Orangen sind nicht die einzige Frucht Cover (© Berlin Taschenbuch Verlag)

[Rezension] Orangen sind nicht die einzige Frucht von Jeanette Winterson

Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch lest und in diesem Buch wiederum über ein anderes Buch geschrieben wird, bei dem ihr euch sofort denkt: »Das muss ich unbedingt lesen«? Genau so ging es mit mit Orangen sind nicht die einzige Frucht* von Jeanette Winterson. Nur leider komme ich einfach nicht mehr darauf, in welchem Buch ich darüber gelesen habe. Das englische Original Oranges Are Not The Only Fruit* brachte die Autorin im Jahr 1985 heraus, als sie 26 Jahre alt war. Sie verarbeitet darin sehr viel ihrer eigenen Vergangenheit und gewann damit den Whitbread-Preis für den besten Erstlingsroman. Ich wusste also schon vor dem Lesen, dass es sich um einen besonderen Roman handelt – trotzdem hat er mich schwer beeindruckt und zum Nachdenken angeregt. Erstmals auf deutsch erschienen ist der Roman im Jahr 1993 und ist zuletzt 2004 als Taschenbuch* im Berlin Taschenbuch Verlag erschienen. Das Buch ist leider nur noch gebraucht erhältlich, aber es ist zumindest nicht allgemein vergriffen. 🙂

Kurzbeschreibung Inhalt

Jeanette wird in den 60er-Jahren adoptiert, um als »Auserwählte« und Missionarin den Kampf gegen die Heiden zu unterstützen. Ihre Adoptiveltern sind Anhänger der religiösen Pfingstbewegung und sehen es als oberstes Ziel, möglichst viele Heiden zum Glauben und ihrer Kirche zu bekehren. Das Lesen lernt Jeanette von der Mutter mit dem Alten Testament der Bibel, lange Zeit ihre einzige Lektüre. Sie geht nicht zur Schule, bis die Behörden vor der Tür stehen und ihrer Mutter keine Wahl lassen. Sie predigt ihren Klassenkameraden vom Verderben und der Hölle und gerät nicht nur dadurch in eine Außenseiterposition. Jeanette denkt gar nicht ans Heiraten, den Wirbel um Jungs kann sie so gar nicht verstehen. Als sie sich in ein Mädchen verliebt, kann sie nichts Falsches daran erkennen, die Glaubensgemeinde kann dies jedoch nicht akzeptieren und versucht sich an ihr mit Teufelsaustreibungen. Langsam merkt sie, dass sie so nicht glücklich sein kann und beginnt, sich von ihrem alten Leben zu lösen.

Meine Meinung

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Vielleicht damit, dass ich bei anspruchsvoller Literatur oft Angst habe, dass sie zwar literarisch wertvoll, dafür aber unmöglich angenehm zu lesen sein könnte. Diese Angst kann ich hier nur widerlegen. Selten habe ich ein Buch mit weniger leichter Kost so schnell gelesen, ohne darüber nachzudenken, es mal kurz beiseitezulegen. Jeanette Winterson schreibt in eher kurzen Sätzen völlig ungeschönt und unbeeindruckt von dem, was ihr geschehen ist und dadurch erschreckend realistisch. Nie auch nur ein Satz des Selbstmitleids oder des Zweifels. Trotz ihres extremen Umfelds schafft sie es, an ihrem eigenen Selbstbewusstsein und ihrer Unerschrockenheit festzuhalten und den Schritt in ein Leben zu wagen, bei dem sie selbst die Zügel in der Hand hat, auch wenn das allem entgegensteht, was sie kannte und vorhatte.

Die einzelnen Kapitel sind nach Büchern der Bibel benannt, ich vermute des Alten Testaments, und ich muss zugeben, dass ich mich darin nicht so gut auskenne. Vermutlich hat diese Titelzuordnung noch eine ganz wichtige Bedeutung, die ich leider nicht verstehe. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass mir beim Lesen etwas gefehlt hat. Dieser religiöse Ausschluss von Homosexualität bzw. die Weigerung, ein solches Phänomen als etwas anderes als die Besessenheit durch einen Dämon zu sehen, war mir bis dato eher aus weiter zurückliegenden Zeiten oder ferneren Ländern bekannt. Dass sich die Geschichte sich aber so ähnlich erst vor 50 Jahren in England zugetragen hat, vergisst man beim Lesen leicht.

Das klingt jetzt alles so, als wäre Orangen sind nicht die einzige Frucht* ein ernsthafter Roman, der schwer im Magen liegt. Ernsthaft kann ich bestätigen, schwer im Magen trifft es teilweise. Nichtsdestotrotz musste ich wirklich oft lachen. Viele Unterhaltungen, besonders die zwischen Jeanette und ihrer Mutter, sind mit viel Witz und Situationskomik geschrieben, was das Magengefühl sehr viel wohliger werden lässt. Die Autorin nimmt sich nicht zu ernst und bauscht die Geschehnisse nicht unnötig emotional auf.

Was mich persönlich manchmal etwas gestört hat, metaphorisch gesehen aber bestimmt sehr wertvoll umgesetzt ist, sind die gegen Ende teils sehr langen Passagen über selbst ausgedachte Märchen oder Vergleiche zu Parzival und dem heiligen Gral. Das liegt wahrscheinlich daran, dass langatmige Versinnbildlichungen einfach nicht mein Geschmack sind und ich mit altertümlichen Königen, Zauberern und Prinzessinnen nicht so viel anfangen kann. Das ist allerdings ein Punkt, über den ich aufgrund der restlichen Ausgestaltung leicht hinwegsehen kann.

Fazit

Orangen sind nicht die einzige Frucht* erzählt von einer starken Frau, die sich aus unterdrückten Verhältnissen befreit, für sich selbst einsteht und ihren Überzeugungen folgt, um ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen. Trotz des ernsten Themas habe ich das Buch nicht als Belastung empfunden, sondern auch ab und zu herzlich gelacht. Vor Jeanette Winterson ziehe ich sowohl als Autorin als auch als weibliches Vorbild meinen Hut. Wir sollten uns ein Beispiel an ihr nehmen, uns unabhängig von unserem Umfeld unsere eigenen Überzeugungen zu bilden und voll und ganz dahinterzustehen.

Humor: ●●○○○
Anspruch: ●●●●●
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●○○○
Erotik: ●○○○○
Originalität:
(kann aufgrund der wahren Begebenheit nicht bewertet werden)

Eure Hannah 🙂

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2 Gedanken zu “[Rezension] Orangen sind nicht die einzige Frucht von Jeanette Winterson

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