Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen Cover (© Beltz & Gelberg)

[Rezension] Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen von Elisabeth Steinkellner

Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen* von Elisabeth Steinkellner hätte ich fast übersehen, denn weder das unscheinbare Cover noch der Klappentext geben Aufschluss über einen queeren Inhalt. Letztendlich hat sich dieses Jugendbuch als kleines Meisterwerk herausgestellt, das es durchaus mit großen Autoren wie Wolfgang Herrndorf, John Green oder Stephen Chbosky aufnehmen kann. Ich frage mich, wieso bis dato von der österreichischen Autorin noch nichts zu mir durchgedrungen war. Das Buch ist im August 2018 bei Beltz & Gelberg erschienen, hat 236 Seiten und kostet 13,95 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Simon ist auf der Suche nach Paulus, den er vor einiger Zeit im Zug kennengelernt hat und der ihn seither nicht mehr loslässt. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man außer seinem Namen nur die Stadt kennt, in der er studiert. Anfang Februar während der Ferien macht er sich auf, seiner Suche ein Ende zu bereiten. Für Antonia ist seit dem Verschwinden ihres großen Bruders nichts mehr normal. Sie kapselt sich von allen ab – ihren Eltern, ihren Freunden und ihrem Freund Enno. Hätte sie nicht etwas tun können, um es zu verhindern? Hätte sie ihn überzeugen können, zu bleiben? Als Simon und Antonia zufällig aufeinander treffen, scheinen sie für den Moment füreinander genau diejenigen zu sein, die sie gebraucht haben, um ihre Muster zu durchbrechen. Und langsam beginnen sie, sich aus ihrem eigenen Käfig hinauszuwinden…

Meine Meinung

Nach etwa 20 Seiten war ich vollkommen in die Geschichte abgetaucht. Sie wird abwechselnd aus Simons und Antonias Sicht erzählt, was jedoch nicht explizit erklärt wird. Die Kapitelüberschriften bestehen meistens nur aus einzelnen Wörtern, die entweder eine Farbe beschreiben (Simon) oder irgendwie mit Wasser zu tun haben (Antonia). Durch die fehlende Erläuterung wird man zunächst mitten ins Geschehen geschmissen, ohne zu wissen, um wen es überhaupt geht. Bei diesem Jugendroman wird also von Anfang an das Mitdenken des Lesers gefordert, was ich in Büchern sehr zu schätzen weiß.

Der Erzählstil ist ruhig und tiefgründig, wobei sich viel Inhalt zwischen den Zeilen versteckt. Er fängt die Gefühlswelt von Teenagern, die sich grundsätzlich einsam und missverstanden fühlen und eigentlich gar nicht wissen, wohin sie das Leben führen soll, sehr treffend ein. Ich habe mich selbst wieder gefühlt wie ein Teenager, dem jedoch endlich klar wird, dass er gar nicht so merkwürdig ist, wie er immer dachte. Denn das Buch zeigt, dass zwar schreckliche Dinge passieren, aber dass wir daran keine Schuld tragen. Es zeigt, dass es zwar niemanden gibt, der uns vollkommen versteht, aber dass jeder seine Eigenheiten hat und sie vielleicht nur nicht zeigt. Und es zeigt, dass Menschen sich trotzdem nah sein können und Verständnis zeigen, wenn man sie nur lässt.

Besonders gefallen hat mir, dass die Geschichte trotz der melancholischen Grundstimmung nicht deprimierend ist. Dass es einen nicht in den Abgrund hinab, sondern vielmehr auf einen Berg hinaufzieht, von wo aus man eine größere Weitsicht genießen kann.

Nicht nur die beiden Protagonisten waren sehr lebensecht beschrieben, auch die Nebenakteure schienen wie dem echten Leben entsprungen. Allesamt schießt man sie gerade wegen ihrer Eigenarten schnell ins Herz. Die letztendliche Auflösung der beiden Geschichten habe ich zwar irgendwann ungefähr kommen sehen, das änderte aber nichts daran, dass ich die letzten Seiten durchgeweint habe. Weil es einfach gut tut, wenn der Knoten platzt und man endlich, endlich leben kann.

Auch wenn das Buch sicherlich für Erwachsene ein Genuss ist und sie wachsen lässt, möchte ich es ganz besonders denjenigen ans Herz legen, die selbst noch auf der Suche nach ihrem Platz sind. Nach sich selbst und der ersten großen Liebe, nach Verständnis und dem Gefühl, genau richtig und gut zu sein. Vielleicht ist die Liebe nicht dort, wo du sie erwartest. Vielleicht versteckt sie sich in den Kleinigkeiten, die du sonst übersiehst. 🙂

Fazit

Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen* ist ein kleines Meisterwerk der Jugendliteratur, das in seiner Art und Tiefgründigkeit an Werke von Wolfgang Herrndorf, John Green oder Stephen Chbosky erinnert und durchaus mit ihnen mithalten kann. Die Autorin fordert das Mitdenken und vor allem das Mitwachsen des Lesers ein, womit sie ein intensiveres Leseerlebnis erreicht. Drogenmissbrauch, Verlust und Homosexualität werden selbstverständlich und ohne erhobenen Zeigefinger thematisiert, was dem Roman eine rohe Echtheit wie das Leben selbst verleiht. Die melancholische Grundstimmung zieht einen nicht in einen Abgrund hinab, sondern verleitet zum Selbst-Wachsen. Trotz leiser Vorausahnung hat mich die Auflösung zu Tränen gerührt und mit einem versöhnlichen Gefühl zurückgelassen.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

falter.atjugendbuchtipps.de

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU DEN JEWEILIGEN VERLAGEN, FALLS IHR MEHR INFORMATIONEN ÜBER DAS BUCH SUCHT. DIESE VERLINKUNG ERFOLGT FREIWILLIG UND WIRD NICHT VERGÜTET.
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4 Gedanken zu “[Rezension] Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen von Elisabeth Steinkellner

  1. Liebe Hannah,

    ich mal wieder 😀 im Moment gräbst du ein paar ganz tolle Bücher für mich aus. Das hier hatte ich tatsächlich bei uns in der Bücherei schon in der Hand, habe mich dann aber aufgrund eines wirklich wirklich gigantischen Lesestapels (und die Bücherei-Bücher haben dann ja auch immer noch eine Rückgabefrist…) doch zurück gelegt. Jetzt bin ich ganz wild darauf, es doch auszuleihen und zu lesen! Es klingt nach tollen Figuren und einer tollen Geschichte 🙂 Danke für die Rezension, die mich jetzt doch nochmal drauf gestoßen hat, wenn ich Glück habe schnappe ich es mir heute direkt aus dem Regal!

    Liebe Grüße
    Ivy

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Ivy,

      das freut mich wirklich sehr, dass ich gerade oft deinen Geschmack treffe! Was für ein Zufall, dass du gerade dieses Buch kürzlich in der Hand hattest. 🙂 Ich hoffe ja sehr, du warst in der Bibliothek erfolgreich und ich bin sehr gespannt auf deinen Leseeindruck – lass mich gerne wissen, wie es dir gefallen hat!

      Liebe Grüße,
      Hannah

      Gefällt mir

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