Wir können alles sein Cover (© Johanna Kramer)

[Rezension] Wir können alles sein von Johanna Kramer

Wir können alles sein* ist der Debütroman von Johanna Kramer, die mit Anfang 30 ihren Bürojob an den Nagel gehängt hat, um sich dann vollständig dem Schreiben zu widmen. Ein mutiger Schritt, der sich in meinen Augen auf jeden Fall gelohnt hat! Auf Instagram hat Johanna ihre Reise durch Schottland mit uns geteilt und uns an ihrem Schreibprozess teilhaben lassen. Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich ihr Buch nach dem Erscheinen direkt lesen musste. Und jetzt brenne ich darauf, euch davon zu erzählen, denn es ist ein Buch, auf das ich ohne es zu wissen schon lange gewartet hatte. (Ich mag es eigentlich nicht, wenn jemand so überschwänglich von einem Buch erzählt, denn dann bin ich erstmal skeptisch. 😀 Ihr werdet im Laufe der Rezension aber merken, warum ich schwärme.) Das Taschenbuch ist im November 2018 im Selbstverlag erschienen, hat 286 Seiten und kostet 9,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Carolina und Brida lernen sich kennen, als Carolina Hilfe für ihre schwerkranke Mutter sucht. Denn Brida kann Einfluss auf die Energien und Gefühle anderer Menschen nehmen, wenn sie sich dafür öffnen. Doch irgendwie kommen sich die beiden bekannt vor, sie verbindet ein Gefühl, dass viel älter als die beiden Frauen zu sein scheint, die 20 Jahre trennen und in anderen Beziehungen stecken. Die beginnen, sehr viel Zeit miteinander zu verbringen, und Carolina wird sich überdeutlich bewusst, dass da etwas Größeres ist; nur ob Brida das auch wahrnimmt, gibt diese vorerst nicht zu erkennen. Also macht sich Carolina sich nach Schottland auf, um sich dem Schreiben zu widmen… Wann dringt die Liebe, die älter als alles ist, was wir kennen, endlich an die Oberfläche?

Meine Meinung

Ich muss mit einem Punkt beginnen, der mir bei Büchern generell sehr wichtig ist und das ist Qualität. Bei selbst verlegten Büchern habe ich (Achtung, Vorurteil!) immer die Befürchtung, dass sowohl die optische Aufmachung, die inhaltliche/dramaturgische Ausarbeitung als auch ein fehlerfreier Text nicht in dem Maße gewährleistet werden können wie mit einem großen Verlag im Rücken. Mit ihrem Debütroman hat die Autorin genau dieses Vorurteil zerschlagen. Auf 286 Seiten bin ich über nur genau zwei Zeichenfehler gestolpert, das Buch fühlt sich in der Hand hochwertig und angenehm an und die Seiten sind mit kleineren und größeren Zeichnungen der Schauplätze unglaublich liebevoll gestaltet.

Direkt mit den ersten Seiten hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen. Die Autorin schreibt sehr gefühlvoll über Zwischentöne menschlicher Empfindung und über Themen, die ich selten in Büchern wahrnehme, ohne dass es in die Fantasyrichtung abdriftet: Vorherbestimmung, Wiedergeburt und Wahrnehmung, die über das Natürliche hinausgeht. Diese Themen fließen eher unterschwellig ein und werden dennoch als Selbstverständlichkeit verstanden. Mich hat das sehr fasziniert, denn ich halte deren Existenz für möglich; möchte an dieser Stelle jedoch denjenigen davon abraten das Buch zu lesen, die Energien und Auren für absoluten Quatsch halten. Wer sich demgegenüber nur ein bisschen öffnen kann: Greif zu! 🙂

Die Stärken dieses Romans liegen definitiv in der Feinfühligkeit und Emotionalität. Wenn ein Buch es schafft, emotional zu einem durchzudringen und einen im tiefsten Inneren zu berühren, hat es meiner Meinung nach das erreicht, was ein gutes Buch können muss. Ein gutes Buch bringt uns weiter, lässt uns ein Stück mit den Protagonisten mitwachsen. Und genau das ist mir hier passiert. Ich habe dazugelernt, habe Mut erlebt, auf sein Gefühl zu hören und der einen letztendlich dorthin bringt, wo man im Leben hingehört. Dieser Roman kann wieder den Glauben daran zurückgeben, dass Gutes passieren wird, wenn man sich dafür öffnet und dass da draußen Menschen sind, die sich uns tief verbunden fühlen können.

Wo Stärken sind, sind auch Schwächen, genau wie bei uns Menschen. Für mich hat die Geschichte unglaublich stark angefangen und auch so geendet, hat jedoch zwischendurch etwas an Tempo verloren. Damit meine ich nicht, dass Schlag auf Schlag etwas passieren muss, sondern mir ist aufgefallen, dass meine Gedanken beim Lesen manchmal abgeschweift sind, weil die Handlung nicht vorankam. Bis Carolina die Entscheidung fällt, nach Schottland zu gehen und für sich selbst einzustehen, wurde die Geschichte kurzzeitig etwas zäh. Das könnte allerdings auch Absicht gewesen sein; denn im realen Leben gibt es diese zähen Phasen, bis man letztendlich eine Entscheidung trifft, schließlich auch zuhauf.

Ein weiterer Punkt sind die Nebencharaktere, die im Vergleich zu den beiden Protagonistinnen etwas blass wirken. Beide Frauen sind zu Beginn in einer Beziehung mit einem Mann, und beide Männer sind Teil der Handlung. Warum die beiden jedoch überhaupt mit ihren derzeitigen Partnern zusammen sind, hat sich mir durch die Geschichte nicht erschlossen. Was macht diese Personen aus? Was hat Carolina und Brida einst dazu gebracht, mit ihnen zusammenzukommen? Auch ein Gefühl für Bridas Tochter, die eine kleine Rolle spielt, habe ich nicht richtig gefunden. Das ist letztendlich nur ein kleiner Kritikpunkt, denn durch die etwas blassen Nebencharaktere wirken Brida und Carolina nur umso schillernder und dreidimensionaler. In Brida habe ich mich selbst ein bisschen verliebt und frage mich, ob es sie vielleicht doch irgendwo gibt. 😀

Abschließend möchte ich noch hinzufügen, dass ich mich sehr über das Erscheinen dieses Buchs gefreut habe. Es gibt inzwischen immer mehr Jugendbücher mit queeren Liebesgeschichten, doch richtig gute Bücher mit Protagonisten jenseits der 20 gibt es selten. Wir können alles sein* ist in jedem Fall eines davon, das ich fast bedingungslos empfehlen kann. 🙂

Fazit

Wir können alles sein* hat mich sehr berührt und ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch selbst verlegte Bücher von hoher Qualität sein können. Es erzählt sehr feinfühlig die Geschichte einer großen, die Zeit überdauernden Liebe, der sich nichts dauerhaft in den Weg stellen kann. Denn Liebe findet ihren Weg, egal wie. Dass die Nebencharaktere ein wenig blass wirken, lässt die beiden Protagonistinnen nur umso mehr leuchten, in die man sich beim Lesen einfach mitverlieben muss. Eine Empfehlung an Schottland-Liebhaber, Menschen, die an die Macht der Liebe glauben oder wieder glauben wollen, Spiritualität gegenüber offen sind und diejenigen, die schon lange nach einer lesbischen Geschichte mit erwachsenen Protagonistinnen suchen.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●●●
Erotik: ●●●○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Bibilotta • Kaddies Buchwelt • Manjas Buchregal

Eure Hannah 🙂

*Diese Links führen zu den jeweiligen Verlagen, falls ihr mehr Informationen über das Buch sucht. Diese Verlinkung erfolgt freiwillig und wird nicht vergütet.
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2 Gedanken zu “[Rezension] Wir können alles sein von Johanna Kramer

  1. […] Wir können alles sein ist für mich die Selfpublisher-Überraschung 2018 schlechthin und ein Beispiel dafür, dass auch selbst verlegte Bücher gut durchdacht, wunderschön aufgemacht und qualitativ hochwertig sein können. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der eine sehr feinfühlige Liebesgeschichte über zwei Frauen sucht, die überhaupt nicht nacheinander gesucht haben und denjenigen, die offen für etwas Spiritualität sind. Denn die Liebe von Brida und Carolina überdauert schon mehrere Leben und führt sie beide letztendlich in Schottland wieder zusammen. Eine literarisch anspruchsvolle Geschichte und Balsam für die Seele. […]

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