Alles okay Cover (© Hanser Verlag)

[Rezension] Alles okay von Nina LaCour

Fast hatte ich es schon aufgegeben, dass ein Verlag sich nochmal Nina LaCour annimmt. »Hold Still« erschien bei Fischer unter dem Titel Ich werde immer da sein, wo du auch bist* direkt im Taschenbuch, »The Disenchantments« und »You Know Me Well«, das sie zusammen mit David Levihan schrieb, nahm sich Carlsen* an. Dann war erstmal eine Weile Ruhe. Ihre weiteren Bücher haben frauenliebende Protagonistinnen, weshalb mich diese Ruhe gar nicht so sehr gewundert hat – doch dann kam Hanser um die Ecke und gab »We Are Okay« unter dem Titel Alles Okay* eine Chance. Und was für eine! Das Originalcover wurde übernommen, die Verarbeitung ist hochwertig und voller Details… Okay, vermutlich wollt ihr wissen, was an Nina LaCour und diesem Buch so besonders ist, also mache ich damit mal weiter. 😀 Das Buch ist im August 2019 im Hanser Verlag erschienen, hat 208 Seiten und kostet 16,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Kurz vor Weihnachten hat sich Marin im tiefsten Winter ganz allein in ihrem College-Wohnheim verschanzt. Seit ihr Großvater, der letzte Rest, der von ihrer Familie noch übrig geblieben war, gestorben ist, hat sie mit niemandem mehr aus ihrer Heimat gesprochen – ganz besonders nicht mit ihrer besten Freundin Mabel. Bevor Marin sich über die Ferien einigeln kann, muss sie allerdings noch Mabels Besuch überstehen, die das als letzten Versuch sieht, Marin aus ihrem Loch herauszuhelfen. Und ganz langsam beginnt Marin wieder Nähe zuzulassen. Und vielleicht, nur vielleicht, kann ja doch alles wieder okay werden.

Meine Meinung

Bei manchen Büchern ist es Liebe auf den ersten Blick, bei manchen trügt der Schein der äußeren Hülle, doch bei manchen festigt sich diese Liebe nur von Seite zu Seite. Alles Okay* hat mich verzaubert, obwohl es alles andere als eine schöne Geschichte ist. Es geht um Verlust, um Schuld, darum, was eine Familie ausmacht und wie viel man über sie weiß, oder ob letztendlich jede Person so viele Geheimnisse in sich trägt, dass sie immer eine andere sein wird als die, die man glaubt zu kennen.

Marin ist bei ihrem Großvater im sonnigen Kalifornien aufgewachsen, nachdem ihre junge Mutter beim Surfen ums Leben kam. Ihren Vater kannte sie nie. Marins Großvater lässt ihr viele Freiheiten, Grenzen kennt sie kaum, und sie findet irgendwann ihre Seelengefährtin in ihrer besten Freundin Mabel. Sie kommen sich näher und bald geht ihre Verbindung weit über eine Freundschaft hinaus. Marin wächst in Mabels Familie hinein und kann sich irgendwann ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Bis zu dem Punkt, als ihr Großvater stirbt, sie sich die Schuld dafür gibt und einfach verschwindet.

Die Geschichte handelt nicht nur von Familie und Verlust, sondern auch von großer Einsamkeit. Von dieser Einsamkeit, die sich einschleicht und jeden irgendwann mal gefangen nimmt, denn so sehr wir die Menschen um uns herum lieben – nie können sie die letzte Hürde durchbrechen und uns vollkommene Geborgenheit schenken. Nie können wir einen Menschen in all seinen Facetten und Gedanken vollständig kennen. Marin erfährt Dinge über ihren Großvater, die ihr gesamtes Bild über ihn und sich und ihre kleine Familie ins Wanken bringen.

Diese Geschichte hat mich tief im Inneren berührt, ich war ganz nah an Marin dran. Man spürt ihre Verzweiflung, ihren Versuch, alles zu verdrängen, doch irgendwann auch ihren Versuch, sich endlich zu offenbaren und Hilfe anzunehmen. Die Entwicklung, die Marin durchlebt, ist wahnsinnig gefühlvoll und realitätsnah beschrieben. Das Buch gibt Hoffnung, dass egal was passiert, alles irgendwann wieder okay sein kann. Dass man irgendwann wieder bei sich selbst ankommt.

Sexualität spielt in der Geschichte nur eine kleine Rolle und ist einfach selbstverständlich. Marin und Mabel sind eine Weile lang ein Paar, vermutlich genau bis zu dem Zeitpunkt, als Marin wegläuft. Die beiden Freundinnen kommen sich in Rückblenden näher, was zu Beginn verwirrend ist, aber schnell zur wunderbarsten Sache wird, die hätte passieren können. Doch auch über diese Liebe hinaus, als Mabel längst mit einem Jungen zusammen ist, verbindet die beiden eine tiefe Zusammengehörigkeit, die durch Marins Verschwinden nicht aufgehoben wird. Es zeigt, dass Vertrauen und Verbundenheit tiefer sitzen als romantische Liebe und sie die Zeit überdauern.

Fazit

Alles Okay* ist schwermütig schön und eines der berührendsten Bücher, die ich seit Langem gelesen habe. Man spürt Marins Einsamkeit in jeder Zeile und ist ganz nah dabei, wenn sie nach und nach aus ihrer Kälte auftaut und neuen Mut für ihr Leben zulässt. Denn Familie geht über Blutsverwandschaft hinaus und da sind noch mehr Menschen, die alles stehen und liegen lassen, um Marin Halt zu geben. Es geht um Freundschaft und Verbundenheit, die über eine vergangene Liebesbeziehung hinausgehen und um Vertrauen – darum, wieder Nähe zuzulassen, damit alles wieder okay wird. Wahnsinnig poetisch, nah und authentisch, ohne einen großen Wirbel um Sexualität zu machen.

 

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Corni Holmes* • Lesen… in vollen Zügen* • Noch mehr Bücher* • Sarah Ricchizzi*

Eure Hannah 🙂

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5 Gedanken zu “[Rezension] Alles okay von Nina LaCour

  1. […] Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich über die Veröffentlichung Alles Okay* von Nina LaCour freue. Seit Jahren streune ich um dieses Büchlein in der Originalversion »We are okay« herum, weil man so viel Gutes hört und ich Nina LaCours Schreibstil so gerne mag. Sie hat nämlich auch Ich werde immer da sein, wo du auch bist* geschrieben, das mir in der Zeit nach »13 Reasons Why« durch meine Lethargie geholfen hat. Alles Okay* jedenfalls ist sehr viel queerer als das; es geht um Marin, die ihren Großvater verloren hat und nun sich mit ihrer früheren besten Freundin Mabel arrangieren muss, die plötzlich vor ihrer Tür steht und längst verdrängte Erinnerungen zurückholt. Langsam schafft es Mabel, zu Marin durchzudringen und ihre Lebensgeister wiederzuerwecken. Das Buch erscheint am 19. August 2019 im Hanser Verlag, hat 208 Seiten und kostet 16,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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  2. Liebe Hannah,
    deine Rezension bringt es genau auf den Punkt. Ich kann dir absolut zustimmen. Gestern habe ich „We Are Okay“ auf Englisch gelesen und in einem Zug beendet. Es ist so intensiv und sensibel und schön. Und gleichzeitig düster und einsam und wichtig. Dass Marins Sexualität nicht im Vordergrund steht, hat mir in diesem Roman wirklich sehr gut gefallen. Nicht ihr Liebesleben, sondern ihr Leben ist in diesem Roman so wichtig. Und das hat Nina LaCour wirklich ausgezeichnet niedergeschrieben.

    Heute ist euch meine Rezension online gegangen, vielleicht hast du ja Lust, vorbeizuschauen:
    https://sarahricchizzi.com/2019/09/08/rezension-we-are-okay/

    Alles Liebe,
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sarah,

      deine Rezension habe ich gerade gelesen, was für ein Zufall, dass unsere beiden am selben Tag erschienen sind. 🙂 Ich kann deine Gefühle dazu sehr gut nachvollziehen. Das Buch ist einfach was Besonderes, und der Umstand, dass Marins Sexualität so überhaupt nicht wichtig, aber trotzdem vorhanden ist, trägt einen ganz wichtigen Teil dazu bei. Ich freu mich, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. 🙂

      Liebe Grüße, Hannah

      Gefällt 1 Person

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