Flamingofeuer Cover (© Ulrike Helmer Verlag)

[Rezension] Flamingofeuer von Laura Lay

Als ich vergangenes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse beim Stand des Ulrike Helmer Verlags vorbeischaute, kam ich dort mit den beiden unglaublich sympathischen Verlagsfrauen ins Gespräch. Eigentlich war ich zur Signierstunde dort, um mir mein Exemplar von Schattengesicht, ein lesbischer Psychothriller, von Antje Wagner signieren zu lassen. Kurze Zeit später hatten wir alle vier uns verquatscht und ich habe das erste Mal von Flamingofeuer* erfahren, das als Spitzentitel im Frühjahr 2019 erscheinen sollte. Ein queerer erotischer Episodenroman – das muss man sich erst mal versuchen vorzustellen. Von der erfolgreichen Jugendbuchautorin Antje Wagner, deshalb unter dem Pseudonym Laura Lay. Meine Neugier war jedenfalls geweckt. Das Buch ist im März 2019 bei Ulrike Helmer erschienen, hat 240 Seiten und kostet 16,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Leon Walskys größter Erfolg liegt hinter ihm. Sein Erotikroman »Die schwarze Augenmaske« brach einst alle Rekorde, nun ist er völlig abgebrannt. Sein neuestes Werk scheint keinen Verlag mehr zu überzeugen, und so nimmt Leon das seltsame Angebot einer Fremden an, für die er erotische Geschichten schreiben soll. Vorgaben gibt es keine, außer, dass sie die Richtung bestimmen und eingreifen darf, wenn die Entwicklung ihr nicht gefällt. Leon beginnt zu schreiben und kommt dadurch einer Erinnerung näher, die er eigentlich für immer vergessen wollte…

Meine Meinung

Dass Antje Wagners Romane immer in eine andere Richtung gehen, als man erwarten würde, dürfte mich langsam nicht mehr überraschen, trotzdem ist ihr dies in Flamingofeuer* wieder gelungen. Erotische Geschichten haben in der Gesellschaft doch eigentlich immer den Beigeschmack von etwas Schmutzigem, etwas Verbotenem, dem man nur still und heimlich in seinem Kämmerlein nachgehen sollte. Antje Wagner erzählt hier jedoch eine Geschichte über Schuld, Genugtuung, Verwirrung, Begehren und Rache, die auf der Grundlage eines erotischen Settings steht. Wir tauchen ein in verschiedene Formen des Begehrens, von denen das meiste zwischen den Zeilen und im Kopf passiert.

»Aber zwischen Sex und Erotik – da besteht ja wohl ein Unterschied. […] Wenn es dasselbe wäre, wieso gibt es dann zwei Worte dafür? […] Für mich ist Erotik eine Reise, an deren Ende ein Geschlechtsakt stehen kann. Mich interessiert aber gar nicht so sehr das Ziel. Sondern die Reise selbst.« – Laura Lay, Flamingofeuer

Die eigentliche Rahmenhandlung gleicht einem Versteckspiel, in dem der Protagonist gleichzeitig versucht herauszufinden, wer hinter seiner mysteriösen Auftraggeberin steht und sein eigenes Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, doch immer wieder von Tanja R., wie die Fremde sich nennt, aus seiner Komfortzone herausgetrieben wird. Irgendwann wird deutlich, dass es eine Verbindung zwischen ihm und Tanja R. geben muss, dass sie ihn fest in der Hand hat und mehr zu wissen scheint, als sie preisgibt.

In den Geschichten, die Leon Walsky für Tanja R. schreibt, beginnen Einzelheiten seines realen Lebens mit denen seiner Vorstellung zu verschwimmen. So taucht nicht nur Tanja R. mit abgewandelten Namen und Identitäten in seinen erotischen Geschichten auf, sondern auch Laura, die er eigentlich vergessen wollte, sowie auch Leon selbst. Nebenfiguren der einen Geschichte werden zu Hauptfiguren einer anderen; und jede hat ihr ganz eigenes Begehren. Nicht selten webt die Autorin fantastische Elemente in ihre Geschichten ein und spielt mit dem Bewusstsein des Lesers für Realität: In welcher Geschichte befinden wir uns gerade? Passiert das gerade wirklich oder befinden wir uns nur in der Einbildung einer Figur? Was ist real – und was Vorstellungskraft? Wie bereits aus ihren vorherigen Büchern bekannt, lässt sie dabei viel Raum zur Interpretation und spielt mit den Erwartungen des Lesers.

Was sich wiederum direkt auf die Erwartungen an Geschlechter und Sexualitäten übertragen lässt: In einer Geschichte kennt die Hauptperson das Geschlecht ihres Gegenübers überhaupt nicht und legt es sich für ihre Vorstellungen zurecht. In einer anderen geht der Leser erst von der einen Kombination an Geschlechtern aus, wird zur Auflösung jedoch in die gegenteilige Erkenntnis geworfen. Die Autorin zeigt damit, dass Erotik nicht an eine bestimmte Sexualität gebunden ist, sondern übergangslos übertragbar ist. Es geht nur darum, was wir uns vorstellen und was wir zulassen.

Die Grundgeschichte schließt Antje Wagner mit einem Augenzwinkern. Die Antwort auf alle Fragen erhalten wir wie üblich erst in den letzten Zeilen, mit denen sie gewitzt und gekonnt einen klugen Bogen zum Beginn der Geschichte schlägt. Man klappt das Buch mit einem Lächeln auf den Lippen zu und dem Gedanken, dass Karma wohl allgegenwärtig ist. 😉

Fazit

In Flamingofeuer* nimmt uns Antje Wagner alias Laura Lay mit auf eine Reise von erotischen Episoden, wobei der Fokus nicht auf der Erotik selbst liegt, sondern sie eher als Grundstimmung und Begleitprodukt erscheint. Die Autorin spielt mit unseren Erwartungen an Sexualitäten und Identitäten, an Rollenbilder und mit unserer Wahrnehmung, sodass man manchmal kaum die Realität von der Einbildung unterscheiden kann. Sie zeigt, dass Erotik nichts Schmutziges sein muss. Dass Begehren sich nicht an Grenzen aufhält – dass es individuell und doch universell in uns Menschen schlummert, egal welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung. Das alles stets stilvoll, mit einem Augenzwinkern und dem nötigen Humor, um bestens zu unterhalten. 😉

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●○○○○
Erotik: ●●●●○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Buchstabenträumerei* • Frank Duwald* • Simone Derichsweiler*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

2 Gedanken zu “[Rezension] Flamingofeuer von Laura Lay

  1. […] Unter dem offenen Pseudonym Laura Lay schreibt Antje Wagner im Erotikbereich, die unter ihrem Klarnamen sonst eher Jugendbücher veröffentlicht. Es ist kein Geheimnis, dass ich ihre Bücher wahnsinnig gern lese, weil sie anspruchsvoll sind und doch gut verständlich, zum Nach- und Mitdenken anregen und immer mit einer queeren Komponente versehen sind. Hinter Flamingofeuer* verbirgt sich ein erotischer Episodenroman, der vor allem mit den (Geschlechter-)Erwartungen des Lesers spielt. Den Rahmen bilden der Schriftsteller Leon und Tanja, für die er Erotikgeschichten schreiben soll. Doch wer steckt eigentlich hinter der geheimnisvollen Tanja und welches Geheimnis umgibt Leons Vergangenheit? Queerness soll es in diesem Roman zuhauf geben, genau werden wir es jedoch wohl erst im März wissen. 🙂 Das Buch erscheint am 8. März 2019 im Ulrike Helmer Verlag, hat 232 Seiten und kostet 16,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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