Giovannis Zimmer Cover (© dtv Verlag)

[Rezension] Giovannis Zimmer von James Baldwin

Auf James Baldwin wurde ich erst durch die Neuauflagen seiner Werke beim dtv Verlag Anfang 2018 aufmerksam, der allen seinen Werken nach und nach neue, zueinander passende Gewänder und Übersetzungen verleiht. Mit Von dieser Welt* gelang James Baldwin 1953 der Durchbruch als Schriftsteller. Mit seinem zweiten Roman Giovannis Zimmer* verlor er seinen Verlag und bekam von seiner Agentin den Rat, das Manuskript zu verbrennen. 1956 fand der Autor dann doch einen Verlag, der sich seiner Geschichte annahm und sorgte mit der Veröffentlichung für einen Skandal. In Deutschland erschien der Roman erstmals 1963 und war danach für lange Zeit vergriffen – bis er bei dtv nun im Februar 2020 in Neuübersetzung erschien. Das Buch hat 208 Seiten und kostet 20,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Der Amerikaner David verbringt seine Zeit in Paris, ohne klares Ziel vor Augen, seine Verlobte Hella ist auf Reisen, um sich selbst zu finden. Eines Abends lernt er den Barkeeper Giovanni kennen, der ebenfalls aus privaten Gründen aus seiner Heimat nach Paris geflohen ist, um sich ein neues Leben aufzubauen. Schnell freunden sich die beiden an und beginnen eine leidenschaftliche Affäre in Giovannis Zimmer, in dem beide fortan zusammen wohnen. Als Hella ihre Rückkehr ankündigt, lässt David Giovanni von Selbsthass zerfressen zurück – eine Entscheidung, die letztendlich Giovannis Tod zur Folge hat.

Meine Meinung

Mich hat Giovannis Zimmer* unglaublich beeindruckt. Es ist nicht unbedingt das beste Buch, das ich je gelesen habe und trotzdem finde ich es herausragend – gerade wenn man bedenkt, dass die Geschichte schon über 60 Jahre alt ist. Denn wenn dieser Roman eines ist, dann zeitlos. James Baldwin war seiner Zeit weit voraus, denn mit der Veröffentlichung brach er zwei Tabus: Als schwarzer Autor über Weiße zu schreiben und dann auch noch über die Affäre zwische zwei Männern, in einer Zeit, in der homosexuelle Handlungen noch in vielen Ländern unter Strafe standen.

Als Autor schreibt er distanziert, jedoch selbstverständlich über homosexuelle Neigungen. Wer mit diesen Neigungen nicht zurechtkommt, ist der Protagonist David. David ist von Selbsthass zerfressen und kann seine Gefühle als nichts Schönes begreifen. Er äußert sich abschätzig über feminine Verhaltensweisen anderer männerliebender Männer und stellt sich nicht mit ihnen auf eine Ebene, überzeugt den Leser, über diese erhaben zu sein. Dass er ein anständiger Mann ist, der sich sein Leben mit Frau und Kindern aufbaut. Und doch verfällt er Giovanni mit Haut und Haar.

Bis zum Schluss reflektiert David sein Verhalten nicht und kann sich nicht eingestehen, dass er Gefühle für Giovanni hat. Dass sein Verlangen überhaupt existiert. Doch als er erfährt, dass Giovanni sterben wird, fressen ihn all seine unterdrückten Empfindungen von innen auf.

Der Roman ist immer noch topaktuell – denn wie oft passiert es, dass wir einfach nicht hinsehen wollen? Dass etwas in uns passiert, das wir nicht zulassen und uns nicht eingestehen wollen? Dass wir uns wegdrehen, die Augen verschließen und unser Gegenüber sich selbst überlassen, weil es uns »nichts angeht«?

Der zweite Teil des Buchs hat mich deutlich besser gefallen als der erste, denn er nahm Tempo auf und ließ die unterdrückten Gefühle Davids nach und nach durchbrechen. Im ersten Teil erleben wir die leidenschaftliche Annäherung aus Davids Sicht fast sachlich distanziert, was auf die persönliche Distanz von David zu seinen Gefühlen zu schließen ist.

James Baldwin schreibt herausragend, schafft es mit wenigen Worten, im Kopf Bilder entstehen zu lassen. Und trotzdem hat mich die Geschichte nicht völlig umgehauen, weil die Themen heutzutage eben kein Tabu mehr sind. Salz und sein Preis/Carol von Patricia Highsmith, das zur etwas gleichen Zeit über die verbotene Beziehung zwischen zwei Frauen geschrieben wurde, hat mich nachhaltiger gefesselt. Vielleicht ist gerade die Zeitlosigkeit das Beeindruckendste, aber auch Selbstverständlichste an Giovannis Zimmer*. Für Freunde großartiger Literatur und Fans von James Baldwin dennoch ein Muss.

Fazit

Giovannis Zimmer* ist ein unglaublich beeindruckendes Werk und queerer Klassiker, der seiner Zeit weit voraus war. Auf poetische und sprachlich anspruchsvolle Weise tauchen wir ein in Davids Selbsthass und seine verdrängten Gefühle, die ihn schließlich zu überrollen drohen, als er von Giovannis bevorstehendem Tod erfährt. Im ersten Teil halten sich die Emotionen noch etwas zurück, da der Protagonist diese solange noch erfolgreich unterdrückt – dafür brechen sie im rasanteren zweiten Teil umso stärker hervor. Das Beeindruckendste an diesem Buch ist vermutlich seine Zeitlosigkeit, denn es beschäftigt sich mit menschlichen Verhaltsenweisen, die heute noch genauso aktuell sind. Ganz große Literatur, wenn auch heute vermutlich weniger skandalös als in den Sechzigern.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Deutschlandfunk*Dieter Wunderlich*LiteraturReich*

Eure Hannah 🙂

*DIESE dLINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

5 Gedanken zu “[Rezension] Giovannis Zimmer von James Baldwin

  1. Ich habe es auch gerade gelesen und relativ lange dafür gebraucht. Das war kein Buch, dass ich in einem Rutsch durchlesen konnte. Ich fand es sehr aufwühlend und musste danach erstmal was Leichtes lesen. Aber absolut empfehlenswert, toller Schreibstil. Und sehr erschütternd, dass das Thema immer noch so aktuell ist.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Claudia,
      das verstehe ich gut, dass du das Buch nicht am Stück weglesen konntest. Das ging mir nicht anders, ich musste auch zwischendrin erstmal verarbeiten, was ich da gelesen habe. Freut mich jedoch, dass es dir trotzdem so gut gefallen hat.
      Liebe Grüße, Hannah

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  2. […] Nächsten Monat ist James Baldwins bekanntestes und gleichzeitig provokantestes Buch, Giovannis Zimmer*, endlich wieder in einer Neuübersetzung erhältlich. Es handelt sich um einen Klassiker aus dem Jahr 1956, durch den der Autor seinen Verlag verlor und von seiner Agentin die Empfehlung bekam, sein Manuskript zu verbrennen. Und warum? Weil er als schwarzer Autor über die Liebe zwischen zwei weißen Männern schrieb. Als amerikanischer Expat lernt David in einer Bar Giovanni kennen. Eine leidenschaftliche Affäre beginnt, doch David kann nur schwer mit seinem Verlangen und Schuldgefühlen umgehen. Als seine Verlobte zurückkehrt, schafft es David nicht, die Wahrheit zu sagen. Er versucht sich selbst zu retten und stürzt Giovanni damit in sein unausweichliches Ende. Ich werde das Buch auf jeden Fall lesen, denn irgendwie erinnert es mich an Call Me by Your Name, nur auf eine zerstörerische Weise. Das Buch erscheint am 21. Februar im dtv Verlag, hat 208 Seiten und kostet 20,00 €. Inzwischen gelesen und rezensiert! […]

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