys Betreuer bei Love in Action, selbst noch Teil des 12-Schritte-Programms. Nur einer von vielen Ex-Ex-Gays, die erst so viele Jahre später verstanden haben, dass weder ihre eigene noch die Homosexualität so vieler anderer Menschen »heilbar« ist; dass sie sich niemals wegtherapieren lässt.

Doch Boy Erased* ist kein Buch über Gut und Böse. Es zeigt, dass Menschen das Beste wollen können und damit trotzdem das Schlimmste tun. Garrards Eltern haben ihn geliebt, sie lieben ihn immer noch und hatten zu keiner Zeit vor, ihm Schaden zuzufügen. Sie wussten es nicht besser. Und genau das soll die Verfilmung erreichen:

»[…] ich möchte dafür eine Sprache finden, die er [Garrards Vater] und andere, die wie er denken, verstehen.« (Joel Edgerton, Produzent)

Details zum Kinofilm »Der verlorene Sohn«

Der verlorene Sohn Filmplakat (2019)
Der verlorene Sohn Filmplakat (2019)

Am 21. Februar 2019 startet die Buchverfilmung »Der verlorene Sohn« in den deutschen Kinos. In den Hauptrollen sind Nicole Kidman zu sehen, Russel Crowe und Lucas Hedges als »Jared«, der Garrard Conley in der Verfilmung verkörpert.

Trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass Konversiontherapien bei den Betroffenen zu erheblichen psychischen Schäden und einer erhöhten Selbstmordrate führen, sind sie fast auf der ganzen Welt nicht verboten. In vielen Ländern liegen Gesetztesentwürfe vor, die ein solches Verbot zumindest bei Minderjährigen befürworten; jedoch hoffe ich, dass diese Verfilmung das allgemeine Bewusstsein für den Handlungsbedarf noch mehr verstärkt.

Garrard Conley selbst erhofft sich von der Verfilmung, dass sie:

»[…] das Anliegen meiner Memoiren fortführt, indem wir meine Geschichte erzählen möchten, wir uns mit denen solidarisch erklären, die ebenfalls diese Art von Gesprächstherapie erlebt haben. Aber ebenso wichtig ist es, uns mit diesem Projekt die Frage zu stellen, wie diese Art von Bigotterie von Menschen aufrechterhalten werden kann, die sich im Grunde gegenseitig lieben. Wir hoffen, den Zuschauern die Umstände verständlich zu machen und dadurch begreifen zu lassen, dass für diese Art von sozialer Ungerechtigkeit nicht immer Monster verantwortlich sind, sondern Menschen, die uns nahestehen, tragische Figuren, deren Würde oft hinter ihrem Handeln zurückbleibt.« (Garrard Conley, Autor)

Den Trailer zum Film findet ihr am Ende des Beitrags und ich glaube, dass der Film genau die Art Emotionalität übermittelt, die im Buch nur zwischen den Zeilen zu finden ist. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf die Umsetzung und habe das Gefühl, dass sie wirklich etwas bewegen könnte.

In den nächsten Tagen wird es auf meinem Instagram-Account eine Verlosung geben, bei der ihr sowohl Garrard Conleys Autobiografie Boy Erased* als auch zwei Kinofreikarten für den Film Der Verlorene Sohn* gewinnen könnt. Schaut gerne vorbei und haltet die Augen offen!

Fazit

Boy Erased* ist eine autobiografische Erzählung von Garrard Conley, in der er uns hautnah an seinen Erfahrungen mit einer Konversionstherapie teilhaben lässt, die ihn von seiner Homosexualität heilen sollte. Der zwar sehr detailreiche, aber dennoch eher distanzierte Schreibstil lässt darauf schließen, dass die angewandten Therapiemethoden auch heute noch starke Nachwirkungen haben und dass sie den »Patienten« jegliche Emotionen austreiben sollten. Sowohl in Deutschland als auch in weiten Teilen der Welt sind Konversationstherapien immer noch erlaubt, obwohl sie nachgewiesen erhebliche psychische Schäden hinterlassen. Sehr gespannt bin ich auf die Verfilmung, die am 21. Feburar 2019 in den deutschen Kinos startet.

Weil es sich um eine Biografie handelt,
gibt es an dieser Stelle keine Punkteverteilung.

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Kill MonotonyWeinlachgummis Naschtüte

Trailer

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU DEN JEWEILIGEN VERLAGEN/Produktionsfirmen, FALLS IHR MEHR INFORMATIONEN SUCHT. DIESE VERLINKUNG ERFOLGT FREIWILLIG UND WIRD NICHT VERGÜTET.

Dies ist eine unbezahlte Kooperation mit der Entertainment Kombinat GmbH, die mir ein Rezensionsexemplar des Buchs, zwei Kinofreikarten und das Verlosungspaket zur Verfügung gestellt hat.

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