West, West Texas Cover (© Reprodukt Verlag)

[Rezension] West, West Texas von Tillie Walden

Vor einiger Zeit habe ich mit Pirouetten von Tillie Walden meine erste Graphic Novel gelesen und war überrascht, wie gut doch Emotionen auch ohne viel Text übermittelt werden können. Sie beschäftigte sich darin autobiografisch mit ihrem Coming Out und Eiskunstlauf als Profisport – bzw. ihren Ausstieg daraus und ihren Weg zu sich selbst. Nun ist bei Reprodukt mit West, West Texas* eine weitere ihrer Graphic Novels erschienen und das sogar vor dem Erscheinungstermin des Originals (»Are you listening?«)! Ich bin jedenfalls sehr begeistert von dieser jungen Künstlerin und dem Weg, den sie gegangen ist. Die Graphic Novel ist im August 2019 erschienen, hat 320 Seiten und kostet 29,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Bea ist von zuhause abgehauen und trifft mitten in der Nacht zufällig auf die zehn Jahre ältere Lou, die ebenso vor etwas davonzulaufen scheint. Beide wollen irgendwohin, am besten einfach weg, und schließen sich für die Weiterfahrt zusammen. Auf dem Weg gesellt sich noch eine entlaufene Katze zu ihnen, die laut ihrer Marke in West (West Texas) zuhause ist und die beiden jungen Frauen beschließen, die Katze zurückzubringen. Doch schnell folgen ihnen finstere Gestalten, die es auf ihre Katze abgesehen haben und die Welt um sie herum beginnt sich zu verändern, bis sie sich schließlich in einem Schneesturm und merkwürdigen Straßen wiederfinden… Und schaffen es ganz nebenbei, sich der anderen zu öffnen und den ersten Schritt zu gehen, ihre inneren Geister zu besiegen.

Meine Meinung

Graphic Novels lesen sich viel schneller als geschriebene Bücher, weil unsere Augen ein Bild und die Emotionen, die davon ausgehen, viel schneller erfassen können. Trotzdem dachte ich immer, Bilder könnten nie das Ausmaß an Emotionen erreichen, das durch die richtigen Worte ausgelöst werden kann. Was habe ich mich getäuscht.

Die Farbgestaltung in Lila, Blau und Orange und die ausdrucksstarke Charakterzeichnung haben es geschafft, dass ich beinahe meine Haltestelle verpasst hätte, als ich morgens im Zug auf dem Weg zur Arbeit mit dem Lesen begonnen habe. Beide Frauen tragen ein ziemlich großes Päckchen mit sich herum, das nach und nach an die Oberfläche dringt. Sie haben teilweise mit Angstzuständen und Panikattacken zu kämpfen, sobald sie merken, dass sie vor ihren Problemen nicht einfach so weglaufen können.

West, West Texas* schlägt im Gegensatz zu ihrer autobiografischen Geschichte eine Fantasy-Richtung ein, auch wenn das, was den Frauen auf ihrem Weg begegnet, nichts anderes ist als die Verkörperung ihrer Ängste, vor denen sie davon laufen. Es geht um Verlust und Missbrauch, um Angst, nicht bei sich selbst sein zu können. Dass beide Protagonistinnen lesbisch sind, spielt zwar besonders für die jüngere Bea eine Rolle, jedoch ist ihre Sexualität alles andere als das zentrale Thema dieser Geschichte. Ebenso wird mit Geschlechterrollen gespielt – im einen Moment wird Bea für einen Jungen gehalten, im anderen liebt sie es, Kleider und Röcke zu tragen.

Während Bea sich Lou irgendwann offenbart und damit den ersten Schritt geht, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, bleibt für mich Lous Wendung leider etwas undurchsichtig. Falls jemand die Graphic Novel schon gelesen und verstanden hat, wodurch sich Lou am Ende ihrer Sache wieder so sicher wird – sagt mir gern Bescheid!

Fazit

West, West Texas* hat wieder einmal bewiesen, wie gewaltig und emotional Bilder auf uns wirken können. Im Vergleich zu ihrer Autobiographie Pirouetten geht ihre neue Graphic Novel sehr in die Fantasy-Richtung um den Ängsten der Protagonistinnen Ausdruck zu verleihen. Straßen, die verschwinden, neue, die auftauchen, ein plötzlicher Schneesturm und mysteriöse Männer, die sie verfolgen – auf dem Weg, sich selbst zu finden auf einem Roadtrip der besonderen Art. Es geht um Identität, Verlust, Missbrauch und Sexualität, eingewebt in eine düster-melancholische Farbgebung, die es leicht macht, in die Geschichte hineinzufinden. Eine spannende und ergreifende Geschichte mit einer Prise Queerness und Feminismus, die ich allen empfehle, die etwas Besonderes suchen.

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●●●○
Liebe: ●○○○○
Erotik: ●○○○○
Originalität: ●●●●○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

Deutschlandfunk* • Ink of Books* • Radio Bremen*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.

4 Gedanken zu “[Rezension] West, West Texas von Tillie Walden

  1. […] Nachdem ich Pirouetten von Tillie Walden wirklich, wirklich schön fand, fieberte ich eigentlich auf die Übersetzung von On a Sunbeam* hin, eine queere SciFi-Graphic-Novel, doch stattdessen macht Reprodukt direkt mit West, West Texas* weiter, das noch nicht mal in der Originalversion erschienen ist. Wer also »On a Sunbeam« noch lesen möchte, der tue das bitte auf Englisch. 🙂 Ihre neueste Graphic Novel ist zwar nicht ganz so scifi-lastig, spielt dafür in einer sich verändern, surrealen Welt, die zwei Mädchen zusammen mit einer verlorenen Katze gemeinsam auf einem Roadtrip erkunden und dabei ihren ganz eigenen Weg zu sich selbst finden. Ich bin äußerst gespannt! Das Buch erscheint fast zeitgleich mit der Originalausgabe am 7. August 2019 im Reprodukt Verlag, hat 320 Seiten und kostet 29,00 €. (Inzwischen gelesen und rezensiert!) […]

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