Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte Cover (© Heyne Verlag)

[Rezension] Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte von Anne Freytag

Auf Anne Freytags neues Buch Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte* bin ich nur aufmerksam geworden, weil ich es in einer Buchhandlung an einer LGBTQ+-Wand gesehen habe. Natürlich wusste ich vom Buch, aber nicht, dass es queer ist. Bis dato war ich also davon ausgegangen, dass es sich um ein Mädchen dreht, das in zwei Typen gleichzeitig verschossen ist und die Drei sich irgendwie zusammenraufen müssen. Eigentlich trifft das sogar zu; aber es geht noch viel tiefer. Das Buch ist im Mai 2019 im Heyne Verlag erschienen, hat 416 Seiten und kostet 16,00 €.

Kurzbeschreibung Inhalt

Drei Protagonisten, drei Geschichten, die sich ineinander verzweigen. Rosa wollte nach dem Abitur mit ihrem Freund Simon nach Australien reisen, der sie allerdings vorher sitzen lässt. David überredet Frank dazu, für ein paar Monate ans andere Ende der Welt zu verschwinden – und sagt kurz vor Beginn ab. So reisen Rosa und Frank alleine, bis sie sich zufällig begegnen, kennen lernen und ihre Reise von nun an gemeinsam fortsetzen. Bis David plötzlich auftaucht. Und alles durcheinanderbringt.

Meine Meinung

Anne Freytag ist bekannt für ihren besonderen Schreibstil und Tiefe, mit der sie ihre Geschichten erzählt. Nach Den Mund voll ungesagter Dinge habe ich eine ganze Weile nicht mehr zu einem ihrer Bücher gegriffen, obwohl ich die Geschichte so geliebt habe – vielleicht auch genau deswegen. Ich wusste nicht, was mich erwartet, ob sie mich wieder so vereinnahmen könnte. Doch sie konnte.

Sie weiß, wie sie mit kurzen Sätzen und wenigen Worten das Innere einer Person nach außen kehrt. Die Charaktere legen eine Wahnsinnsentwicklung hin, die man nur gebannt verfolgen kann. Sie kommen nach der Schule im Leben an, lernen, was es bedeutet, eigene Entscheidungen zu treffen und herauszufinden, wie man eigentlich leben und wer man sein will. Sie lernen, dass es okay ist sich zu öffnen, dass jeder Mensch einzigartig und besonders ist. Dass es kein »Richtig« gibt, an das man sich anpassen muss.

Die Darstellung der Dreiecksbeziehung ist Anne Freytag sehr authentisch gelungen. Zwischen Rosa, Frank und David entwickelt sich eine polyamoröse Beziehung, wobei wir in diesem Zusammenhang hauptsächlich den Weg dorthin miterleben. Die Autorin beschäftigt sich, wie auch schon in Den Mund voll ungesagter Dinge, nicht mit Sexualität, die von der Heteronormativität abweicht. Es geht zwar um gesunde Sexualität, darum, dass über Begehren gesprochen wird und dass Sex etwas ist, worüber man sprechen darf; doch nicht darum, welches Label man sich auferlegt. Dass David Rosa UND Frank will, dass Frank David UND Rosa in seiner Nähe braucht, wird wahnsinnig subtil in die Geschichte eingearbeitet. Es geht nicht um Schubladen, sondern um Menschen.

Im Verlauf der Geschichte habe ich mich immer wieder gewundert, manchmal auch ein bisschen darüber geärgert, dass die Beziehung zwischen Frank und David als »mehr als Freundschaft, fast wie Brüder« bezeichnet wird. Erst ganz zum Schluss gestehen sie sich ein, dass sie sich schon immer geliebt haben. Dass es aber irgendwie Rosa gebraucht hat, um sie alle zusammenzuführen. Das liest sich im Großteil der Geschichte so, als sei ihre Freundschaft so eng, dass sie es irgendwie überstehen, dasselbe Mädchen zu lieben und so irgendwie auch zu dritt klarkommen.

Aber: Es wird glücklicherweise anders aufgelöst. Und letztendlich macht diese langsame und subtile Hinführung Sinn, wenn man bedenkt, dass Anne Freytag damit sehr viel mehr Menschen erreicht, die dadurch eine Vorstellung erhalten, dass es nicht immer nur zwei Personen in einer Beziehung geben muss. Dass man sich in zwei Personen gleichzeitig verlieben kann und dass diese Personen nicht dasselbe Geschlecht haben müssen. Anne Freytag schafft Möglichkeiten. Sie hat ein Gespür dafür, wie sie Menschen erreichen kann und für Situationen öffnen, die sie so noch nicht selbst erlebt haben. Und genau aus diesem Grund, dass sie mit ihren Geschichten das Bewusstsein und das Verständnis von Menschen, die mit Queerness im Alltag nicht viel Berührung haben, öffnet und weiterentwickelt, sodass sie diese als selbstverständlich und logisch betrachten, bin ich der Autorin sehr dankbar für ihren Beitrag, den sie damit für eine Gesellschaft voll Akzeptanz leistet.

Die Geschichte ist sehr vereinnahmend und man beginnt selbst noch einmal, sein Leben zu überdenken. Wer allerdings nach einer besonders queeren Geschichte mit queeren Gedanken sucht, wird mit diesem Buch wahrscheinlich nicht glücklich. Drei Menschen, zwei Jungen und ein Mädchen, die sich alle ineinander verlieben und zu dritt sein müssen – darum geht es. Allerdings setzt sich keiner der Protagonisten damit auseinander, was das für seine Sexualität zu bedeuten hat. Deswegen eine kleine Warnung an queer-Leser. Obwohl es um eine queere Liebesbeziehung geht, beschäftigt sich das Buch nicht mit queeren Themen. Das Zusammenfinden passiert einfach und wirkt selbstverständlich. Das ist gleichzeitig das, was ich an der Geschichte so liebe.

Was natürlich ungemein zum Lesevergnügen beiträgt, sind die beschriebenen Landschaften, die zu jeder Situation passende Musik und die Menschen, denen Frank, Rosa und David begegnen. Zum Ende meiner Schulzeit sind viele meiner Mitschüler für ein paar Monate verreist – ich nicht. Und so kann diese Geschichte zum einen diejenigen an ihre freie Zeit nach dem Abitur erinnern, die sie mit Reisen verbracht haben, und gleichzeitig denjenigen ein paar der Erfahrungen mit auf den Weg geben, die diesen Schritt nicht gegangen sind.

Fazit

Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte*  ist tiefgehend und nah. Nah an den drei Protagonisten, die nach und nach nicht nur zueinander, sondern auch zu sich selbst finden. Die nach dem Abitur auf einer Reise durch Australien lernen, sich eigene Meinungen zu bilden und eigene Entscheidungen zu treffen, fernab von gesellschaftlichen Normen. Im Gegensatz zu vielen anderen queeren Geschichten beschäftigt sich diese hier NICHT mit unterschiedlichen Sexualitäten. Die Charaktere reflektieren Sexualität an sich, aber nicht ihre eigene, denken nicht darüber nach, was ihr Zusammenfinden für ihre Sexualität zu bedeuten hat. Gleichzeitig wirkt die Poly-Beziehung genau dadurch völlig natürlich, weil sie abseits von gesellschaftlichen Erwartungen entsteht. Wer eine besonders queere Geschichte mit queeren Gedanken sucht, wird mit diesem Buch vermutlich nicht glücklich. Für mich hat es allerdings die Bedeutung, dass Queerness selbstverständlich dargestellt werden und ohne Schubladen funktionieren kann. Noch dazu schreibt Anne Freytag einfach großartig – ihre Worte laden geradzu ein, darin zu versinken. Und das Ende – das Ende macht einfach glücklich. 🙂

Humor: ●○○○○
Anspruch: ●●●●○
Spannung: ●●○○○
Liebe: ●●●●○
Erotik: ●●○○○
Originalität: ●●●○○

Weitere gern gelesene Eindrücke dazu:

fairylightbooks* • Rainbookworld* • Sarah Ricchizzi*

Eure Hannah 🙂

*DIESE LINKS FÜHREN ZU EXTERNEN SEITEN, AUF DENEN IHR MEHR INFORMATIONEN ZUM JEWEILIGEN SCHLAGWORT FINDET. DAS KÖNNEN Z.B. VERLAGSSEITEN SEIN, NACHRICHTENSEITEN ODER HOMEPAGES DER AUTOREN. DIE VERLINKUNGEN ERFOLGEN FREIWILLIG UND WERDEN NICHT VERGÜTET.
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