Ein fast perfektes Wunder Cover (© Diogenes Verlag)

[Rezension] Ein fast perfektes Wunder von Andrea De Carlo

Jetzt ging es in letzter Zeit doch um einige Jugendbücher, sodass ich heute mal wieder einen »Erwachsenenroman« vorstellen möchte: Ein fast perfektes Wunder* von Andrea De Carlo. Mit Freuden konnte ich feststellen, dass ich mal wieder auf ein Buch gestoßen bin, das nicht explizit dem LGBT+-»Genre« zuzuordnen ist, sondern von der »Norm« abweichende Sexualitäten ganz nebenbei einfließen lässt – und sie zudem nicht direkt labelt bzw. kategorisiert. Trotzdem muss ich leider sagen, dass mich diese Geschichte sehr zwiespältig hinterlassen hat. Erschienen ist das Buch im September 2017 im Diogenes Verlag, hat 400 Seiten, kostet als gebundene Ausgabe* 24,00 € und als Kindle Edition* 20,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Im Grunde geht es um die beiden Hauptcharaktere Milena und Nick. Die gebürtige Italienerin Milena plant gerade, mit ihrer Lebensgefährtin ein Kind in die Welt zu setzen. Eigentlich ist sie jedoch ein eher planloser Freigeist, der seine Erfüllung im Kreieren und Herstellen von besonderen Eissorten findet. Nick dagegen ist der Leadsänger einer international bekannten Rockband, die sich zu Ehren der Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags in Paris nach längerer Pause für ein Benefizkonzert in Frankreich zusammenfindet. Zudem soll zu dieser Zeit auch noch seine Hochzeit mit einer Frau stattfinden, die er eigentlich gar nicht leiden kann. Begleitet wird das auch noch durch den großen Aufmarsch der Presse, um ihm und der Band nochmal einen Zuwachs an Bekanntheit zu verschaffen. Wie es der Zufall so will, begegnen sich Milena und Nick und ihre Geschichte beginnt.

Meine Meinung

Möglicherweise habt ihr es schon herausgehört, aber die Storyline hat mich schon nicht ganz so überzeugt. Der Klappentext gibt über die tatsächliche Handlung leider wenig Preis. Das Buch hat aber so stark angefangen. Es punktet durch eine großteils wunderbar poetische Sprache, durch die wir in die Gedankenwelten der Protagonisten eintauchen, durch die wir die Geschmacksnuancen fast selbst auf der Zunge spüren. Wir fühlen die Freiheit, wir erleben die künstlerische Kreativität, wie Musik entsteht, echte Musik, nicht die, die heute von Computerprogrammen geschrieben wird. Kein einziger Songtext wurde zitiert, trotzdem hatte ich das Gefühl, die Musik selbst zu durchleben. Zugleich erleben wir auch die Zweifel, die Unentschlossenheit und die Unsicherheit, wie ihre Leben weiterzugehen haben, die Unzufriedenheit mit der jetzigen persönlichen Situation, die von Anfang an präsent geschildert werden.

Den Grundgedanken der Geschichte finde ich eigentlich wunderschön: Die plötzliche Begegnung zweier Personen, die eine unerklärliche Vertrautheit und ein gegenseitiges blindes Verständnis empfinden, die gar nicht anders können, als irgendwann aufeinander zu treffen, weil es genau so gedacht sein muss. Zwei Seelen, die sich wiederfinden. Die beiden Hauptcharaktere sind sehr definiert ausgearbeitet und verströmen eine Tiefe, in der man sich gerne mal verliert. Andrea De Carlo hat eine unglaubliche Beobachtungsgabe, die ich hier keinesfalls unerwähnt lassen möchte.

Nun zu meinen etwas – nun ja – unschönen Empfindungen beim Lesen des Buchs. Außer der beiden Hauptcharaktere gibt es keine einzige Figur, die auch nur annähernd dreidimensional oder lebendig beschrieben wurde. Wenn in einer Geschichte viele Figuren auftauchen, ist es ja verständlich, dass nicht alle mit der gleichen Hingabe beleuchtet werden können – aber zumindest die beiden Partnerinnen der Protagonisten hätten doch ein wenig Farbe und Vielschichtigkeit abbekommen können. Die von Anfang an durchweg unsympathischen Frauen schafften es nicht, in mir auch nur die kleinste liebevolle Gefühlsregung auszulösen. Das ist wohl auch der Grund, warum ich beide »Beziehungen« als unglaubwürdig empfunden habe. Dieser Realitätsverlust macht nicht nur die zarte Annäherung der Hauptcharaktere extrem kitschig, sondern nimmt dem Leser auch jegliche eigene Meinung zu dem, wie es mit den beiden weitergehen soll. Wenn die jetzigen Partnerinnen so unangenehme Personen sind, kann man gar nicht wollen, dass sie ihre eigentlichen Beziehungen wieder auf die Reihe bekommen oder in irgendeiner Weise daran arbeiten. Was ich vielleicht auch noch erwähnen sollte: Die 400 Seiten spielen sich in einem Zeitraum von Mittwoch bis Samstag Morgen ab. Das sind nur etwas mehr als drei Tage.

Den zweiten großen Kritikpunkt widme ich voll und ganz dem LGBT+-Thema. Milena, von ihren vielen Männerbeziehungen enttäuscht, flüchtet sich in eine Beziehung mit einer Frau, weil sie das so entscheidet, weil sie Männer blöd findet, weil sie sie einengen und sie in eine Geschlechterrolle zwängen. Okay, möglicherweise stand Milena schon immer auch auf Frauen. Sich dann bewusst nach einer Frau umzusehen, kann ich noch nachvollziehen, wenn sie von vielen Männern enttäuscht worden ist. Ihre Lebensgefährtin Viviane wird als etwas burschikose, kurzhaarige, durchsetzungsstarke Powerfrau beschrieben, die in ihrer Beziehung eine klassisch männliche Geschlechterrolle verkörpert: Sie sorgt für den Lebensunterhalt und drückt Milena in die klassisch weibliche Geschlechterrolle, in der sie sich eingeengt und beherrscht fühlt. Selbst das Gebären des Kindes überlässt sie Milena. Über dieses Ausbilden von Geschlechterrollen in homosexuellen Beziehungen sinniert Milena in einem ihrer Kapitel, ob sich diese Geschlechterrollen bei zwei Menschen nicht sowieso immer bilden. Gerade bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Nein, das tun sie nicht! Mit Nick bekommt sie dann sozusagen genau den Mann vorgesetzt, den sie davor nur nie gefunden hat… Genau das ist das Bild, das ein großer Teil der Gesellschaft von homosexuellen Menschen, insbesondere Frauen, sowieso schon fälschlicherweise hat. Sätze wie »Die hat doch nur noch nicht den richtigen Mann gefunden« sind da keine Seltenheit.

Was ich positiv hervorheben muss: Der Autor hat die homosexuelle Beziehung der beiden Frauen ohne jegliche Wertung oder besondere Erwähnung beschrieben. Es ist so und das ist okay und nichts Besonderes, dass die Protagonistin mit einer Frau zusammen ist. So wünsche ich mir das in der Literatur: Kein extra Sub-Genre für LGBT+-Personen, einfach Geschichten über facettenreiche Personen mit unterschiedlichen Sexualitäten. Trotzdem hat der Autor mit dem Verlauf der Geschichte und Milenas Überlegungen genau diese Wertfreiheit wieder zunichte gemacht. Und das finde ich so unglaublich schade.

Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass das Buch sprachlich schön geschrieben wurde. Der Showdown am Ende der Geschichte ist sogar noch sehr amüsant zu lesen und hat etwas von einer Mischung aus »Der Gott des Gemetzels« und dem klassischen Realtity-TV. Ich habe mich beim Lesen mitgerissen und zugleich gut unterhalten gefühlt – trotzdem hat sich immer wieder ein komisches Magengefühl gemeldet. Und deshalb fühle ich mich auch so zwiegespalten.

Fazit

Ein fast perfektes Wunder* fängt stark an und kann besonders durch seinen Erzählstil und die poetische Sprache punkten. Die Nebencharaktere bleiben aber flach und die Beziehungen untereinander wirken aufgesetzt und dadurch unglaubwürdig. Die Darstellung der männerhassenden, unterdrückenden Lesbe, die ihre Lebensgefährtin in die Arme eines Mannes treibt, finde ich mehr als daneben gegriffen. Auf den ersten Blick ist die Geschichte wunderbar zu lesen, wirft auf den zweiten Blick aber doch Fragen und Zweifel auf.

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●●○○
Originalität: ●●●○○

Eure Hannah 🙂

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