Den Mund voll ungesagter Dinge Cover (© Heyne Verlag)

[Rezension] Den Mund voll ungesagter Dinge von Anne Freytag

Erst im März diesen Jahres erschienen, hat Den Mund voll ungesagter Dinge* von Anne Freytag in der Bücherwelt für Diskussionen gesorgt. Die Autorin hatte sich schon mit Mein bester letzter Sommer* in die Herzen der Jugendbuchleser geschrieben, was ich leider noch nicht gelesen habe (ich weiß, shame on me!). Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch durch eine weitere Testleseaktion meiner Buchhandlung, aber nachdem ich von seiner Existenz wusste, hätte ich es mir sowieso gekauft. Ihren Roman halte ich, wie schon so manchen, den ich hier im Blog vorgestellt habe, für außerordentlich wichtig für die LGBT+-Buchwelt. Lest weiter, und ihr erfahrt wieso! 🙂 Das Buch hat 400 Seiten, ist im Heyne Verlag erschienen, kostet als Klappbroschur* 14,99 € und als Kindle Edition* 11,99 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Sophie muss mit ihrem Vater von Hamburg zu seiner neuen Freundin und deren Kindern nach München ziehen, was ihr eigentlich überhaupt nicht in den Kram passt. Andererseits ist ihr bester und zugleich einziger Freund zu seiner großen Liebe nach Paris gezogen, also hält sie im Hamburg sowieso nicht mehr viel. Von ihrer Stiefmutter in Spe und deren Kindern hält sie nicht so viel, auch wenn sie es ihr verdammt schwer machen, das so zu empfinden. Durch Zufall beobachtet sie kurz nach Einzug die Nachbarstochter mehr oder weniger unabsichtlich beim Sex mit ihrem Freund – und wird prompt erwischt. Dabei dachte sie eigentlich, es würde sich bei Alex um einen Jungen handeln. Als sie sich kurze Zeit später persönlich kennen lernen, merken sie allerdings schnell, dass sie sich doch ganz gut leiden können. Auf einer Party kommt es beim Flaschendrehen zu einem Kuss – und danach ist nichts mehr, wie zuvor…

Meine Meinung

Zuerst zum Cover. Eigentlich mag ich knallige Cover nicht so gern. Schon gar nicht in der Signalfarbe Rot. Aber irgendwie passt es hier. Und irgendwie gefällt es mir hier. Der dünne Schriftzug in Regenbogenfarben kommt trotzdem zur Geltung und vielleicht brauchte der Roman auch einfach diese Auffälligkeit, um sich von seinem Vorgänger abzuheben.

Nun zur Story. Die Geschichte ist wirklich schön. Und genau hier setzen auch die Kritiker an: Ist die Geschichte ZU schön? Wo sind die Probleme mit der Homosexualität? Warum werden die dunklen Seiten des Coming Outs nicht beleuchtet? Ist alles ganz einfach, muss man sich denn keinen Problemen stellen? Doch, natürlich. Aber genau das ist es ja. Anne Freytag hat nicht darauf abgezielt, einen Coming-Out-Roman zu schreiben, der sich wie viele andere schon mit Ängsten, Zweifeln oder Mobbing beschäftigt. Kurz nachdem ich das Buch gelesen hatte, fand in selbiger Buchhandlung eine Lesung von Anne Freytag statt und ich durfte ihr die Frage stellen, die mir brennend auf der Seele lag: Warum hat sie eine Liebesgeschichte über zwei Mädchen geschrieben und das ohne die ganzen Schwierigkeiten, die in der Gesellschaft doch häufig noch vorkommen? Was hat sie dazu bewogen? Die Antwort war ganz einfach: Das war gar nicht geplant. Ursprünglich sollte es eine Geschichte über Sophie und Alex werden, in der Alex ein Junge ist. Doch für Alex wollte sich einfach kein richtiges Bild einstellen. Irgendwann stieß Anne Freytag im Internet auf das Bild eines Mädchens, bei dem sie feststellte: Das ist Alex! Und so wurde aus Alex ein Mädchen. Daher ist die Geschichte wie viele anderen Liebesgeschichten. Einfach und kompliziert, aber ohne den ganzen moralisch-gesellschaftlichen Kram. Das ist es auch, was ich so sehr an diesem Buch schätze, andere aber heftig kritisieren. Ich glaube hingegen, es sollte eben auch LGBT+-thematisierte Jugendbücher geben, die einfach eine intensive Liebesgeschichte zum Träumen und Mitfiebern erzählen, die nicht den mahnenden Zeigefinger schwingen: Beachte, du bist anders. Beachte, du wirst wahrscheinlich gemobbt werden. Das ist hier eben nicht der Fall.

Wie meistens habe ich aber auch hier eine Kleinigkeit zu meckern. Bestimmt sagt euch der Film Blau ist eine warme Farbe* etwas. Dieser wird in Anne Freytags Roman als Vergleich herangezogen, wie Sophie sich fühlt und wie eine lesbische Beziehung bzw. insbesondere lesbischer Sex funktioniert. Wie man die eigene Sexualität entdeckt. Ja, es ist einer der wenigen (aktuellen) Filme, der diese Themen behandelt. Trotzdem finde ich diesen Vergleich etwas unglücklich gewählt, da der Film ja bekanntermaßen in lesbischen Kreisen nicht so besonders gut bzw. realitätsnah ankam und auch die Schauspielerinnen beim Dreh nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht haben. Laut dem allgemeinen Tenor, den ich da bisher vernommen habe, hatte dieser Film doch eher ein heterosexuelles Publikum und wurde vom homosexuellen doch eher belächelnd und kopfschüttelnd aufgenommen (ohne hier jemanden zu nahe treten zu wollen). Auch ich finde die Botschaft (Spoiler: Adele kommt am Schluss wieder mit einem Mann zusammen! Was soll das denn?) und die Darstellung des Sex nicht so passend gewählt. Deshalb finde ich diesen Bezug im Buch nicht unbedingt glücklich gewählt, wobei ich diese Wahl natürlich nachvollziehen kann. Ich denke, von diesem Film haben viele Menschen gehört oder haben ihn sogar gesehen, also können die Leser auch etwas damit anfangen. An dieser Stelle fiel mir eben auch Anne Freytags mangelnde Erfahrung auf; vielleicht kann man sich eben auch nicht alles realistisch vorstellen oder durch Gespräche und Recherche in Erfahrung bringen. Aber da bin ich pingelig. Denn ich liebe dieses Buch und werde es immer wieder lesen.

Die Botschaft in diesem Roman finde ich nämlich großartig: Du musst dich nicht einordnen. Du musst in keine Schublade passen. Du kannst sein, wer du bist, lieben wen du willst, ohne dich als Lesbe, Hetero oder sonstwas betiteln zu müssen. Denn wer weiß schon, wie man sich morgen, in sechs Monaten oder in sechs Jahren fühlt oder in wen man sich verliebt? Sei einfach Du. Du musst dich nicht rechtfertigen.

Fazit

Den Mund voll ungesagter Dinge* ist ein wunderbarer Young-Adult-Roman mit einer Gefühlsachterbahn und kribbelnden Sommer-Schmetterlingen im Bauch. Er lädt zum Träumen ein und beschreibt die Liebesgeschichte ohne die üblichen gesellschaftlichen Schwierigkeiten. Das mag nicht jedermanns Sache sein, ist jedoch eine klare Empfehlung von mir, wenn ihr eine aufregende Liebesgeschichte sucht, die sich darauf fokussiert, was sie ausmacht: Die Liebe.

Humor: ●●●○○
Anspruch: ●●●○○
Spannung: ●●●○○
Liebe: ●●●●●
Erotik: ●●●○○
Originalität: ●●●○○

Eure Hannah 🙂

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8 Gedanken zu “[Rezension] Den Mund voll ungesagter Dinge von Anne Freytag

  1. Liebe Hannah,
    auch hier stimme ich dir zu, dass es fantastisch war eine Liebesgeschichte zu lesen bei der es auch unter zwei Mädchen in aller erster Linie um Liebe und nicht den Rest der Gesellschaft geht.
    Was für mich darin nur schwer ertragbar war, war Sophies Rache-Aktion am Ende. Das ist nicht wirklich eine Kritik. Ich gehe mal davon aus, dass ich nicht die einzige bin, der der Ekel in dieser Szene ins Gesicht springt. Natürlich ist das ein Beispiel dafür wie eindringlich Gefühle in diesem Roman dargestellt werden. Bei mir persönlich hat es aber dazu geführt, dass ich in dieser Szene ganze Abschnitte überspringen musste.
    Dennoch habe ich das Buch zu meinen Favoriten einsortiert. Denn die Situationen mit zarten, widersprüchlichen und starken Gefühlen waren ebenso toll beschrieben.
    Letztlich würde ich also in deinem Punktesystem den 5 Punkten bei Liebe absolut zustimmen.
    Liebe Grüße
    Becca

    Gefällt 1 Person

    • Oh ja, ich weiß, was du meinst. Ich hatte zwar kein Problem, die Stelle zu lesen, dachte mir aber auch: So würde ich niemals reagieren. Wie kann sie nur! Andererseits passt es in meinen Augen zu ihrem Charakter. Ich war einfach nicht überrascht. Ich mochte die Stelle zwar nicht und fand sie echt fies, aber da ich sie schlüssig fand, ist das für mich (wie du auch meintest) kein Kritikpunkt. Ich hatte die Stelle sogar fast wieder verdrängt. 😀 Danke für diesen Einwurf!
      Liebe Grüße, Hannah

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  2. schön, eine andere Meinung zu dem Buch zu hören. Ich finde deine Argumente auch schlüssig und ich hätte mir gehofft, dass Buch ebenfalls so gut zu finden. denn im Prinzip stimme ich darüber ein, dass es eine schöne kribbelnde Liebesgeschichte ist, das ist der Grund, warum ich das Buch auf der einen Seite mag. Auf der andwren Seite störrt es mich aber, dass sie ihre Bezjhung beginnen, indem sie Alex Freund betrügen und auch die Themstisierung von Sophies Sex ist mir aufgestoßen, insbesondere für junge Leser*innen sehe ich das etwas problematisch an, Dinge über sich übergehen zu lassen und nicht nein zu sagen.

    Gefällt 1 Person

    • Hmm, das kann ich nachvollziehen. Ich selbst habe damit beim Lesen nicht so große Probleme, weil ich nicht unbedingt finde, dass Bücher immer moralisch sein müssen. Ich verstehe den Aspekt aber gut, warum einige so eine Darstellung nicht lesen wollen und das bei jungen Lesern nicht die besten Vorstellungen unterstützt.

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